E-Auto, Wärmepumpe, Photovoltaikanlage – so sieht der Haushalt der Zukunft aus. Die Stromnetze überfordert das – droht uns bald ein Kollaps?
Die Wärmepumpe heizt das Haus wohlig warm, und der Strom fürs E-Auto kommt aus der eigenen Ladebuchse: In der Energiewende drängen immer mehr Geräte an die örtlichen Stromverteilnetze – doch diese sind nicht auf den Hochlauf ausgerichtet. In der Folge drohen Überlastungen, die zu einem Stromkollaps führen können. Das kann etwa der Fall sein, wenn an einem Winterabend in einem Wohnviertel alle Elektroautos gleichzeitig an der Steckdose hängen und die Wärmepumpen laufen. Oder wenn viele Photovoltaikanlagen an einem sonnigen Mittag gleichzeitig Strom erzeugen und diesen einspeisen wollen. Im schlimmsten Fall führt das zu einem Stromausfall.
Wann Netzbetreiber Strom drosseln dürfen
Um solchen Szenarien in Baden-Württemberg vorzubeugen, dürfen Netzbetreiber vom kommenden Jahr an im Notfall den Strombezug von neu eingebauten, steuerbaren Wärmepumpen, Ladestationen oder Klimaanlagen zeitweise drosseln. Bei bestehenden Anlagen gibt es Übergangsregelungen. So sieht es das jüngst veröffentlichte Eckpunktepapier der Bundesnetzagentur vor, das Baden-Württembergs Netzbetreiber in den kommenden Jahren vor eine gewaltige Herausforderung stellt.
Der Knackpunkt: Die Netzbetreiber sind bislang nicht in der Lage, die von der Behörde vorgesehene Drosselung des Stromflusses praktisch umzusetzen, wie Moritz Oehl, Sprecher der Stuttgart Netze, bestätigt. Weil die nötige Steuerungstechnik fehle, könnten die Netzbetreiber aktuell keine gezielte Steuerung einzelner Geräte vornehmen. Wenn gezielte Drosselungen nicht möglich seien, drohten lokale Störungen im Stromnetz. Die bereits vorhandene sogenannte Funkrundsteuertechnik ermöglicht zwar einen Zugriff – allerdings nur auf der Ebene von „Anlagengruppen“, also zum Beispiel auf alle Wärmepumpen in Stuttgart gleichzeitig.
Stromnetze sollen „smart“ werden
Deutschlands drittgrößter Verteilnetzbetreiber Netze BW begrüßt die neuen Dimm-Regeln als ein wichtiges Notfallinstrument zur Gewährleistung der Netzstabilität. „Jeder Betreiber kann jetzt anfangen, das Netz entsprechend umzubauen“, sagt der technische Geschäftsführer Martin Konermann. „Wo immer wir heute schon einen Engpass sehen, fangen wir an auszubauen.“
„Uns steht ein Mammutprojekt ins Haus“, sagt Stuttgart-Netze-Sprecher Oehl mit Blick auf die nötigen technischen Umrüstungen, die viel Zeit, Geld und Personal erfordern. Doch es führt kein Weg daran vorbei: „Die Netze müssen schnell digitalisiert und ausgebaut werden.“
Geräte müssen ansteuerbar sein
Betroffen sind hauptsächlich die Niederspannungsnetze – also die Netze, die den Strom in die Haushalte bringen. Um die Anlagen ansteuern zu können, müssen die Geräte an intelligente Stromzähler angeschlossen sein. Sogenannte Smartmeter, vernetzte Messgeräte für Strom, übertragen die Verbrauchsdaten automatisch an den Netzbetreiber.
Die Verbraucher dürfen entscheiden, wie der Eingriff des Netzbetreibers erfolgen soll: Entweder lassen sie diesen einzelne Anlagen direkt ansteuern – oder sie wählen bei mehreren Anlagen einen Leistungshöchstwert, der im Notfall insgesamt nicht überschritten werden darf.
Wie häufig kommt es zu Engpässen?
Aktuell ist das vielerorts in Baden-Württemberg noch Zukunftsmusik: „Die technische Umsetzung der Regelungen in unserem Netz befindet sich derzeit noch in der Vorbereitung“, sagt zum Beispiel Anthea Götz, Sprecherin des Elektrizitätswerks Mittelbaden. Ähnliches sagen auch andere Netzbetreiber im Land. Unternehmenssprecherin Götz betont zwar: „Derzeit kommen in unserem Netz keine Engpässe vor, die eine Drosselung erfordern.“ Doch wegen des rasanten Anstiegs an Wärmepumpen und Wallboxen sei das künftig nicht ausgeschlossen.
Doch wie oft kommen solche Engpässe vor? In der Landeshauptstadt sei das Stromnetz wegen der Vielzahl an Industrie und Gewerbe auf eine hohe gleichzeitige Leistungsentnahme ausgelegt, sagt Experte Oehl. „Netzüberlastungen waren und werden in Stuttgart auf absehbare Zeit kein Problem darstellen.“ Auch die Bundesnetzagentur geht davon aus, dass Eingriffe der Netzbetreiber nur in Ausnahmefällen erfolgen müssen und ohne Komforteinbußen verbunden sein werden.