Im Hospiz St. Martin in Stuttgart entzünden Mitarbeiter für jeden Menschen, der Abschied vom Leben nimmt, eine Kerze. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Seit 20 Jahren leistet die Katholische Kirche in Stuttgart Hospizarbeit. Um das Hospiz St. Martin in Degerloch zu finanzieren, wurde 2005 die Hospizstiftung gegründet. Von Anfang an dabei: Hospizleiterin Angelika Daiker.

Stuttgart - Tilla Killer wurde nur 66. Sie litt an der Nervenerkrankung ALS, ist in St. Martin gestorben. „In dem Jahr, in dem sie im Hospiz war, haben wir wieder zueinander gefunden“, sagt Witwer Günther Killer dankbar. Der 68-Jährige hat seine Frau 13 Jahre gepflegt – bis das zu Hause nicht mehr ging. „Die Mitarbeiter sind liebevoll mit ihr umgegangen, haben sie als Mensch, nicht als Fall gesehen“, sagt er.

Als Tilla Killer starb, wurde eine Kerze im Fenster von St. Martin angezündet. Das wird immer gemacht, wenn dort ein Mensch stirbt. Riten sind Hospizleiterin Angelika Daiker beim Abschiednehmen wichtig. Seit 1995 engagiert sich die Katholische Kirche in Stuttgart in der Hospizarbeit. von Anfang an die promovierte Theologin mit dabei. Als erste hauptamtliche Referentin für Hospizarbeit und Sterbebegleitung in der Diözese Rottenburg-Stuttgart bestand ihre Aufgabe neben Sterbebegleitung in der Vernetzung und Weiterbildung der Sitzwachen. Ein katholisches Hospiz gab es damals nicht. Die Sitzwachen kamen nach Hause und leisteten Sterbenden und Angehörigen dort Beistand.

Das evangelische Hospiz in der Stafflenbergstraße gibt es etwa sieben Jahre länger als St. Martin. „Wir hatten in Degerloch ein Grundstück. Per Gutachten ließen wir ermitteln, ob es in Stuttgart Bedarf nach einem weiteren Hospiz gibt. „Da das der Fall war, wurde 2005 eine Stiftung gegründet, um den Hospizbetrieb dauerhaft zu finanzieren“, sagt Franz Schlosser, Vize- Stiftungsvorsitzender. 2007 wurde St. Martin mit acht Zimmern eingeweiht.

Etwa 100 „Gäste“ verbringen seither pro Jahr die letzten Tage, Wochen, selten Monate ihres Lebens in St. Martin. Daiker spricht bewusst von Gästen statt Patienten, weil Hospize ursprünglich Herbergen an Pilgerwegen waren. Heute sind sie die letzte Station auf dem Lebensweg. „Und das Wort Patient stellt körperliche Heilung in Aussicht. Im Hospiz geht es nicht mehr darum. Es geht um ein Sterben in Würde und darum, der letzten Lebensphase Schönes abzugewinnen“, sagt Daiker. Werde das erreicht, erübrige sich die Diskussion um Sterbehilfe.

"Hoffnung ist anstrengend"

Künstliche Ernährung, Chemotherapie: Das gibt es im Hospiz nicht. Die Gäste bekommen aber Medikamente, die Symptome wie Schmerzen lindern. Daikers Beobachtung: Fällt der Stress durch die Therapien weg, erholen sich viele noch einmal und können nach Hause. Und Daikers Kollegin zitiert eine junge, an Krebs verstorbene Frau: „Die sagte: ‚Es ist gut, nicht mehr hoffen zu müssen. Hoffnung ist so anstrengend.‘“

Die Betreuung Sterbender im Hospiz ist nur ein Teil der Hospizarbeit. Ziel ist das Sterben zu Hause. Den größeren Teil macht die Betreuung Sterbender dort aus. Rein ambulant ist der Kinder- und Jugendhospizdienst St. Martin, der 2010 ins Leben gerufen wurde. 31 Familien wurden im Jahr 2014 begleitet: sowohl Kinder mit lebensverkürzenden Krankheiten als auch deren Eltern und Geschwister sowie Kinder, die ein Elternteil verloren haben.

Ziel der Stiftung ist es, den Hospizgedanken stärker in Krankenhäuser und Pflegeheime zu tragen. „Das gelingt durch Schulungen. Aber die kosten“, sagt Daiker. Sowohl der stationäre Aufenthalt in St. Martin als auch der ambulante Beistand für Sterbende und die Trauergruppen sind für Angehörige kostenlos. Finanziert wird die Hospizarbeit durch Krankenkassen und Hospizstiftung: Deren Kapital beträgt knapp vier Millionen Euro. Der Abmangel im vergangenen Jahr lag bei etwa 230 000 Euro und konnte laut Schlosser erstmals aus den Erträgen des Stiftungskapitals und Spenden gedeckt werden. Gelingt das nicht, springt das Stadtdekanat ein.

Der Festakt zum Jubiläum findet am 19. März um 18 Uhr im Rathaus statt. 

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