Gegenüber Bayern hinkt Baden-Württemberg bei der tiefen Geothermie hinterher, aber derzeit werden im Südwesten mehrere Anlagen geplant, vor allem bei Karlsruhe und Mannheim. Dennoch bleiben viele Menschen skeptisch – ist deren Furcht begründet?
Im Streit um Habecks Heizungsgesetz konnte es einem so vorkommen, als sei die Wärmepumpe die einzige klimafreundliche Heizungsart und ergo die alleinige Zukunft. Dabei sollte man das Potenzial der tiefen Geothermie keinesfalls vernachlässigen – Andre Baumann, der grüne Staatssekretär im Umweltministerium, spricht für die geothermal aktiven Regionen Oberrhein, Bodensee und Oberschwaben von einem „Gamechanger“, also von einer Energieform, die alles zum Besseren ändern könnte. In München, das europaweit Vorreiter ist, laufen bereits sechs große Anlagen.
Bei der tiefen Geothermie werden Rohre in drei bis vier Kilometer Tiefe gebohrt, und in der Regel werden heiße Wasserschichten angezapft. Das heiße Wasser wird hochgepumpt, ein Teil der Wärme entzogen und das abgekühlte Wasser zurückgeleitet.
Mannheim muss ein riesiges Kohlekraftwerk ersetzen
Baden-Württemberg liegt dagegen zurück. Und hinter vorgehaltener Hand kritisieren manche schon, dass vor allem die EnBW zu lange gezögert hat beim Ausbau der tiefen Geothermie. Aber jetzt planen mehrere Akteure solche Anlagen. Am frühesten, schon vor fast 20 Jahren, hat tatsächlich die EnBW damit begonnen – ihre eher kleinen Geothermieprojekte in Bruchsal und im elsässischen Soultz-sous-fôrets hatten Forschungscharakter, sind mittlerweile aber kommerziell am Netz. Die Ergebnisse aus den beiden Projekten seien unendlich wichtig für Baden-Württemberg, betonen Experten, doch dann passierte lange nichts. Nun laufen Voruntersuchungen für eine große Anlage bei Mannheim, die die EnBW zusammen mit dem Mannheimer Versorger MVV realisieren will. Das dortige riesige kohlebetriebene Großkraftwerk, das bisher 160 000 Haushalte mit Wärme versorgt, geht in absehbarer Zeit vom Netz – die Geothermie insgesamt könne künftig, sagte EnBW-Experte Thomas Kölbel, ein Drittel der Wärme liefern. Ziel wäre es, dass die Anlage 2027 in Betrieb geht.
Eine Tochterfirma des Energieversorgers Badenova will bis 2026 im Freiburger Raum eine Geothermieanlage bauen, die bis zu 40 000 Personen mit Wärme versorgen kann. Kostenpunkt: 50 bis 60 Millionen Euro.
Die Vulcan Energy Resources mit Sitz in Karlsruhe hat eigentlich ein ganz anderes Ziel: Sie will in Deutschland über ein geothermales Verfahren auf CO2-freiem Wege Lithium gewinnen, das in der europäischen Batterieherstellung eingesetzt werden soll. Mehr als nur ein Abfallprodukt ist aber die Nutzung der Wärme: In Mannheim gibt es eine Vereinbarung mit dem dortigen Energieversorger MVV, dass Vulcan Energy ab 2025 Wärme liefert. Die Pilotprojekte des Unternehmens liegen aber in Rheinland-Pfalz.
Neugegründete Firmen machen der EnBW Konkurrenz
Die Deutsche Erdwärme, die ebenfalls in Karlsruhe angesiedelt ist, plant sogar fünf Geothermie-Kraftwerke. Drei sind noch im Planungsstadium. Das Projekt bei Waghäusel (Landkreis Karlsruhe) liegt derzeit auf Eis, weil die Einwohner bei einem Bürgerentscheid im März mehrheitlich dagegen gestimmt haben, dass die Gemeinde kommunale Grundstücke abtritt. Viele Menschen fürchten dort Erdbeben, die durch die Bohrungen ausgelöst werden können sowie eine Verunreinigung des Grundwassers. Der Sprecher des Unternehmens, Ron Zippelius, betont aber: „Wir können das Projekt auch ohne städtisches Grundstück umsetzen.“
Gebaut wird einzig schon bei Graben-Neudorf (Landkreis Karlsruhe). Das Kraftwerk soll 25 000 Haushalte mit Wärme versorgen und – nach einigen technischen Problemen bei den Bohrungen – jetzt spätestens Anfang 2026 in Betrieb gehen. Wie in Waghäusel sind auch in Graben-Neudorf nicht alle euphorisch. Auch Bürgermeister Christian Eheim fährt mit seinem Gemeinderat eine Doppelstrategie. Man wolle die regenerative Erdwärme nutzen und plane ein eigenes Wärmenetz; zudem beteilige man sich an der Projektentwicklungsgesellschaft des Landkreises, die mit der Deutschen Erdwärme intensiv zusammenarbeitet. In Dettenheim und Philippsburg wollen die Gemeinderäte dem Unternehmen auch Grundstücke zur Verfügung stellen.
Zugleich kritisiert Christian Eheim massiv das Land. Es habe Flächen an die Deutsche Erdwärme verkauft, ohne Gemeinde und Einwohner einzubeziehen – man fühlt sich überfahren. Zudem müsse das Land eine Bürgschaft einführen, damit mögliche Schäden zeitnah und unbürokratisch beglichen werden können. Das lehnt Staatssekretär Baumann ab – aber man sei mit den Versicherungen im Gespräch, die Höhe der Haftpflicht nach oben zu verschieben. Ansonsten lobt er die Vorzüge: „Geothermie stinkt nicht, raucht nicht, verbraucht sehr wenig Fläche und ist auch noch günstig für die Kunden“, so Baumann.
So ganz trauen dennoch viele der tiefen Geothermie nicht über den Weg. Das ist – neben dem kapitalintensiven Bau von Kraftwerken – das Haupthindernis bei der Erschließung der tiefen Geothermie. Am Oberrhein wurde diese Skepsis vor vier Jahren stark befeuert, als im Elsass bei Vendenheim 108 Erdbeben mutmaßlich durch Geothermie-Bohrungen ausgelöst worden waren. Das Projekt war daraufhin eingestellt worden. Umweltministerin Thekla Walker (Grüne) sagte dazu vor kurzem im Landtag, dass im Projekt gegen Auflagen verstoßen worden sei: „Das Vorgehen in Vendenheim war insgesamt sehr unglücklich, auch wie mit den geschädigten Bürgern umgegangen wurde, kann für uns kein Vorbild sein.“
Hohe Sicherheitsvorkehrungen im Südwesten
Bei den Vorhaben in Baden-Württemberg seien aber solche Schäden nicht zu erwarten, betont Andre Baumann. Denn es gebe im Südwesten eine ganze Reihe von Vorkehrungen gegen potenzielle Schäden. So erlaube man nur das Verfahren, bei dem in der Tiefe Thermalwasser angezapft wird, weil dazu weniger hohe Drücke notwendig seien. Eine 3D-Seismikprüfung sei vorgeschrieben, ebenso wie eine Schadensersatzversicherung. Zudem würden die Bohrungen permanent auch von behördlicher Seite kontrolliert. EnBW-Experte Thomas Kölbel betont zudem, dass man immer mit einem mehrwandigen System arbeite.
Tatsächlich gibt es ansonsten eine sehr große Koalition von Befürwortern. Die Landesregierung hat 2020 eine Roadmap für die tiefe Geothermie verabschiedet. Vor wenigen Tagen hat die grüne Landtagsfraktion nochmals ein Positionspapier verabschiedet – darin fordern die Abgeordneten, dass das Land Potenzialkarten erstellen und landeseigene Flächen für den Bau solcher Anlagen festlegen soll.
Selbst die FDP, sonst ein erbitterter politischer Gegner der grün-schwarzen Koalition, hält die Geothermie für krisensicher und klimafreundlich. Im Land verbringe diese Energieform aber noch einen Dornröschenschlaf, kritisierte der Liberale Daniel Karrais. Er hält die Einführung einer Landesbürgschaft ebenfalls für notwendig.
Betreiber fordern eine Absicherung ihrer Investitionen
Gerhard Bronner vom Landesnaturschutzverband sieht in der Geothermie ebenfalls gute Chancen, die vielen Kohlekraftwerke in der Rheinebene zu ersetzen. Und Axel Vartmann von der Plattform Erneuerbare Energien Baden-Württemberg dringt ebenfalls auf einen schnelleren Ausbau der tiefen Geothermie. Bisher stammten erst 16 Prozent der benötigten Wärme aus grünen Technologien: „Baden-Württemberg hat Aufholbedarf.“
Die Betreiber sind allerdings nicht ganz glücklich. Es brauche angesichts des hohen Kapitaleinsatzes eine Investitionsabsicherung analog zum EEG für Windkraft und Fotovoltaik, sagt Ron Zippelius. Ein Problem sei auch, dass ein Wärmenetz oft erst entsteht, wenn ein Kraftwerk fertig ist – man brauche deshalb Garantien für eine Mindestabnahme. In Graben-Neudorf werde die Wärme in der Übergangszeit in Strom umgewandelt, so Zippelius. Auch ein Mindestpreis sei sinnvoll, der bei fünf Cent pro Kilowattstunde liegen könne: Das sei einerseits lukrativ für die Nutzer und gebe den Betreibern andererseits Investitionssicherheit.
Tiefe Geothermie
Betrieb
Laut dem Bundesverband Geothermie sind derzeit 42 Anlagen in Deutschland in Betrieb, davon drei im Südwesten. Neben der EnBW-Anlage in Bruchsal werden ein Erlebnisbad in Weinheim und eine Kaserne in Pfullendorf mit Erdwärme versorgt.
Planung
Zwölf weitere Anlagen sind im Bau (eine davon in Baden-Württemberg, jene in Graben-Neudorf), 82 sind in Planung (etwa zehn).