Viele Brustkrebs-Erkrankungen sind inzwischen heilbar. Foto: imago/Panthermedia/Kzenon

Seit einem halben Jahrhundert wird am Institut für klinische Pharmakologie am Robert-Bosch-Krankenhaus daran geforscht, medikamentöse Therapien wirksamer zu machen. Dabei hilft der Blick auf das Erbgut der Patienten. Bei einer Form von Brustkrebs ist dies bereits gelungen.

Als sie die Diagnose Krebs bekam, beschäftigte Sandra Wegener (Name geändert) vor allem die Frage: Werde ich wieder ganz gesund, sodass ich eine Familie gründen und meine Kinder großziehen kann? Die Nachricht über den Knoten in der Brust drohte den Lebensentwurf der jungen Stuttgarterin zu sprengen. Schon daher war es ihr wichtig zu wissen, ob die geplante antihormonelle Therapie den gewünschten Effekt hat und den Krebs für immer aus ihrem Körper vertreibt.

 

Das sei nicht immer der Fall, sagt Matthias Schwab, Leiter des Dr. Margarete Fischer-Bosch Instituts für Klinische Pharmakologie (IKP), das wie das Robert Bosch Krankenhaus in Stuttgart zum Bosch Health Campus gehört. Statistisch gesehen taucht bei einem Drittel aller Brustkrebspatientinnen, die mit einer antihormonellen Therapie behandelt werden, der Krebs Jahre später wieder auf.

Matthias Schwab, Leiter des Dr. Margarete Fischer-Bosch Instituts für Klinische Pharmakologie (IKP) Foto: RBK/Thomas Frank

Schon vor Jahren haben Schwab und sein Team es sich zum Ziel gesetzt, diesen Wert zu verringern – mit einer so einfachen wie genialen Idee: Sie versuchen, die Therapie so zu optimieren, dass sie bei möglichst allen Patientinnen gleich gut anschlägt. Dabei haben sie sich auf den Wirkstoff Tamoxifen konzentriert, der seit mehr als 40 Jahren als antihormonelle Therapie im Einsatz ist.

Es zeigte sich, dass Tamoxifen im Körper mancher Patientinnen nicht oder nicht gut zum aktiven Wirkstoff Endoxifen umgebaut wird. Den braucht es aber, um den Tumor zu bekämpfen. „Den Betroffenen fehlt dazu ein Enzym. Oder sie können es nur unzureichend bilden“, sagt Schwab. Das lässt sich mit einem Gentest herausfinden. Ziel der IKP-Forschung ist es, Frauen, die Tamoxifen nicht ausreichend verstoffwechseln, die fehlende Menge an Endoxifen zusätzlich zu verabreichen. Dies wurde in einer öffentlich geförderten klinischen Studie mit mehr als 350 Patientinnen aus 38 Brustkrebszentren in Deutschland untersucht – Sandra Wegener war eine Studienteilnehmerin.

Sechs Wochen lang erhielt sie zu ihrer Tamoxifen-Dosis eine weitere Pille – ohne zu wissen, ob dies ein Scheinpräparat oder tatsächlich der Wirkstoff Endoxifen war. Sie wurde regelmäßig untersucht und nach Beschwerden befragt. Die Patientin gab stets an, alles ohne Probleme zu vertragen – wie die Mehrheit der Studienteilnehmerinnen.

Die Tamoxifen-Studie gehört zu den erfolgreichsten Studien, die das IKP seit seiner Gründung vor 50 Jahren durchgeführt hat. Sie hat das Zeug dazu, die Leitlinien der Behandlung von Brustkrebs zu verändern. Zwar sollen die Ergebnisse erst am Jahresende veröffentlicht werden, doch Schwab verrät bereits, dass das Konzept der zusätzlichen Gabe des aktiven Wirkstoffs Endoxifen den erwünschten Effekt zeigt und ausreichende Endoxifen-Blutspiegel erreicht werden. „Dies zeigt, dass es nicht immer allein darum geht, komplett neue Medikamente zu entwickeln“, sagt der Pharmakologe. Wichtig sei auch, bestehende Therapien so auszubauen, dass sie zielgenauer wirken.

„Maßgeschneiderte Arzneimitteltherapie “ nennt Schwab, der seit 2007 das IKP leitet, diese Vorgehensweise. Die Ergebnisse sollen möglichst bald den Patienten im Klinikalltag zu Gute kommen. So war es schon bei der IKP-Gründung zwischen der Förderin Dr. Margarete Fischer-Bosch (1888–1972), Tochter des Unternehmers und Stifters Robert Bosch (1861–1942), und der Robert-Bosch-Stiftung vereinbart worden: Der Zweck der 1973 eröffneten Einrichtung sollte sein, „die Arzneimittelwirkung am Menschen mit modernen wissenschaftlichen Methoden zu untersuchen“.

Inzwischen arbeiten rund 70 Mitarbeiter im IKP daran, nicht nur Arzneistoffwechsel und Wirkungen in der Krebstherapie, sondern auch für weitere Erkrankungen genauer zu erforschen. Zudem wird die medikamentöse Versorgung älterer Menschen analysiert – und wie diese verbessert werden kann. „Wenn viele Medikamente gleichzeitig eingenommen werden, ist die Wahrscheinlichkeit von unerwünschten Wechselwirkungen groß“, so Schwab.

Auch erbliche Ursachen können Arzneimittelnebenwirkungen begünstigen: So gibt es Menschen, bei denen Medikamente, die Blutfette senken und damit Herzerkrankungen vorbeugen, zu starken Muskelschmerzen bis hin zum Muskelabbau führen. Daher werden Patienten im Robert Bosch Krankenhaus, bei denen ein solcher Verdacht besteht, in Kooperation mit dem IKP auf Genvarianten untersucht. Diese Information wird dem Patienten über eine nur ihm zugängliche App zur Verfügung gestellt. Das Team um Schwab hat mit Kollegen aus dem Ausland zeigen können, dass sich durch den digitalen Medikamentenpass die Nebenwirkungen um ein Drittel reduzieren lassen.

Noch gehört der Blick auf das Erbgut bei nur wenigen Therapien dazu – auch, weil längst noch nicht klar ist, welche genetischen Faktoren bei der Behandlung von schwerwiegenden Erkrankungen für den Patienten relevant sind. Hinzu kommt, dass trotz erfolgreicher Studien oft Jahre vergehen, bis sich die Erkenntnisse im Klinikalltag niederschlagen.

So ist nach Ende der Tamoxifen-Studie die zusätzliche Gabe des Wirkstoffs Endoxifen vorerst in der Klinik noch nicht verfügbar. Sprich: Ein Teil der ehemaligen Studienteilnehmerinnen wird mit dem Risiko leben müssen, dass der Krebs zurückkehrt. Bei Sandra Wegener ist diese Wahrscheinlichkeit gering. Ihr Körper verstoffwechselt das Tamoxifen gut, wie der Gentest am IKP ergeben hat. Kürzlich hat sie ihr erstes Kind bekommen.

50 Jahre Forschung am Menschen

Forschung
Die Wissenschaftler gehen bei ihren Untersuchungen der Fragen nach, wie der menschliche Körper auf Arzneimitteln reagiert (Pharmakokinetik) und wie die Arzneimittel Einfluss auf die Körperfunktionen des Patienten nehmen (Pharmakodynamik). In beiden Fällen können Erbfaktoren einen Einfluss auf Arzneimittelwirkungen haben (Pharmakogenetik).

Lehre
Der Leiter des Dr. Margarete-Fischer-Bosch-Instituts für Klinische Pharmakologie, Matthias Schwab, ist gleichzeitig Lehrstuhlinhaber für Klinische Pharmakologie an der Universität Tübingen und damit für die Ausbildung der Medizinstudenten im Fach Arzneimitteltherapie verantwortlich. Die Mitarbeiter des Institut für Klinische Pharmakologie (IKP) betreuen zudem viele ausländische Stipendiaten, Gastwissenschaftler und Doktoranden.

Festakt
Am 7. September veranstaltet das IKP zum 50-Jahr-Jubiläum ein Fachsymposium unter dem Motto „From Bench to Bedside – Personalized Medicine as Key to Targeted Therapy“. Geladen sind nationale und internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, wie der US-Mediziner und Pharmakologe Dan Roden und der Vorstandsvorsitzende der Charité Berlin, Heyo Kroemer. (wa)