Silas Katompa vom VfB Stuttgart nimmt mit Ball am Fuß Tempo auf. Foto: Baumann/Hansjürgen Britsch

Vom Flügel- zum Mittelstürmer: Silas Katompa nimmt beim VfB Stuttgart eine ungewohnte Position ein. Wird aus der Not- nun eine Dauerlösung?

Silas Katompa hat einfach nicht nachgelassen. Bis zu seiner Auswechslung kurz vor dem Abpfiff ist der Angreifer des VfB Stuttgart gelaufen, was die langen Beine hergaben. Er sprintete in die Tiefe, er attackierte ständig die gegnerischen Verteidiger beim Spielaufbau, er diente den Mitspieler als eine Art fußballerischer Prellbock, wenn diese selbst den Ball nach vorne passten. Alles Aufgaben, die ein Mittelstürmer zu erledigen hat. Und doch wird man auf dieser Position auch an Toren gemessen.

 

Doch Silas traf beim 3:0-Erfolg gegen 1. FC Köln trotz einiger vielversprechender Szenen nicht. Lob gab es für den 24-Jährigen in neuer Rolle dennoch. „Silas hat das sehr, sehr gut gemacht“, sagt der Trainer Bruno Labbadia, „auch wenn ich vorher gehört hatte, dass er gar nicht in der vordersten Reihe spielen könne.“ Weil er Platz braucht.

Weniger taktische Zwänge

Doch Silas kann. Selbst wenn nicht zwei Angreifer aufgeboten werden, sondern ein Dreiersturm. Die Versetzung vom Flügel ins Zentrum bewältigte er ohne größere Anlaufschwierigkeiten, wenngleich sie ja nur aus der Not heraus bewerkstelligt wurde. Der beste Torschütze Serhou Guirassy (6) wird wohl noch wochenlang ausfallen, und Labbadia sucht die passende Lösung in der Angriffsmitte. Luca Pfeiffer überzeugte nicht, und nun war Silas am Zug. „Ich wollte ihn etwas von den taktischen Zwängen befreien, die er auf der Außenposition hat“, sagt der Trainer.

Vor allem die Wege nach hinten sind auf der Seite lang für den Kongolesen, der sich als reiner Stürmer versteht. Die Sprints nach vorne absolviert er viel lieber. „Silas hat nach seiner Verletzungspause gegen Köln eine große Willensleistung abgeliefert und bis zum Schluss eine hohe Laufbereitschaft gezeigt. Dadurch hat er viele Räume für die Mitspieler geschaffen“, sagt der Sportdirektor Fabian Wohlgemuth.

Eine ähnlich mannschaftsdienliche Vorgehensweise wird an diesem Samstag (18.30 Uhr) beim FC Schalke 04 gefragt sein. Plus das Tempo, das Silas mitbringt. Er ist mit 35,1 Stundenkilometern der bislang schnellste VfB-Profi in dieser Saison. Mit Hochgeschwindigkeitsfußball soll die königsblaue Abwehrkette gesprengt werden, die zwar nicht besonders schnell unterwegs ist, die zuletzt aber kein Gegentor mehr zugelassen hat. Vier Nullnummer gab es nacheinander. Das bedeutet: Ligarekord, kein anderes Team hat das zuvor geschafft.

Die Stuttgarter mit Silas in der Spitze wollen die Serie durchbrechen und im Abstiegskampf den Vorsprung auf den Tabellenletzten der Bundesliga möglichst vergrößern. Dafür braucht es einen Silas, der nach langen Verletzungspausen und juristischen Auseinandersetzungen um seine wahre Identität wieder zu seiner Bestform findet. „Nachdem seine persönlichen Angelegenheiten geklärt sind, ist Silas befreit, wie ein neuer Mensch“, sagt sein Berater Mehmet Eser. „Das wird sich auch in seinen Leistungen zeigen.“

Besondere Qualität

Zuletzt plagten ihn eine Zerrung sowie eine Einblutung am Schienbein, zuvor bremsten Knie- und Schulteroperationen die Karriere, die gerade Fahrt aufgenommen hatte. In einen konstant guten Rhythmus ist Silas seither nicht gekommen. Zum einen mangelt es in dieser Spielzeit an Effizienz (drei Treffer und zwei Torvorlagen in 18 Einsätzen), weil der 1,89 Meter große Dribbler gerne einen Übersteiger zu viel einbaut. Zum anderen fehlt es ihm offenbar noch an der Unbeschwertheit, die seine Sturmläufe im ersten Bundesliga-Jahr ausgezeichnet hatte. Die langen Soli mit erfolgreichem Abschluss ließen ihn zum Publikumsliebling avancieren – und machten die Offensivkraft für andere Vereine interessant.

Zwar ist sein Spiel immer noch nicht ausgereift, und technische Mängel in der Ballmitnahme stoppen gelegentlich die Einzelaktionen, noch ehe Silas sie richtig gestartet hat, doch das Potenzial ist unverkennbar. Der Mann mit der Rückennummer 14 setzt so häufig wie kein anderer Stuttgarter zum Dribbling an (51), und in seiner Unberechenbarkeit bringt er eine Qualität mit, die in keiner Nachwuchsakademie vermittelt wird.

Silas kann den Unterschied ausmachen. Weshalb der VfB froh ist, den Vertrag mit ihm vorzeitig um zwei Jahre bis 2026 verlängert zu haben. „Silas ist jetzt voll auf den VfB konzentriert. Er fühlt sich sehr wohl im Club und in der Stadt, weshalb wir den Kontrakt verlängert haben“, sagt der Berater Eser. Aber nicht zu vergessen: Der Stürmer gehört nun mit einem Jahresverdienst von etwa 2,5 Millionen Euro zu den Topverdienern in Stuttgart. Das soll sich für den VfB möglichst doppelt auszahlen. Erstens: gleich in Toren und starken Leistungen. Zweitens: in einer stattlichen Ablösesumme, falls es nach der Saison zu einem Transfer kommen sollte.