Die Zurückweisung des aktuellen Angebots durch die EVG birgt für alle Seiten Risiken. Den Fahrgästen, die eigentlich nur unterwegs sein sollen, könnte das Verständnis abhanden kommen, kommentiert Christian Milankovic.
Es gehört zu den Ritualen einer Tarifauseinandersetzung, das Angebot oder die Forderung der Gegenseite mit Empörung und Abscheu zurückzuweisen. So weit, so bekannt, so ermüdend. Auch wenn die neueste Entwicklung im Ringen zwischen der Deutschen Bahn (DB) auf der einen und der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) anderen Seite scheinbar diesem gut eingeübten Schema folgt, so stellt sie doch einen bemerkenswerten Vorgang da.
Hoffnung schwindet
Ein Plus von zwölf Prozent, wie es die DB in ihrem Angebot erkennt, ist in den Augen der Bahngewerkschafter „unzureichend“. Das ist mal eine Ansage. Wer die Aussagen auf beiden Seiten des Verhandlungstisches liest, dem schwant nichts Gutes. Die zarte Hoffnung auf eine Einigung, die nach dem Vergleich der Kontrahenten Mitte Mai aufgekommen war, ist wieder dahin.
Gewerkschaft auf schmalem Grat
Die EVG verhandelt aus einer Position der Stärke. Eisenbahner werden dringend gesucht, die Arbeitgeber müssen die Arbeitsplätze nicht zuletzt durch einen guten Lohn attraktiv machen, um den Kampf um die Köpfe zu gewinnen. Die Politik setzt auf die Bahn als Rückgrat der viel beschworenen Verkehrswende. Doch aus der wird nichts mit leeren Führerständen in den Lokomotiven und unbesetzten Stellwerken an den Strecken. Dass das System Eisenbahn mit deutlich weniger Menschen funktionsfähig gehalten werden kann, ist allenfalls die Verlockung einer fernen, digitalen Zukunft. Doch die Gewerkschaft bewegt sich auf einem schmalen Grat. Durch das Zurückweisen des aktuellen Angebots lädt sie die Deutsche Bahn gerade zu dazu ein, die Arbeitskämpfer als bockig und maßlos hinzustellen.
Das allerdings verschafft der Bahn höchstens minimale Geländegewinne in der öffentlichen Wahrnehmung. Tatsächlich hat die DB im wahren Wortsinn so viele Baustellen, dass sie sich auf der einen Seite einen ausufernden Arbeitskampf nicht leisten kann, andererseits aber einen gewaltigen Gehaltssprung in der Belegschaft auch erst einmal finanzieren können müsste? Die ohnehin schon hohen Ticketpreise weiter anheben? Die eigene Verschuldung weiter anheizen? Beim Eigentümer, dem Bund, mehr Unterstützung einfordern? Die Verhandlungsposition des Staatskonzerns ist alles andere als kommod.
Droht ein Streiksommer?
Und der Dritte im Bunde? Die Bahnfahrgäste können das Treiben nur aus der Distanz beobachten, obwohl sie die Leidtragenden wären, wenn sich eine Einigung erst nach einem Streiksommer auf der Schiene einstellen sollte.
Dabei ist eigentlich alles angerichtet, dass Bahnunternehmen und Beschäftigte zeigen können, dass sie eine echter Alternative zu bisherigen Mobilitätsformen sein können. Das Deutschlandticket, für das die öffentliche Hand tief in die von den Steuerzahlern gefüllten Kassen greifen, könnte die Massen gerade im Sommer in die Züge locken – so sie denn auf breiter Front auch fahren. Wer wiederholt die Erfahrung macht, sich nicht auf das System Bahn verlassen zu können, den werden auch vergleichsweise günstige 49 Euro nicht zum Umsteigen bewegen können.
Ansporn zur Einigung
Es steht also viel mehr auf dem Spiel als die Frage, wer am Ende der Tarifauseinandersetzung mehr von seinen Vorstellungen hat durchsetzen können. Nach der neusten Entwicklung aber, haben sich die Kontrahenten eher in ihren Stellungen verschanzt, als sich aufeinander zuzubewegen. Die Geduld derer, die das System finanzieren, ist endlich. Diese Erkenntnis sollte beide Seiten Ansporn genug sein, alsbald zu einer Einigung zu kommen, um sich dann wieder dem Kern der Angelegenheit zuzuwenden: Menschen und Güter schnell, günstig und zuverlässig von A nach B zu bewegen.