Strom und Gas sind in der Grundversorgung immer noch teuer – verdeckt durch die Preisbremse (Symbolbild). Foto: dpa/Jens Büttner

Strom und Gas in der Grundversorgung bleiben in Baden-Württemberg vielfach teuer. Das bekommen derzeit nicht alle Kunden zu spüren – doch auch sie sollten auf die Preise am Strom- und Gasmarkt achten.

Im vergangenen Jahr haben viele Strom- und Gaskunden in die Grundversorgung gewechselt – gezwungenermaßen, weil Anbieter wie Gas.de im Dezember 2021 allen Kunden gekündigt hatten, oder freiwillig, weil die Tarife angesichts der drohenden Gaskrise relativ günstig waren. Zum Jahresbeginn sind die Preise in der Grundversorgung in teils astronomische Höhen geschossen – und sie bleiben hoch, wie Daten des Vergleichsportals Verivox für Baden-Württemberg zeigen. Wegen der bundesweiten Preisbremse bemerken das viele Kunden aber derzeit nicht.

 

Wie haben sich die Preise entwickelt?

Zwischen Januar und Juli hat im Südwesten etwa jeder fünfte Strom- und Gasanbieter seine Grundversorgungspreise gesenkt, die meisten sind jedoch gleich geblieben, einige teurer geworden. Im Landesschnitt sind die Preise der rund 120 Anbieter laut Verivox leicht gesunken. Die Unterschiede bleiben jedoch enorm: Zwischen rund 6300 und 1800 Euro berechnet Verivox für den Gasverbrauch eines Familienhaushalts, zwischen 3700 und 1100 Euro für Strom. Für Gas werden 20 000 Kilowattstunden (kWh) Verbrauch, für Strom 4000 kWh angenommen und der momentane Preis auf zwölf Monate hochgerechnet – auch wenn sich die Preise innerhalb eines Jahres noch ändern können.

Warum sind einige Versorger so teuer?

Der Grundversorgungstarif ist stark reguliert, der Anbieter vor Ort mit den meisten Kunden muss ihn anbieten – oft die örtlichen Stadtwerke. Deshalb beschaffen die Anbieter die Energie meist langfristig. Als vergangenes Jahr die Tagespreise für Energie infolge des russischen Überfalls auf die Ukraine in die Höhe schossen, reagierten die Grundversorger darauf nicht sofort, weil sie vor der Krise zu deutlich günstigeren Preisen eingekauft hatten. Ein Jahr später verlangen viele Grundversorger aus demselben Grund sehr hohe Preise: Sie mussten sich im Krisenjahr 2022 teuer eindecken. Weil sie ihre Tarife nicht so häufig anpassen, geben sie die mittlerweile deutlich günstigeren Marktpreise erst mit Verzögerung an die Kunden in der Grundversorgung weiter.

Spüren die Kunden das?

Faktisch bezahlen die Kunden in teuren Tarifen derzeit deutlich weniger für Strom und Gas – wegen der bundesweiten Preisbremse. Davon profitieren auch Kunden in der Grundversorgung. In Altensteig beispielsweise sinken für sie die Kosten für 20 000 kWh Gas von 6339 auf 3321 Euro jährlich. Wer bei den günstigen Stadtwerken Ettlingen in der Grundversorgung ist, erhält dagegen keinen Rabatt. Die Entlastung zahlt letztlich der Steuerzahler – was die teuersten Anbieter dem Verdacht aussetzt, sich auf Kosten der Allgemeinheit zu bereichern.

Was sagen die Grundversorger dazu?

„In der Krise waren wir Grundversorger das Sicherungsnetz. Das dankt einem niemand, und jetzt haut jeder auf uns drauf“, sagt der Prokurist der Stadtwerke Altensteig, Florian Weinhardt. Vergangenes Jahr habe man für die relativ vielen neu in die Grundversorgung gekommenen Kunden teuer Gas eingekauft. Von diesen sei fast die Hälfte schon wieder weg, und für das doch nicht benötigte Gas kriege man heute nur noch einen Bruchteil des Geldes. Ähnliches melden die größeren Stadtwerke in Backnang, die ebenfalls zu den teuersten im Land zählen, aber teilweise noch 2023 die Preise senken wollen. „Mit der langfristigen und kontinuierlichen Beschaffung haben die Stadtwerke die Kunden in der Energiekrise vor den größten Preisspitzen bewahrt“, betont Sebastian Koch von den Stadtwerken Ulm/Neu-Ulm.

Ist das ein Fall fürs Bundeskartellamt?

„Gerne kann das Kartellamt die Kostenstruktur meines Einkaufs überprüfen“, sagt Stephan Miller von der Gebrüder Miller Elektrizitätsversorgung im oberschwäbischen Schwendi. Das Bundeskartellamt hatte im Mai erklärt, erste Prüfverfahren wegen möglicherweise überteuerter Tarife eingeleitet zu haben. Welche das sind, teilte die Behörde nicht mit. Sie „betreffen nicht die Stadtwerke Backnang“, erklärt deren Geschäftsführer Thomas Steffen. Ein Sprecher der Behörde erklärte, man nenne weder die Zahl der überprüften Unternehmen noch deren Namen.

Gibt es wieder günstige Alternativen?

Laut einem Verivox-Sprecher gibt es derzeit „Rekord-Sparpotenzial“ für Strom- und Gaskunden, Tarife für Wechsler bewegen sich teils auf Vorkrisenniveau und unterhalb der Preisbremse – bei etwa 9 Cent/kWh für Gas und 30 Cent/kWh für Strom. „Wenn mein Anbieter deutlich über der Preisbremse liegt, bietet es sich an zu wechseln“, sagt Matthias Bauer von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Er empfiehlt jedoch, bei allzu günstigen Anbietern vorsichtig zu sein, die womöglich nur kurzfristig günstige Börsenpreise mitnehmen. Schlimmstenfalls könnten sie sich nicht dauerhaft halten. Kurze Laufzeiten und Kündigungsfristen können helfen, auf Preissprünge zu reagieren.

Das Sparpotenzial zeigt sich am Beispiel Altensteig: In der Gas-Grundversorgung zahlen Kunden für 20 000 kWh Jahresverbrauch 277 Euro im Monat, bei den günstigsten Anbietern rund 100 Euro weniger.

Was passiert da gerade am Markt?

Es findet eine Normalisierung statt, weil auch die Börsenpreise für Strom und Gas stark gesunken sind. Die Grundversorgung ist wie vor der Krise in der Regel wieder teurer und eher ein kurzfristiges Auffangnetz. Die meisten Grundversorger berichten auf Anfrage, dass die Zahl ihrer Kunden im Grundversorgungstarif wieder auf dem Niveau von 2021 liegt. Vorerst bis Jahresende gilt die Preisbremse, eine Verlängerung ist möglich. Sollte sie auslaufen, droht Kunden in teuren Tarifen ein böses Erwachen.