Der Tag der Biene an diesem Samstag soll auf die Bedrohung der Tiere aufmerksam machen. Kirsten Traynor beschäftigt sich jeden Tag mit den Insekten und weiß, wie es ihnen geht. Ein Besuch bei der Leiterin der Landesanstalt für Bienenkunde in Hohenheim.
Es summt und brummt vor der Landesanstalt für Bienenkunde in Hohenheim. Zu dieser Jahreszeit herrscht da reges Treiben und Schwirren an den Bienenstöcken. Endlich können die Bienen ausschwärmen, sich reinigen und nach Nektar und Pollen suchen. Im deutlich zu nassen April war das nicht möglich.
Kirsten Traynor ist mit einem Smoker, der Rauch zur Beruhigung der Bienen erzeugt, ausgestattet. Hinter dem Institut reihen sich Bienenstöcke aneinander, fast jeder ist Teil eines Versuchs, den Traynor mit Kollegen oder Studenten durchführt. In Hohenheim erforschen sie, wie Pflanzenschutzmittel auf Bienen wirken, wie die Artenvielfalt in urbanen Räumen gefördert oder die Biene vor Parasiten geschützt werden kann.
Seit einem Jahr ist Traynor Leiterin der Landesanstalt für Bienenkunde, zuvor leitete sie das Institut für Bienenkunde in Celle. Mit einem silbernen Meißel hebt sie das Dach des Bienenstocks an. Dann löst sie einen der Rahmen, in den die Bienen Honigwaben bauen. Sie arbeitet routiniert, unterbricht kurz ihre Schilderungen und konzentriert sich, um keine Biene mit dem Meißel zu zerdrücken. Hunderte Male schon hat die 42-jährige Wissenschaftlerin einen Stock geöffnet. Bienenkunde ist sowohl ihr Beruf als auch ihre Leidenschaft.
Leere Supermarktregale ohne Bienen
Alles beginnt auf einer Farm in Maryland, wo sie nach ihrem Literaturstudium arbeitet. Ein Imker hat dort fünf Bienenvölker aufgestellt und lädt sie ein, ihm über die Schulter zu schauen. Als sie den lieblichen Geschmack des Akazienhonigs probiert, den der Imker geerntet hat, ist ihre Bienenliebe entfacht. Sie macht einen Imker-Schnupperkurs, gewinnt dort eine Bienenbehausung, für die sie schon bald ein Volk findet. Auf ihre Arbeit als Imkerin folgt ein Biologiestudium und eine Doktorarbeit in Bienenkunde über die Unterschiede zwischen europäischer und amerikanischer Imkerei.
Traynor widmet ihr Forscherleben einer Spezies, die teils vom Aussterben bedroht ist. 2017 zeigt eine Krefelder Studie, dass die Insektenzahl in Deutschland in 27 Jahren um drei Viertel zurückgegangen war – und bestätigt im Wesentlichen, was seit Jahren schon bekannt war: Der Schwund an Insekten und damit der Artenvielfalt ist enorm. Von dem massiven Rückgang betroffen sind auch Bienen, die wichtigsten Hilfskräfte in der Landwirtschaft. Sie bestäuben rund 80 Prozent der Nutz- und Wildpflanzen.
Zahl der Honigbienenvölker steigt
Ohne Bienen würde nicht nur der Honig auf dem Frühstücksbrötchen fehlen. Obstarten wie Erdbeeren, Heidelbeeren, Brombeeren, Himbeeren, Birnen, Äpfel, Kirschen und Pfirsiche sind besonders abhängig von der Arbeit der Bienen. Auch Gurken, Kürbisse, Erbsen und Bohnen werden ausschließlich von Bienen bestäubt. Zwei von drei Supermarktregalen wären leer ohne sie; weltweite Nahrungsknappheit wäre die Folge. Auch andere Tiere, etwa Vögel, sind auf Bienen angewiesen. Nur wenn Pflanzen bestäubt werden, gibt es genug Samen und Beeren, von denen sich Vögel ernähren können.
An erster Stelle in der Liste der Faktoren, die zum Bienensterben beitragen, steht der Mensch. Er treibt den Klimawandel an, versprüht Pflanzenschutzmittel auf Ackerflächen, baut Siedlungen und Straßen, zerstört Blühflächen und Nistplätze für Bienen. „Bienen müssen immer weitere Strecken fliegen, um Nahrung und Brutplätze zu finden. Für sie wird es schwieriger zu existieren“, sagt Traynor. Vor allem sorgt sie sich um Wildbienen, die besonders darunter leiden, dass ihnen ihr Lebensraum genommen und das Angebot an Blühpflanzen verringert wird. Während die Zahl von Honigbienenvölkern seit der Jahrtausendwende dank erfolgreicher Arbeit von Imkern wieder steigt, sind laut der Roten Liste in Deutschland rund 48 Prozent der fast 600 Wildbienenarten bereits gefährdet oder schon ausgestorben. Viele von ihnen sind Einzelgänger und brüten am Boden oder in Stängeln von Pflanzen. Je mehr Grünflächen Asphalt weichen müssen, desto weniger Platz gibt es für sie.
Behandlungsmittel gegen Milben soll bald Zulassung erhalten
Schwindender Lebensraum ist das erste Problem der Bienen. Mit dem nächsten großen Problem, das besonders Honigbienen betrifft, kennt sich Traynor gut aus. Am Institut forscht sie zur Varroamilbe, die seit den 1970er Jahren Bienenstöcke befällt und zu seuchenartigem Bienensterben führt. Im Schnitt sterben zehn bis 15 Prozent der Bienenvölker pro Jahr durch den Befall. Als Parasiten dringen die Milben in die Puppenstube des Volks ein und befallen die Larven. Das Problem ist, dass die Varroamilben Viren übertragen, etwa das Flügeldeformationsvirus. Infizierte Bienen haben einen verkürzten Hinterleib, verstümmelte Flügel und eine kürzere Lebenserwartung. Das Akute-Bienenparalyse-Virus greift hingegen das Nervensystem der Tiere an: Die Bienen verfliegen sich häufiger und verlieren den Zusammenhalt.
An dem Bienenstock, den Traynor gerade untersucht, testet das Institut Lithiumchlorid. Dieses soll als Behandlungsmittel gegen die Milbe eingesetzt werden. „Es wirkt fantastisch. Wenn das Volk im Winter nicht brütet, schützt das Mittel zu 98 Prozent“, sagt Traynor. Eine Firma aus München, mit derdie Uni Hohenheim zusammenarbeitet, will bald die Zulassung beantragen.
Klimawandel erschwert Milbenbehandlung
Die brutfreie Zeit, in der Imker ihre Völker behandeln können, wird immer kürzer. Normalerweise ist der Jahresrhythmus eines Bienenvolks klar: Die Jungbienen, die im Spätsommer großgezogen werden, ziehen sich ab November in ihren Stock zurück. Als sogenannte Wintertraube formiert halten sie die Königin warm und schützen sie. Während das Volk ruht, können Imker den Stock gegen die Varroamilbe behandeln, bevor im Vorfrühjahr die Bienen wieder anfangen zu brüten. Mit wärmeren Wintern stellen Bienen in immer weniger Monaten das Brüten ein, übrig bleiben mehr Monate, in denen die Varroamilben angreifen können. Traynor forscht deshalb an einem zusätzlichen Behandlungsmittel, das für brütende Völker geeignet ist.
Von New York nach Deutschland
Trotz allem sei die Situation in Deutschland immer noch besser als in den USA, sagt Traynor. Dort ist sie aufgewachsen, genauer in New York, wo ihr Vater in der Finanzbranche tätig war und immer wieder für ein paar Jahre in Frankfurt und Wiesbaden arbeitete. Die Familie zog mit. Denkt Traynor heute an die USA, erzählt sie von quadratkilometergroßen Mais- und Sojafeldern – ohne Blühstreifen, wie sie in Deutschland von vielen Landesregierungen gefördert werden. „In Nebraska kann man eine Stunde lang auf der Autobahn fahren und man sieht nichts außer Monokulturen, die mit Glyphosat und anderen Pflanzenschutzmitteln behandelt werden“, erzählt Traynor.
Die sechs Millionen Mandelbäume in Kalifornien, Apfelplantagen in Washington oder Blaubeeren in Maine werden dort von Wanderimkereien bestäubt – eine strapaziöse Reise für die Bienen. Verteufeln will Traynor Pflanzenschutzmittel aber nicht, denn Landwirte müssten trotz des Klimawandels einen Weg finden, die Menschen zu ernähren. Das Deutsche Bienenmonitoring, an dem auch das Bieneninstitut in Hohenheim beteiligt ist, habe gezeigt, dass Pestizidrückstände in dem von Bienen gesammelten Pollen sehr gering seien. Von 2000 seit 2009 gesammelten Proben lägen nur fünf über dem kritischen Schwellenwert.
Traynor hat ein Kinderbuch geschrieben
Um das Bienen- und Insektensterben aufzuhalten, sei vor allem wichtig, Blühflächen zu schützen. Helfen könne dabei jeder, etwa mit einem bienenfreundlichen Garten oder Balkon – besonders in städtischen Gebieten. In höherem Gras können sich Tiere zurückziehen und fortpflanzen, Totholz oder kleine Sandhaufen dienen als Nisthilfen. Statt zu nektar- und pollenlosen Zuchtgeranien rät Traynor zu bienenfreundlichen Pflanzen wie Kapuzinerkresse, Männertreu, Lavendel oder duftenden Küchenkräutern. Über ihre Lieblingstiere hat Traynor ein Kinderbuch geschrieben, das im April erschienen ist. In „Der große Schwarm“ sucht Honigbiene Henrietta ein neues Zuhause für ihr Volk.
Verdrängen Honigbienen die Wildbienen?
Konkurrenz
Einige Fachleute befürchten, dass vor allem die einzeln lebenden Wildbienen unter mehr Honigbienenvölkern leiden könnten. Sie brauchen den Pollen von ganz bestimmten Blütenpflanzen als Futter für ihre Larven. In blütenreichen Lebensräumen könnten beide zwar koexistieren, allerdings nicht in kleinen Naturschutzgebieten, Biotopen oder flächenversiegelten Gebieten, vermuten Experten. Studien dazu gibt es kaum.
Effizienz
Ersetzen können die Honigbienen die Wildbienen nicht. Wildbienen bestäuben Blühpflanzen mit weniger Blütenbesuchen deutlich effektiver als Honigbienen. Zudem fliegen sie auch bei schlechtem Wetter.