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Thailand Zehn Jahre nach dem Tsunami

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Zehn Jahre nach dem Tsunami in Thailand. Wir haben die Bilder im Vergleich: Direkt nach dem Unglück und heute, zehn Jahre später. Foto: EPA

Khao Lak - Die Wahnsinnswellen, die Wucht des Wassers, der Höllenlärm, die Todesangst - bei denen, die den Tsunami im Indischen Ozean vom zweiten Weihnachtstag 2004 überlebten, ist das bis heute präsent. Wer aber die Orte der Zerstörung zehn Jahre später besucht, sieht blühende Touristenregionen in Thailand und ein lebendiges Wirtschaftszentrum in Indonesiens Provinz Aceh. Die verheerende Zerstörung von damals, die unzähligen Toten, Vermissten, Verletzten, Verzweifelten - kaum vorzustellen.

Die Straße vom Flughafen in die damals schwer verwüstete Stadt Banda Aceh in Indonesien führt heute an gepflegten Rasenflächen vorbei. Darunter sind die Massengräber von damals. Dahinter erhebt sich ein Tsunami-Denkmal in Form von riesigen blau-weiß schäumenden Wellen - was der Stille des Ortes eine bedrückende Schwere verleiht. Auch in Ban Nam Khem nördlich der thailändischen Touristenregion Khao Lak gibt es ein Denkmal mit meterhoher Welle. Daneben wacht ein 20 Meter großer goldener Buddha über einen Park mit Tempel: eine Oase der Ruhe. Vor zehn Jahren lagen hier Schuttberge und Leichen.

Familien und Freunde von Opfern haben in dem Park Gedenkkacheln angebracht. Die Firma ThyssenKrupp hat den Bau finanziert, wohl deshalb gedenken hier viele Deutsche ihrer Angehörigen.

„Neugierige Muschelsucherin, lebe wohl Mama“, steht auf einer Kachel. „Und wir dachten, wir hätten noch so viel Zeit“, auf einer anderen. Manche Fotos sind vergilbt, Inschriften verwittert. Nicht so bei David aus Tirol, damals elf: Sein Foto ist wie von gestern. Nur die Kette, mit der ein Spielzeugelefant an seiner Kachel befestigt ist, rostet.

Die Zerstörung in Khao Lak und am Patong-Strand auf der Insel Phuket weiter südlich sind in aller Welt so gegenwärtig, weil damals viele Touristen zunächst neugierig am Strand oder auf Balkonen standen und die Videokameras zückten, als das Wasser zurückging. „Man blieb einfach stehen, das war so faszinierend“, berichtete Manuela Hänzi später in dem Dokumentarfilm „Die Todeswelle“. Wer hatte damals schon von dem Wort „Tsunami“ gehört? Amateurfilme der Überlebenden brachten die Riesenbrecher, die kurz darauf über die Hotelanlagen hereinbrachen, fast in Echtzeit in deutsche Nachrichtensendungen.

Gut 8000 Menschen kamen in Thailand um, darunter mehr als 2200 ausländische Touristen. In Indien waren es gut 12 000, in Sri Lanka 40 000, und in der Provinz Aceh in Sumatra starben 170 000 Menschen. Aber das Elend dort blieb tagelang verborgen. Weil Telefone nicht funktionierten und wohl auch, weil keine Ausländer vor Ort waren.

„Rund um die große Lampu’uk-Moschee waren quasi alle Häuser fortgeschwemmt, der Teer der Straße weggerissen“, erinnert sich Ejodia Kakoensi, die damals für die Hilfsorganisation Johanniter sofort in Aceh war. „Die wenigen Überlebenden konnten ihre Grundstücke nur anhand der Brunnen erkennen.“ Einige Bewohner flüchteten auf das Dach der weißen Moschee, die wegen ihrer großen Fensterbögen, durch die das Wasser schwappen konnte, inmitten der Zerstörung stehenblieb.

Es dauerte Jahre, um die Reisfelder in Lampu’uk zu entsalzen und wieder nutzbar zu machen. Und noch länger, um die Häuser wieder aufzubauen - die nun nicht mehr überwiegend aus Holz bestehen, sondern aus Beton, mit Metallstangen verstärkt. Seit Kurzem gibt es eine Sirene, die am 26. jeden Monats ertönt. „Dann versammeln wir uns alle, um für die Toten zu beten“, sagt Mukra, die wie viele Indonesier nur einen Namen verwendet. Auch in der nahe gelegenen Provinzhauptstadt Banda Aceh ist nicht mehr auszumachen, welche Teile der Stadt damals zerstört wurden. Überall Märkte, Shopping-Malls, lärmender Verkehr.

Auch Khao Lak und Patong in Thailand sind zehn Jahre später wieder voller Leben. Die Küste ist für Postkartenmotive wieder die perfekte Kulisse: lange weiße Sandstrände, im Wind biegende Kokospalmen. Die Strandbars sind voll, Massagesalons buhlen um Besucher, auf den Restaurantterrassen werden frischer Fisch und Klebreis mit Kokosnussmilch und Mango serviert. Die gemütliche Backpacker- und Familienatmosphäre von damals sei aber dahin, sagen Anwohner.

„Es hat einen richtigen Boom gegeben“, sagt Polizist Taweesak Suduang. „Der Tsunami hat viele Bungalows weggespült, und an den Stellen sind große Hotelanlagen entstanden.“ Die Zahl der Hotelzimmer ist von 4500 auf 6500 gestiegen. Anders Broberg, der heute wie damals ein kleines Gästehaus betreibt, fehlt das Gemütliche: „Wir haben jetzt Sushi-Restaurants, ein Einkaufszentrum und jede Menge chinesische und russische Touristen.“

Im ersten Jahr nach dem Tsunami ging die Zahl der Besucher allerdings um 70 Prozent zurück. Rund 120 000 Leute verloren ihre Arbeit. Jetzt bringt der neue Touristenboom wieder Jobs. Bui Harntalay ist Köchin in einem großen Hotel. Sie lebt in Ban Bangsak nördlich von Khao Lak. In der Region kamen Tausende ums Leben. „Immer noch sind Wellengeräusche für mich wie Eisenpfähle, die in mein Herz gerammt werden“, sagt die 25-Jährige. „Es hörte sich an wie ein Hauseinsturz, als breche die ganze Welt zusammen.“ Sie beobachte damals fasziniert die Fische, die auf dem dampfenden Sand nach Luft schnappten.

Irgendeiner riss sie dann mit, und sie rannte um ihr Leben. Ihre Mutter Maesri holt ein Foto hervor. Der Rahmen ist ganz fleckig. Der Junge darauf ist noch gut zu erkennen. „Suchinda, mein Sohn“, sagt sie. „Wir haben drei Tage nach ihm gesucht.“ Sie zeigt Richtung Mangroven. „Dahinten haben wir ihn gefunden, unter einem Baum. Leiche 303.“ Suchinda war 13.

Der Indonesier Junaidi war damals 23 Jahre alt. „Als ich aus dem Haus lief, sah ich die Welle, höher als die Mangobäume“, erzählt er. Vom Ufer bei Banda Aceh rannten er und seine Familie in die Hügel, mehrere Kilometer weit, immer bergauf, bis das Wasser stoppte. „Ich wusste ja nicht, dass noch eine zweite Welle kommt. Sie erwischte uns. Ich klammerte mich an einen Baum fest, während das schmutzige Wasser über mich spülte.“ Seine Eltern aber überlebten es nicht.

Auch seine Frau Eka Sri Mawarti wurde vom Wasser fortgerissen. „Ich hielt meine Mutter und meine kleine Schwester fest im Arm.“ Drei Kilometer seien sie ins Inland gespült worden, wie in einer Waschmaschine. „Irgendwann konnte ich mich an einer Wurzel festklammern, bis das Wasser zurückging. Da sah ich, dass meine Schwester in meinem Arm tot war.“ Die Überlebenden hätten die Toten in den Hügeln begraben. Hilfe sei erst nach Tagen eingetroffen.

Marie-Theres Benner von der Hilfsorganisation Malteser International kam damals mit den ersten Helfern in die Region nördlich von Khao Lak. „Wir haben Nothilfe organisiert, Wasser, Decken, Verbandszeug, Medikamente“, sagt sie. „Man funktioniert dann wie am Schnürchen, aber irgendwann nehmen einen die schrecklichen Erlebnisse mit“, sagt sie. Die Bilder der Verletzten, die Leichen in den Straßen, der Verwesungsgeruch - das bleibe hängen. Benner ist mehrfach Weihnachten zurückgekehrt. „Ich brauchte das, um alles zu verarbeiten“, sagt sie.

In Thailand besuchen Touristen die verschiedenen Gedenkstätten regelmäßig. „So viele Tote, ich musste einfach meinen Respekt erweisen“, sagt etwa der Brite Ray Davis, der mit seiner Freundin gekommen ist. „Zu uns kommen oft Überlebende und bitten um Hilfe“, sagt der stellvertretende Polizeichef Monton Jairungsri. „Sie wollen die Orte wiederfinden, wo sie damals verletzt oder gerettet wurden.“

Monton hilft, aber er selbst sieht das wie viele Thailänder anders. „Was soll das ewige Erinnern?“, sagt er. Er wurde selbst damals von einer Welle erfasst und ein paar Kilometer landeinwärts bewusstlos an Land gespült. „Die Seelen haben ihre Ruhe gefunden, wir sollten das hinter uns lassen“, sagt auch Mönch Phra Kamo Viroj, dessen Tempel damals als Leichenhalle diente. „In der thailändischen Kultur rührt man nicht ewig in schlimmen Erinnerungen“, sagt Soziologin Prinya Laohateeranon. „Wir trauern privat. Wir behalten lieber die schönen Momente in Erinnerung, nicht den Todestag unserer Lieben.“

Das Tsunami-Museum in Indonesiens Banda Aceh hingegen ist am Wochenende voller Schulkinder, Frauen in bunten Kopftüchern und Reisegruppen. Sicherlich zwei Drittel der Besucher seien aus Aceh, schätzt Raihal Fajriah, die am Eingang arbeitet. Direkt dahinter beginnt ein langer, enger, dunkler Gang, mit 32 Meter hohen Wänden - so hoch wie die Welle damals an manchen Orten Acehs war. An den Seiten fließt spritzend Wasser herab. „Wir haben auch einen anderen Eingang für die Menschen, die ein Trauma durchmachten“, sagt Fajriah.

In den Innenräumen stehen etwa Miniaturen von Banda Aceh damals und heute sowie eine Skulptur des Elektrizitätsschiffs, das sechs Kilometer im Inland gefunden wurde. Dazu viele, viele Fotos. „Das alles erinnert mich an die ersten Tage danach, ich kann den Schmerz noch fühlen“, sagt Sindu Utomo, die aus der Hauptstadt Jakarta angereist ist. „Wir werden uns so bewusst, dass wir menschliche Wesen sind. Und wir sehen, wie wichtig es ist, sich gegenseitig zu helfen.“

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