Dan Ettinger dirigierte kraftvoll. Foto: Jürgen Altmann

Die Stuttgarter Philharmoniker und Dan Ettinger spielten im Beethovensaal Liszts spektakuläre Faust-Sinfonie.

Goethes „Faust“ gehört nach wie vor zu den meistgespielten Theaterstücken. Und schon den Romantikern galt der egomane Selbstsucher als Stoff, aus dem die musikalischen Träume sind. So auch Franz Liszt, der mit seiner fast abendfüllenden „Faust-Symphonie in drei Charakterbildern“ einen spektakulären Beitrag zur Gattung der sinfonischen Dichtung geleistet hat, dem sich leider nur selten mal ein Orchester annimmt.

 

Expressive Körpersprache

Die Stuttgarter Philharmoniker taten’s jetzt im Beethovensaal in der Leitung Dan Ettingers, der trotz der Riesenbesetzung auf den Dirigierstab als Kommuniziermittel verzichtete und sich auf seine expressive Körpersprache verließ. Wichtig bei diesem Werk sind der große epische Bogen und die plastische Formung der Charaktere und Emotionen. Jedem der drei Sätze ist eine der Hauptpersonen zugewiesen: dem aufwühlenden Kopfsatz Faust, dem lyrischen Mittelsatz Gretchen und dem scherzohaften Finale Mephisto, der im wilden Höllenritt, in teuflischem Kichern geradezu körperlich hörbar wird. Ettinger dirigierte das ganz hervorragend: die Tempodramaturgie genau kalkulierend, mit Flatterhand mehr Intensität einfordernd, mit explosiven Atmern Impulse gebend, mit zackigen Bewegungen die enormen Steigerungen in Gang bringend, die immer wieder in Abstürze münden.

Merkwürdiges Frauenideal

Die Philharmoniker folgten seinen Vorstellungen mit Elan und großem Gestaltungswillen. So führte alles logisch in die Apotheose mit Schluss-Chor, in dem nun der männliche Teil des Kammerchors figure humaine (geleitet von Denis Rouger) gemeinsam mit dem inbrünstig sich ins Zeug werfenden Solo-Tenor Martin Muehle Goethes merkwürdigem Frauenideal frönen durften, das da vom „Ewig-Weiblichen“ tönt, das die Männer „hinan“ ziehe, also hinauf in die höchste Region des Ewigen. Die Schlusswirkung dieser so attraktiven Sinfonie war jedenfalls kolossal und der Jubel des Publikums groß.

Lyrischer Ausdruck

Vor der Pause hatte es Liszts erstes Klavierkonzert gegeben. Die Kunst liegt hier im Miteinander von Orchester und Solist, im Battle, den Liszt auskomponiert hat. Bleiben sich Orchester und Pianist fremd, dann bleibt das Werk ohne Strahlkraft. So auch in diesem Fall. Der israelische Pianist Andy Feldbau spielte seinen Part solide. Seine Kunst lebt weniger von der Prankenkraft als vom lyrischen Ausdruck, weswegen er sich in der Zugabe, Earl Wilds virtuose, wunderschöne Gershwin-Paraphrase „The man I love“, deutlich wohler zu fühlen schien als im Liszt-Konzert.