Bei einem Sieg beim FC Nöttingen ist für Marco Grüttner vom SGV Freiberg am Samstag gegen 17.20 Uhr Schluss mit seiner aktiven Fußballkarriere. Wenn es nicht zu drei Punkten reicht, kommt es auf die Stuttgarter Kickers an, ob der Kapitän noch einmal in zwei Aufstiegsspielen ran muss.
Ob’s kribbelt? „Bis jetzt geht es noch“, antwortet Marco Grüttner vor dem entscheidenden letzten Spieltag in der Fußball-Oberliga am kommenden Samstag (15.30 Uhr). Mit einem Sieg beim Tabellen-Siebten FC Nöttingen kann er mit seinem SGV Freiberg den Direktaufstieg in die Regionalliga perfekt machen. „Es ist schon ein Vorteil für uns, dass wir nicht auf andere angewiesen sind. Nur, wenn wir patzen, müssen wir schauen, was woanders passiert“, sagt der Torjäger, Kapitän und Sportliche Leiter in Personalunion. Woanders ist in dem konkreten Fall in Dorfmerkingen. Dort auf dem Härtsfeld im Ostalbkreis spielen die punktgleichen – aber um 21 Tore schlechteren – Stuttgarter Kickers bei den abstiegsgefährdeten Sportfreunden.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Die „Endspiele“ der Kickers – mal wieder ein Herzschlagfinale für die Blauen
Ob es sich auswirkt, dass es für Nöttingen eigentlich um nichts mehr geht (außer um von den Kickers-Fans als Prämie ausgelobte 40 Kisten Bier), Dorfmerkingen aber noch ums sportliche Überleben kämpft? Grüttner glaubt, dass das keine Rolle spielt: „Das ist egal, ich sehe das weder als Vor- noch als Nachteil an. Dorfmerkingen wird alles geben, um drin zu bleiben. Aber wenn Nöttingen gut ins Spiel findet und die FC-Spieler Spaß an der Sache bekommen, kann es für uns dort schwer werden“, sagt der 36-Jährige. Er ist aber vom Direktaufstieg felsenfest überzeugt: „Wir wissen, was wir können.“
Beeindruckende Offensive
Die Offensivpower des SGV ist beeindruckend: 114 Tore hat die Mannschaft erzielt, 34 davon gehen auf das Konto von Grüttner, 27 Mal traf sein kongenialer Sturmpartner Marcel Sökler. Nur ein Oberligaspiel hat Freiberg in dieser Saison verloren – mit 0:1 am 14. August 2021 daheim gegen die Kickers. Beigebracht wurde diese Niederlage sozusagen vom eigenen Trainer: SGV-Coach Ramon Gehrmann trainierte damals noch die Blauen. Auch das passt irgendwie in diesen hochbrisanten Zweikampf um den Direktaufstieg.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Vier Clubs, vier Stimmen vor dem letzten Spieltag in der Fußball-Oberliga
Bei aller Dramatik – Grüttner wirkt vor dem Showdown so, wie man ihn kennt: gelassen, unaufgeregt, stets loyal und voll fokussiert. Er hat ja auch schon so viel erlebt in seiner Karriere: Der Abstiegs-Thriller 2013 mit den Kickers bei Darmstadt 98 fällt ihm ein (Grüttner: „Da bekomme ich immer noch Gänsehaut“) oder das 1:0 mit dem SSV Jahn Regensburg 2017 in Münster durch einen von Andreas Geipl verwandelten Elfmeter, der dem Jahn die erfolgreichen Relegationsspiele zur zweiten Liga sicherte (1:1 und 2:0 gegen 1860 München).
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: News aus dem Amateurfußball – dahin zieht es Mijo Tunjic, Christian Werner und Tobias Flitsch
Trotz aller Erlebnisse ist das Saisonfinale in Nöttingen etwas ganz Besonderes für Grüttner. Denn der Auftritt in der Kleiner-Arena könnte der letzte seiner Karriere sein. Klappt der Direktaufstieg, ist Schluss mit der aktiven Karriere. Wenn nicht, geht’s für zwei Aufstiegsspiele in die Verlängerung. „Ich habe bereits im Winter mit meiner Familie beschlossen, dass ich im Sommer aufhöre. Ich wollte selbst bestimmen, wann Schluss ist und nicht andere urteilen lassen, ob ich vielleicht zu alt oder nicht mehr gut genug bin“, sagt Grüttner, der mit seiner Frau Natalie und den beiden Kindern Laia (6) und Lunis (3) in Weiler bei Affalterbach sesshaft geworden ist.
Entscheidung steht
Wobei der Vollblutstürmer zumindest in der kommenden Saison dem SGV mit Sicherheit noch auf dem Rasen sehr gut helfen könnte. Ob der Sportliche Leiter Grüttner den Torjäger Grüttner nicht überreden wollte? „Keine Chance“, sagt er mit einem Lächeln. „Wenn ich eine Entscheidung getroffen habe, dann bleibt’s auch dabei.“
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Der Vergleich – SGV Freiberg vs Stuttgarter Kickers
So wie er seine aktive Karriere klug und schlüssig geplant hat, so macht er es auch jetzt. Neben dem Fußball hat er eine Ausbildung zum Industriekaufmann abgeschlossen, genauso ein Sportmanagement-Studium, in Sachen Spielanalyse und Scouting hat er sich weitergebildet, ebenfalls im Rahmen eines Praktikums auf der Jahn-Geschäftsstelle. Von all dem profitiert er nun, wenn er sich ab Sommer ganz auf seine Rolle als Sportlicher Leiter konzentriert. Vielleicht firmiert er dann formal auch anders, da gut möglich ist, dass der aktuelle SGV-Sportdirektor Christian Werner als Leiter der Scouting-Abteilung zu Drittligist Waldhof Mannheim wechselt.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Das sind die DFB-Pokal-Höhepunkte der Stuttgarter Kickers
Grüttner will sich zu der Personalie nicht äußern, er sagt nur: „Wir haben so viele ehrenamtliche Mitarbeiter im Verein, die organisatorisch vieles zu stemmen haben. Wir können jeden Mann gebrauchen.“ Die größte Aufgabe, die es aktuell zu bewältigen gibt: Den geeigneten Nachfolger für Grüttner auf dem Feld zu finden (Amar Cekic von Schweinfurt 05 ist im Gespräch). Was eins zu eins eigentlich gar nicht möglich ist. Denn nicht nur die eingebaute Toregarantie wird fehlen, sondern auch seine Vorbildrolle in Sachen, Kampf, Wille, Leidenschaft und Disziplin.
Aufstiegsrunde
8. Juni (19 Uhr): Teilnehmer Oberliga Baden-Württemberg (SGV Freiberg oder Stuttgarter Kickers) – Teilnehmer Hessenliga (Eintracht Stadtallendorf).
Bei Sieg Vertreter Baden-Württemberg im ersten Spiel, dann am
11. Juni (14 Uhr): Teilnehmer Hessen (Eintracht Stadtallendorf) – Teilnehmer Oberliga Rheinland-Pfalz/Saar (Wormatia Worms oder Eintracht Trier) und
14. Juni (19 Uhr): Teilnehmer Rheinland-Pfalz-Saar (Wormatia Worms oder Eintracht Trier) – Teilnehmer Baden-Württemberg (SGV Freiberg oder Stuttgarter Kickers).
Bei Unentschieden oder Niederlage Vertreter Baden-Württemberg im ersten Spiel, dann am
11. Juni (14 Uhr): Teilnehmer Rheinland-Pfalz/Saar (Worms oder Trier) – Teilnehmer Baden-Württemberg (Freiberg oder Kickers)
und 14. Juni (19 Uhr): Teilnehmer Hessen (Eintracht Stadtallendorf) – Teilnehmer Rheinland-Pfalz/Saar (Worms oder Trier).
Einer der drei Clubs schafft den Sprung in die Regionalliga. (jüf)