Die Profihandballerin Stine Jörgensen nutzt die freie Zeit zu Spaziergängen mit ihren Zwillingen Hugo und Lulu. Foto: Baumann/Alexander Keppler

Stine Jörgensen eilt mit den Bundesligahandballerinnen der SG BBM Bietigheim von Sieg zu Sieg und ist seit Mai Mutter von Zwillingen. Wie schwer ist es für die 31-Jährige, diese Herausforderung zu meistern?

Bietigheim-Bissingen - Mitte Februar ging es mal wieder auf Reisen. Für das European-League-Spiel in Baia Mare war Stine Jörgensen drei Tage auf Achse. Drei Tage weg von ihren im vergangenen Mai geborenen Zwillingen Hugo und Lulu. „Es ist toll, wenn man beides vereinbaren kann, aber es ist wirklich auch hart und nicht immer einfach, alles unter einen Hut zu bringen“, sagt die Rückraumspielerin des Handball-Bundesligisten SG BBM Bietigheim.

 

Für den Trip nach Rumänien hatte die 31-Jährige aber sogar gleich doppelte Rückendeckung. Ihr Mann Jan, früher mal die Nummer zwei der Badminton-Weltrangliste und inzwischen professioneller Trainer, konnte frei machen, und auch Stine Jörgensens Mutter war aus Dänemark angereist, wie jeden Monat für ein paar Tage. „Ohne die Unterstützung der beiden würde es nie und nimmer funktionieren“, erklärt die Rechtshänderin.

Hoher Trainingsaufwand

Dennoch bleibt der Balanceakt zwischen Kindern und Karriere eine große Herausforderung. Im Sommer 2020 war die Topspielerin von Odense Handbold nach Bietigheim gewechselt. Im Dezember 2020 informierte sie den Verein von der Schwangerschaft, am 15. Mai 2021 kamen die Zwillinge zur Welt. Sechs Wochen später begann sie schon wieder, für ihr Comeback zu schuften. Mit Beginn der laufenden Saison stand sie wieder auf der Platte. Und der Aufwand bei einem Topclub wie der SG BBM ist enorm. Zu den Spielen in den drei Wettbewerben kommt das Training.

Großes Lob vom Coach

Steht keine englische Woche auf dem Programm, wird fünfmal abends und zusätzlich zwei- bis dreimal am Vormittag trainiert. „Ein Männer-Bundesligist trainiert auch nicht mehr, aber Stine ist wirklich ganz hervorragend organisiert, bekommt das super hin, da habe ich schon junge Väter trainiert, die mir bedeutend mehr Schwierigkeiten machten“, lobt Trainer Markus Gaugisch mit einem Schmunzeln die ehemalige Kapitänin der dänischen Nationalmannschaft (148 Länderspiele).

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Sie hat sich mit ihrem Mann ganz bewusst für die Doppelrolle entschieden. Obwohl es die Strukturen im Profisport oftmals nicht vorsehen, dass Sportlerinnen Kinder bekommen. So berichten Athletinnen nach der Bekanntgabe ihrer Schwangerschaft nicht nur von Sorgen bei der Kinderbetreuung, sondern eben auch von Problemen mit Sponsoren, die Verträge kündigen, oder dem Verlust von Fördergeldern – anders als bei den männlichen Kollegen. „Das Thema Kinderwunsch und sportliche Karriere muss strukturell verankert sein“, fordert Petra Tzschoppe, bis vergangenen Dezember sieben Jahre lang Vizepräsidentin Frauen und Gleichstellung im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB).

Generell zu wenig Unterstützung

Dass es diesbezüglich noch große Defizite gibt, belegte eine SWR-Umfrage unter mehr als 700 Spitzensportlerinnen: Nur jede zehnte Teilnehmerin fühlt sich von ihrem Verein oder Verband dabei unterstützt, ein Kind zu bekommen und weiter am sportlichen Wettbewerb teilzunehmen. Die Hälfte aller Spitzensportlerinnen gab an, die sportliche Karriere beeinflusse ihre Familienplanung. Zwölf Teilnehmerinnen und damit knapp zwei Prozent der 719 Spitzensportlerinnen haben sich sogar schon einmal für eine Abtreibung entschieden, um die sportliche Karriere zu diesem Zeitpunkt nicht zu beeinträchtigen.

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Bessere Vereinbarkeit im Osten

Das alles hat auch Stine Jörgensen und ihren Mann beschäftigt.

Die große Lösung scheint im deutschen Sport zu fehlen. Noch immer stellt eine Schwangerschaft ein Risiko für die Fortsetzung der Karriere dar. Noch immer heißt es oft: entweder – oder. Wobei Petra Tzschoppe ein Ost-West-Gefälle ausgemacht hat: „Durch die Ostsozialisation wird die Vereinbarkeit von Kindern und Leistungssport in den neuen Bundesländern weitaus weniger in Zweifel gezogen als in den alten.“ Doch das Bietigheimer Handball-Ass kann in ihrem Fall aus Baden-Württemberg nur Positives berichten und kennt auch keine anderen negativen Beispiele aus ihrer Sportart: „Der ganze Verein hat mich von Anfang an hervorragend und sehr professionell unterstützt.“ SG-Physiotherapeut Felix Bauer kam für die ersten Übungen nach der Geburt auch noch Hause. „Als mein Mann mal beruflich unterwegs war, ging er mit den Zwillingen sogar zum Kinderarzt“, erzählt die Handballerin, die sich mit eisernem Willen zurückkämpfte und ein erfreuliches Zwischenfazit zieht: „Meine größte Sorge war, dass irgendetwas zu kurz kommt, ich irgendjemanden hängen lasse, das ist zum Glück nicht eingetreten.“

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Neben der Polin Karolina Kudlac-Gloc ist die Dänin die zweite Mama im Team der SG BBM. „Für mich ist eine solche Schwangerschaft das Normalste der Welt und eine Selbstverständlichkeit, dass Stine jede nur mögliche Hilfe erhielt, auch wenn es mit unserem dünnen Kader nicht einfach war, den Ausfall aufzufangen“, sagt Trainer Gaugisch. Ob die Zusammenarbeit nach Auslaufen von Jörgensens Vertrag im kommenden Sommer fortgesetzt wird, ist noch offen.

Egal wie die Entscheidung ausgeht. Die Verbindung wird ein leuchtendes Beispiel für einen erfolgreichen Balanceakt zwischen Kindern und Karriere bleiben.