Barbara Böcker (links) und Debora Mejerl von der Römer-Apotheke bedauern die Lieferengpässe. Da bleibt so mache Schublade in der Apotheke leer. Foto: Siegmeier

Viele Apotheker im Kreis Rottweil beteiligen sich an der Streikaktion „Apotheken kaputtsparen? Mit uns nicht!“. Am 14. Juni bleiben viele Apotheken geschlossen. Wir haben uns umgehört: Wer macht mit? Und warum?

In verschiedenen Bundesländern legen dieser Tage Apotheker die Arbeit nieder, so auch im Kreis Rottweil. Für den 14. Juni ruft die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) zu einem Protesttag auf. Kritikpunkte gibt es viele, unter anderem steigende Kosten, insbesondere Lohnsteigerungen in den Apotheken und die zuletzt stark angestiegenen Energiekosten.

 

Rottweil: „Wirtschaftliches Arbeiten ist so nicht mehr möglich“ Der Frust innerhalb der Kollegenschaft sei groß, wie Eckart Sailer, Apotheker, Pharmazierat und Inhaber von „Sailers Apotheken“ in Rottweil die derzeitige Situation bei den Apothekern schildert. Deswegen befürworte man einhellig den Streiktag am 14. Juni. „Es sind nur sehr wenige, die sich daran nicht beteiligen“, informiert er. Alle 20 Stunden schließe in Deutschland eine Apotheke. „Und das bereits seit Jahren“, weiß Sailer und sieht, wie auch seine Kollegen, die niederschwellige ortsnahe Versorgung der Kunden mit Medikamenten in großer Gefahr. Deswegen müsse man jetzt auf die Missstände aufmerksam machen.

Personal und Nachfolger sind Mangelware

Stefan Zürn, von der Apotheke Zürn in Zimmern spricht ein weiteres Problem an: „Mitarbeiter sind ein wichtiges und sehr knappes Gut. Und um sie zu halten, müssen wir sie auch ordentlich bezahlen“, sagt er. Zudem müssten die Apotheken, nicht zuletzt in der Zeit der Pandemie immer mehr Leistungen und Service erbringen, bekämen aber immer weniger Geld. „Wenn es politisch gewollt ist, dass wir 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr geöffnet haben, dann muss sich das auch mehr auf der Vergütungsseite zeigen.“, so Zürn. Stefan Zürn übergibt seine Apotheke zum Jahreswechsel an seinen Sohn Moritz. Und gerade mit Blick auf die Nachfolgeregelung sieht er die Entwicklung umso kritischer.

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Lieferengpässe sind „hausgemacht“

Die goldenen Zeiten der Apotheken sind längst vorüber, betont auch Claudia Schneider, Inhaberin von Schneiders Apotheke im Markt. Mehr als zehn Jahre habe es keine Vergütungsanpassung mehr gegeben. „Und die zusätzlichen zwei Euro Kassenabschlag, die nun pro rezeptpflichtigem Medikament abgezogen werden, die tun richtig weh“, sagt sie verärgert. Die von Gesundheitsminister Karl Lauterbach gewährten 50 Cent, die für „höheren Aufwand“, beispielsweise bei Rezepturen abgerechnet werden dürfen, sieht sie als „Frechheit“.

Die Lieferengpässe sieht Schneider als „hausgemacht“. Die Pharmafirmen im Ausland bekommen von anderen Ländern mehr Geld für die Medikamente. Es ist für sie nicht mehr rentabel nach Deutschland zu liefern. Und da sie auch nur eine bestimmte Menge an Arzneien produzieren, werden sie eben dorthin verteilt, wo es ordentlich Geld gibt“, erklärt die Pharmazeutin. Deswegen wird auch sie sich mit ihren Mitarbeitenden an der Protestaktion beteiligen.

Claudia Schneider, von Schneiders Apotheke im Markt, beteiligt sich an der Protestaktion. Foto: Siegmeier

Schramberg: „Die Vergütungen bleiben, die Gehälter und andere Kosten steigen“ Birgitt Mäntele ist Inhaberin der Römer-Apotheke im Medzentrum Schramberg und in Waldmössingen. Zum Streik sagt sie: „Wir überlegen noch und stimmen uns mit den Kollegen vor Ort ab.“ Zum ausgerufenen Protesttag sagt sie: „Die Vergütungen bleiben, die Gehälter und andere Kosten steigen.“ Nach wie vor seien die Lieferengpässe eine Katastrophe, zum Beispiel bei Antibiotika, Fiebersäften und sogar Krebsmedikamenten. Ein Grund dafür wäre, dass im Ausland mehr für diese Produkte bezahlt werde und sie dann abwandern.

Cajetan Rapp, Inhaber der Löwen-Apotheke in Tennenbronn und der Burg-Apotheke in Schramberg kündigt auf den Webseiten seiner Standorte die Beteiligung am Protesttag an: „Gesundheit statt Mangel“ ist dort zu lesen.

Sulz und Vöhringen: „Der Arznei- und Mitarbeitermangel versetzt die Apotheker in Stress“ Michael Birke, Mitinhaber der Linda-Apotheke am Neckar in Sulz, sieht den Streik als wirklich notwendig an: „Wir würden sehr, sehr gerne mitmachen.“ Die Situation in den Apotheken müsste öffentlich sichtbar werden. Ob seine und die Apotheke am Rathaus in Sulz beim Streik mitmachen, sei aber noch nicht sicher. Die Inhaber der beiden Apotheken seien noch im Gespräch über die Entscheidung. Sven Gerster, Inhaber der Apotheke am Rathaus, äußerte sich am Freitag unserer Redaktion gegenüber nicht dazu.

Umdenken in Bevölkerung nötig

Die Neckar-Apotheke in Vöhringen fackelt nicht lang: „Wir sind beim Nicht-Dasein dabei“, betont Apotheker Ronald Schmidtke. Die Apotheke mache beim Streik mit. Das, was in den Apotheken momentan los sei, müsse an die Öffentlichkeit, unterstreicht er: „Der Arznei- und Mitarbeitermangel versetzt die Apotheker in Stress.“ Lange sei das nicht mehr möglich. Es benötige ein Umdenken in der allgemeinen Bevölkerung und der Politik, sonst gebe es bald vielleicht keine Apotheken mehr im ländlichen Raum.

Oberndorf, Dornhan und Alpirsbach: “Wir sind jeden Tag stundenlang damit beschäftigt, lieferfähige Medikamente aufzutreiben“ Auch die Apotheken in Oberndorf, Dornhan und Alpirsbach sind sich einig: Am 14. Juni bleiben ihre Türen geschlossen. Den Notdienst übernimmt die Zentral Apotheke von Franz Moser in Fluorn-Winzeln.

Nicole Quandt, Inhaberin der Apotheke am alten Rathaus und der Lindenhof Apotheke in Oberndorf sowie der Alten Apotheke und der Spittel Apotheke in Schramberg sagt dazu: „Wir sind jeden Tag stundenlang damit beschäftigt, lieferfähige Medikamente aufzutreiben. Es ist eine schwierige Situation, dazu kommen die steigenden Personal- und Energiekosten. Und dann kürzt man uns das Honorar.“ Man wolle auf die prekäre Lage aufmerksam machen: „Wir wollen mit unserem Streik ein Zeichen setzten.“