Panikattacken und schlaflose Nächte – die sechs Tankstellenüberfälle, wegen denen sich ein 26-Jähriger derzeit vor dem Landgericht Rottweil verantworten muss, haben für die Opfer zum Teil schwerwiegende Folgen. Das zeigt der zweite Verhandlungstag.
Die psychischen Folgen für die Opfer wiegen zum Teil schwer. Am zweiten Verhandlungstag kommen jene vor der Ersten Großen Strafkammer des Rottweiler Landgerichts zu Wort, die bei den Tankstellenüberfällen in Sulz, Oberndorf-Bochingen, Rottweil und Balingen dem 26-Jährigen Täter und seinem gezückten Messer gegenüberstanden.
Dieser hatte am ersten Verhandlungstag ein umfassendes Geständnis abgelegt, so dass sich der Vorsitzende Richter Karlheinz Münzer in seiner Befragung der Zeugen vor allem auf deren psychische Verfassung nach den Überfällen konzentrieren konnte.
Drei der insgesamt sechs überfallenen Tankstellenmitarbeiter sind Nebenkläger. Sie sind zum Teil schwer traumatisiert, leiden unter Schlafstörungen, haben Angst allein vor die Tür zu gehen. Eine Zeugin wird seit der Tat von Panikattacken heimgesucht.
Angstzustände seit der Tat
Wie die 19-Jährige vor Gericht schildert, muss sie seit dem Überfall auf ihre Tankstelle in Bochingen Medikamente nehmen. Die Abiturientin habe für fünf Wochen nicht mehr zur Schule gehen können, habe nicht schlafen und essen können, sei notenmäßig so abgerutscht, dass nun das Abitur auf dem Spiel stehe.
„Als der Täter gefasst wurde, wurde es besser“, erzählt die junge Frau. Seit sie die Vorladung zur Gerichtsverhandlung samt Entschuldigungsbrief des Angeklagten erhalten habe, ginge es ihr wieder schlechter. „Es ist, als wäre es gestern gewesen“, sagt sie. Tränen kullern ihr übers Gesicht, während sie Münzers Fragen zur ihrer Verfassung und zur Tat beantwortet.
Sie ist in psychologischer Behandlung bei einer Traumatherapeutin, die sie über die Berufsgenossenschaft ihres Arbeitgebers zur Verfügung gestellt bekommen hat, sowie auch die anderen Mitarbeiter der überfallenen Aral-Tankstellen in Sulz und Rottweil, wie vor Gericht zu erfahren ist.
Tochter alarmiert die Polizei
Als am 6. Oktober die Aral-Tankstelle in Rottweil von dem in Serbien geborenen jungen Mann überfallen wurde, war nicht nur die 49 Jahre alte Tankstellenmitarbeiterin anwesend, sondern auch deren Tochter. Kurz nach Dienstbeginn um 18 Uhr habe sie von ihr Besuch bekommen. Kurz danach sei der maskierte Täter hereingekommen, mit einer Plastiktüte und einem Messer in der Hand. Sie habe ihn dann in ein Gespräch verwickelt, weil sich die Kasse nicht so ohne weiteres öffnen lasse.
Die Gelegenheit habe ihre Tochter genutzt und die Polizei gerufen. Sie und ihre Tochter (18) habe das Erlebte sehr mitgenommen, erzählt sie dem Richter. Eine latente Angst sei sowohl bei ihr als auch ihrer Tochter immer noch da.
70-Jähriger Chef stellt den Täter
Die überfallene Mitarbeiterin der kleinen privaten Tankstelle Nordgarage in der Oberndorfer Straße in Rottweil kam glimpflicher davon. Die 52-Jährige konnte, während der 26-jährige Täter das Messer auf sie richtete, mit einer Klingel den Chef im Hinterzimmer alarmieren, der auch umgehend zur Hilfe eilte. „Leg das Messer weg, oder ich bepp’ dir eine“, habe der 70 Jahre alte Chef zum Täter gesagt. Worauf dieser geantwortet habe: Er brauche das Geld für seine Kinder, die haben Hunger. „Ich habe dann zu ihm gesagt: Dann geh arbeiten du faule Sau, dann hasch Geld“, erinnerte sich der 70-Jährige. Woraufhin der Angeklagte das Messer runtergenommen und den Laden verlassen habe.
Doch auch für den resoluten Tankstellenchef habe der Vorfall Folgen gehabt. Die Mitarbeiterin „ eine Perle“ habe daraufhin gekündigt. Was er bereue sei, dass er nicht umgehen die Polizei über den Überfall informiert habe. „Das war ein Fehler“. Er sei in 43 Jahren vier Mal überfallen worden – da brüht man vielleicht auch ein wenig ab. Der 70-Jährige nahm auch als einziger die Entschuldigung des Angeklagten an.
Die Verhandlung wird nun am Montag, 22. April, fortgesetzt. Neben dem Psychologischen Gutachten werden auch die Plädoyers sowie das Urteil erwartet. Verhandlungsbeginn ist um 9 Uhr.