Die American Footballer von Stuttgart Surge schlagen die Milano Seamen mit 40:26 und feiern gemeinsam mit ihren Fans den perfekten Start in die neue ELF-Saison.
Für die American Footballer von Stuttgart Surge geht es in dieser Saison darum, erfolgreich zu sein, ihr Potenzial zu zeigen, eventuell sogar in die Play-offs einzuziehen. Und damit nicht nur die üblen Statistiken der Vergangenheit zu tilgen. Sondern die ersten beiden enttäuschenden Jahre in der European League of Football (ELF) komplett vergessen zu machen. Nach der Heimpremiere des neuen Kaders und dem in dieser Höhe nicht erwarteten 40:26-Sieg gegen die Milano Seamen lässt sich sagen: Das Team ist auf dem besten Weg. Und wird dabei begleitet von vielen begeisterten Fans.
3112 Zuschauer kamen zum ersten Spiel der Saison ins Gazi-Stadion – und stimmten kurz vor Schluss einen Gassenhauer an. „Oh, wie ist das schön ...“, sang der Fanclub auf der Gegengerade und animierte damit die voll besetzte Haupttribüne, „... so was hat man lange nicht gesehen.“ Im Fall von Stuttgart Surge war das wörtlich zu verstehen.
Musa: „Ich will keine Prognosen abgeben. Das ging schon letzte Saison schief“
2022 hat der Verein kein einziges Spiel gewonnen. Und den Anhängern damit trotzdem nicht die Freude genommen. Schon zweieinhalb Stunden vor dem Duell mit den Seamen füllte sich der Parkplatz unterm Fernsehturm. Am professionellsten ausgestattet war eine Abordnung der „NFL-Community Old Castle“ aus Calw-Altburg. Würstchen im Kochtopf, Sauerkraut, eine gut gefüllte Kühlbox im Kofferraum, eine große Musikanlage – mehr braucht es nicht, um sein Football-Lebensgefühl auszudrücken. „Die Sportart ist abwechslungsreich, spannend, bietet viele taktische Finessen. Und es gibt auf dem Feld keine Weicheier wie im Fußball“, sagte Stefan Rentschler mit einem Hotdog New York Style in der Hand. Und sein Kumpel Stefen Rentschler (nicht verwandt) meinte über die fortwährende Begeisterung für Stuttgart Surge: „Wir stehen zum Verein, in guten wie in schlechten Zeiten. Die guten beginnen jetzt.“
Suni Musa zeigte sich etwas zurückhaltender. Zumindest offiziell. „Ich will keine Prognosen abgeben. Das ging schon letzte Saison schief“, erklärte der Surge-Manager vor der Partie auf der Waldau, „ich hoffe, dass die Fans einen Sieg sehen werden.“ Sie erlebten sogar ein Spektakel.
Stuttgart Surge hat trotz der beiden Erfolge zum Auftakt ein Problem
Die ersten sechs (!) Angriffe der Stuttgarter endeten allesamt mit einem Touchdown. Quarterback Reilly Hennessey warf immer wieder spektakuläre Pässe, war dabei bei der Auswahl der Empfänger äußerst flexibel. Running Back Kai Hunter fand im Laufspiel ein ums andere mal Lücken in der gegnerischen Abwehr. Und dann bot die Offensive auch noch ausgeklügelte Trickspielzüge. „Sechs Drives nacheinander ins Ziel zu bringen, das ist eine riesengroße Sache“, sagte Chefcoach Jordan Neuman, „es war eine ganz starke Leistung meiner Mannschaft.“
Erst Hunter, dann Paul Steigerwald, Hennessey höchstselbst, Louis Geyer, Bryce Nunnelly und Joshua Haas – Sebastian Wenzel, der neue Stadionsprecher, feierte nach den Touchdowns mit den Fans immer wieder einen anderen Akteur. Erst kurz nach Beginn des vierten Viertels gelang es den Milano Seamen erstmals, einen Surge-Angriff zu stoppen. Da stand es 40:12 und die Partie war so gut wie entschieden. Am Ende kamen die Italiener zwar noch einmal heran, in Gefahr geriet der Sieg aber nicht mehr. „Wir waren bereit zu spielen, und das haben wir dann auch getan“, meinte Jordan Neuman, „die Atmosphäre im Stadion war beeindruckend, wir haben ein großartiges Publikum.“ Und trotz der beiden Erfolge zum Auftakt ein Problem.
Schon nach zwei Spielen ein Lazarett mit sechs, sieben Spielern
Das Spiel gegen die Milano Seamen war nicht nur deshalb so oft unterbrochen, weil der live übertragende TV-Sender Pro Sieben Maxx den Kultmoderator Christoph „Icke“ Dommisch nach Stuttgart entsandt hatte, viele Werbeblöcke unterbringen musste. Sondern auch wegen etlicher Verletzungen. Im Surge-Team erwischte es erst Konstantin Katz, dann Joshua Haas. Erst wer ein Football-Spiel aus nächster Nähe verfolgt, erkennt wirklich, wie physisch und hart dieser Sport ist. Die Stuttgarter haben schon nach zwei Spielen ein Lazarett mit sechs, sieben Spielern beisammen, bei den meisten ist noch nicht klar, wie viele Wochen sie ausfallen. Einer kommt sicher nicht mehr zurück: Moritz Böhringer (29), der prominenteste Neuzugang, hat sich vor einer Woche in Paris einen Kreuzbandriss zugezogen. „Ich wusste gar nicht, was los ist. Erst Tage später ist das Knie angeschwollen, jetzt habe ich Klarheit“, sagte der frühere NFL-Profi, „es ist nervig, dass meine Karriere so zu Ende geht. Aber ich muss es akzeptieren.“ Etwas anderes bleibt auch seinem Trainer nicht übrig.
Topspiel am Sonntag gegen Raiders Tirol
So sehr sich Neuman über die starke Leistung seines Teams freute, so sehr frustrierte ihn die personelle Misere. „Wir haben zwar genügend Tiefe im Kader“, sagte er, „aber die Herausforderung wird nun natürlich immer größer.“ Schon am nächsten Sonntag (13 Uhr) geht es im Heimspiel gegen die ebenfalls ungeschlagenen Raiders Tirol: „Das ist einer der besten Gegner in der Liga, das gibt ein großes Ding.“
Doch egal wie das Topspiel ausgeht, ein Saisonziel hat das neue Surge-Team schneller erreicht, als viele es für möglich gehalten hatten: Von der Vergangenheit spricht in Stuttgart bereits jetzt kaum noch jemand.