Das größte Teleskop der nördlichen Hemisphäre steht auf La Palma Foto: /Bettina Bernhard

Seitdem der Vulkan auf La Palma ruht, kommt der wahre Schatz der Kanareninsel wieder zur Geltung: Der Sternenhimmel über dem Eiland beschert Astronomen aus aller Welt, aber auch allen Hobby-Himmelsguckern fantastische Blicke ins All.

Für einen Moment ist es richtig finster. Der Shuttlebus hat abgedreht und sich auf den langen, kurvigen Weg hinab nach Breña Baja gemacht. Die nächtlichen Besucher des Mirador Astronómico haben ihre Lampen ausgeschaltet, nachdem sie die Treppe zum steinernen Rund erklommen haben. Wenig später sind die Augen adaptiert und die Finsternis ist keine mehr. Eine schmale Mondsichel beleuchtet die Szenerie, die Silhouetten der Bäume sind zu erkennen, ebenso Sternenführer Antonio Gonzales samt seinem Teleskop. Das schaut gerade in den Mond und holt ihn so nah heran, dass man die Krater einzeln zählen kann.

 

14 Sternenguckerplätze weisen den Weg ins All

Als Nächstes holt Antonio einen Sternenhaufen ins Blickfeld: „Omega Centauri, den könnt ihr bei euch in Deutschland nicht sehen, da ist die Erdkugel im Weg“, erklärt der 50-jährige Palmero, der neben einigen Semestern Physik zahlreiche Kurse zum Astroguide absolvierte. Er ist der Initiator der 14 Sternenguckerplätze auf der Insel, die alle mit einem festen Nordsternpfeil samt Entfernungsangabe (gut 4 Billiarden Kilometer!) sowie Sternkarten und Infotafeln ausgestattet sind.

Wenn die Jungfrau Kopf steht

Weil La Palma nahe am Äquator liegt, sieht man nicht nur einige andere Himmelsbilder als in Europa, auch die gewohnten sehen anders aus, liegen quer oder stehen kopf. Antonio turnt seiner Gruppe deshalb die Sternbilder vor: Erst macht er vor, in welcher Position Herkules oder die Jungfrau am Himmel platziert sind, dann zeichnet er mit dem Laserpointer die Umrisse der Sternbilder nach. Und dann zieht die Milchstraße herauf: Millionen von Diamanten auf nachtschwarzem Samt. Obwohl die Kälte längst in die Knochen kriecht, fasziniert der Blick ins Universum derart und Antonio ist so mitreißend in seiner Begeisterung, dass die Sternengucker erst nach Mitternacht Abschied vom All nehmen.

La Palma trägt den Unesco-Titel Starlight Reserve

Die Lage der westlichsten Kanareninsel weit draußen im Atlantik ist genial für Himmelsforscher. Das erkannte man auf der Insel und erließ früh Gesetze gegen Lichtverschmutzung. So müssen die Lampen gelb sein und nach unten strahlen, der Flugverkehr darf nicht über die Insel fliegen, sondern nur an die Ostküste heran und von dort wieder weg. Ab neun Uhr abends gilt ein Nachtflugverbot und Industriebetriebe können sich nur unterhalb 1000 Metern ansiedeln. 1985 wurde auf dem Roque de los Muchachos das gleichnamige Observatorium gebaut und 2012 bekam La Palma den Unesco-Titel Starlight Reserve.

340 klare Nächte im Jahr

Der Weg hinauf zum Roque de los Muchachos, dem mit 2426 Metern höchsten Punkt der Insel, ist mühsam. In endlosen Kehren windet sich die von Wind, Wetter und Steinschlag malträtierte Straße hinauf zu den Überresten der alten Vulkanschlote am Rand der Caldera de Taburiente. Noch eine spektakuläre Steilwand und noch ein paar Kurven weiter kommen die ersten Teleskope in Sicht. 23 von ihnen bevölkern das von weißem und gelbem Ginster geschmückte Hochplateau, manche silberglänzend und mit Kuppeln, andere eckig und eher unspektakulär. 340 klare Nächte pro Jahr verzeichnet man hier, denn die Sternwarte thront fast immer über den Wolken.

Das Magic-Paar beobachtet Gasnebel

Erst einmal geht es ins nagelneue Besucherzentrum Roque de los Muchachos. Hier hat noch einer seinen Traumjob gefunden: Sternenführer Michael Fuentes ist in seinem Element, wenn er durch „sein“ Zentrum führt. „Besuchern den Zusammenhang zwischen Mensch und Universum zu erklären, ist das Größte“, schwärmt er und wirbelt durch die interaktive Ausstellung, in der man Stunden verbringen könnte.

Danach geht es ins Reallabor, als Erstes hinaus zu den Teleskopen Magic 1 und 2, die total futuristisch aussehen und die Landschaft kopfstehend spiegeln. Zwei von ihnen bilden ein Augenpaar, das der indirekten Beobachtung von beispielsweise Gasnebeln dient und das Gammastrahlen blitzschnell erfassen kann. Benannt sind sie nach dem Nobelpreisträger Pawel Tscherenkow, der diese Strahlung erforschte.

Tiefe Blicke in die Vergangenheit

In jeder Hinsicht herausragend ist das Gran Tecan, das derzeit größte Teleskop der nördlichen Hemisphäre mit 10,4 Meter Spiegeldurchmesser. Das Teleskop samt Halterung und Instrumenten wiegt rund 400 Tonnen und kann auf einer ölgelagerten Drehscheibe mühelos von Hand bewegt werden. Tagsüber wird das Teleskop in seiner 49 Meter hohen Halle gecheckt und für die Nacht vorbereitet. Am späten Abend öffnet sich das riesige Garagentor auf dem Kuppelkopf und gibt den Blick frei ins All oder genauer in dessen Vergangenheit, denn der große, lichtstarke Spiegel erlaubt tiefe Blicke, also weit zurück in die Vergangenheit der Sterne und Galaxien. Über die Finessen des technischen Wunderwerks lässt sich Benjamin Siegel gerne ausfragen. Er kam als junger Maschinenbauer aus Freiburg vor 20 Jahren eher zufällig hierher und ist für die Betreuung der Teleskope auf La Palma und Teneriffa zuständig – noch einer, der in seinem Sterne-Job aufgeht.

Draußen bläst es ziemlich, doch die Sonne wärmt die Lava im Nationalpark Roque de los Muchachos. Lila Natternköpfe, gut einen Meter hoch, recken sich Richtung Sonne, unten schwimmt eine weiße Wolkensuppe zwischen schwarzen Lavagipfeln. Bienen summen und die Weite des Meeres wird erst von Amerika wieder begrenzt. Eine blaubrüstige Echse wuselt vorbei. Hier oben ist man dem Himmel wirklich ziemlich nah.

Ein Wurstspieß als Asteroidengürtel

Unten in Los Llanos gibt es himmlische Erscheinungen als irdischen Genuss: Pedro Hernandez, der Chef des Duende del Fuego, entwarf ein Sternenmenü, das Motive aus der Astronomie nachzeichnet. Seine Tortilla steht für die Sonne, ein Spieß mit Gemüse und Wurst für den Asteroidengürtel und eine Gazpacho mit farbigen Schichten für den Leia-Nebel. Er setzt, wie viele Gastgeber auf La Palma, auf Touristen, die wegen der himmlischen Phänomene kommen, nicht wegen höllischer Vulkanausbrüche.

Info

Anreise
Von Stuttgart fliegt Eurowings ab November direkt nach La Palma, www.eurowings.com. Mit Condor ab Frankfurt und München, www.condor.com.

Unterkunft
Villa Asunción in Breña Baja, DZ ab 70 Euro, www.islabonita.es/villaasuncion. Parador de Turismo in Breña Baja, DZ/F ab 140 Euro, www.parador.es Essen und Trinken
Das Sternenmenü serviert die Gastro-Bar El Duende del Fuego in Los Llanos de Aridane, www.elduendedelfuego.com. Himmlisches Essen hat auch das Briesta Restaurant in Garafia, www.visitlapalma.es/de/restaurantes

Sternbeobachtung
Sternenführungen bieten Antonio Gonzales, www.lapalma-sky.com, Ad Astra La Palma, www.adastralapalma.com, und La Palma Astronomy Tours, www.lapalmastars.com. Observatorium und Besucherzentrum Roque de los Muchachos sowie Astropfade und Beobachtungsstationen findet man bei www.starsislandlapalma.es/de/

Allgemeine Informationen
La Palma Tourismus, www.visitlapalma.es ; Spanisches Fremdenverkehrsamt, www.spain.info/de