Der türkische Präsident stimmt sein Land auf einen „schweren Kampf“ gegen den Westen ein. Selbst nationalistische Erdogan-Fans sind bei dem Auftritt in der Schwarzmeerstadt Samsun überrascht.
Kritik an Griechenland sind die Türken von ihrem Präsidenten gewohnt. Doch was Recep Tayyip Erdogan am Wochenende über den Nachbarn und Nato-Partner zu sagen hatte, übertrifft alle bisherigen Drohungen. Erdogan stellte erstmals die griechische Souveränität über Inseln in Ägäis und Mittelmeer infrage und drohte mit einem Angriffskrieg zur Eroberung der Inseln. Seine Landsleute schwor Erdogan auf einen harten und verlustreichen Kampf gegen den Westen ein. Selbst nationalistische Erdogan-Fans waren überrascht. „So offen hat er zum ersten Mal gesprochen“, freute sich der regierungstreue Journalist Ibrahim Karagül.
Für seine Drohung suchte sich Erdogan einen Auftritt bei einer Rüstungsausstellung am Samstag in Samsun an der Schwarzmeerküste aus. Als Erdogan in einer roten Pilotenjacke die Rednerbühne betrat, jubelten ihm Zehntausende Zuschauer mit türkischen Fahnen zu. Unter ihnen war auch Erdogans Schwiegersohn, der Drohnenfabrikant Selcuk Bayraktar.
Der Dauerstreit eskaliert – mal wieder
Der türkisch-griechische Dauerstreit um Hoheitsansprüche in der Ägäis und im östlichen Mittelmeer war in den vergangenen Tagen eskaliert. Die griechische Luftabwehr nahm nach Angaben Ankaras türkische Kampfflugzeuge bei einem Aufklärungsflug bei Rhodos ins Visier. Die Türkei hat sich deshalb bei der Nato beschwert, aber Athen weist den Vorwurf zurück.
Am 9. September 1922 jährt sich die Eroberung der Küstenstadt Smyrna (heute Izmir) durch die türkische Armee. „Hey Grieche, erinnere dich an die Geschichte“, sagte Erdogan am Samstag in Anspielung auf die griechische Niederlage vor hundert Jahren. „Wenn du noch viel weitergehst, wirst du einen hohen Preis bezahlen.“ An Griechenland richte er nur einen Satz: „Vergesst Izmir nicht.“
Auch den türkisch-griechischen Streit um Dutzende Inseln in Ägäis und Mittelmeer sprach Erdogan an. Dabei geht es um Lesbos, Chios, Samos und Ikaria vor der türkischen Westküste sowie die Dodekanes-Inseln, die ebenfalls nahe der türkischen Küste liegen und Griechenland gehören – die größte davon ist Rhodos. Nach türkischer Auffassung verstößt Griechenland mit Truppenstationierungen gegen Auflagen, unter denen es die Inseln nach den Weltkriegen erhalten hatte. Schon im Juni hatte Erdogan den Griechen deshalb mit Krieg gedroht.
„Dass ihr die Inseln besetzt habt, bindet uns nicht die Hände“, sagte Erdogan jetzt an die Griechen gerichtet und signalisierte damit, dass er die griechische Hoheit über die Inseln nicht mehr anerkennt. „Wenn die Zeit und die Stunde gekommen sind, werden wir das Notwendige tun“, fügte er hinzu. „Wie wir immer sagen: Eines Nachts können wir ohne Vorwarnung kommen.“ Mit diesem Satz hatte Erdogan in den vergangenen Jahren mehrmals Militärinterventionen in Syrien und im Irak angekündigt, die dann auch stattfanden.
Athen spricht von „Provokation“
Der Nato-Führungsmacht USA warf Erdogan vor, Griechenland mit Waffen zu versorgen. Außerdem könne der Prediger Fethullah Gülen ungestört in Amerika leben.
Das griechische Außenministerium erklärte, Athen werde Verbündete und Partner über die „provokativen“ Äußerungen des türkischen Präsidenten unterrichten, damit jeder wisse, wer „mit Dynamit gegen den Zusammenhalt unserer Allianz“ vorgehe. Der Athener Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis nennt die türkische Haltung im Streit um die Inseln „absurd“. Deutschland und die EU hatten sich in den vergangenen Monaten auf die Seite Griechenlands gestellt.
Im türkischen Vorwahlkampf vor den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen im kommenden Jahr nutzt Erdogan die anti-westliche Rhetorik nicht nur, um von der Wirtschaftskrise in der Türkei und aktuellen Korruptionsvorwürfen gegen seine Berater abzulenken. Die scharfen Töne dienen ihm auch dazu, ein Thema zu setzen, bei dem er – und nicht die Opposition – den Ton angibt.