Steinmetz Rudi Spieß ist seinem erlernten Beruf auf seine Weise treu geblieben. Viele seiner Arbeiten zieren sein Zuhause. Foto: Jaqueline Geisel

„Steinhauer“ nennt sich ein Bier der Hochdorfer Kronenbrauerei. Es erinnert an die vergangenen Tage, als Hochdorf ein Zentrum des Steinhandels war. Selbst Stuttgarter Schlösser sind aus Hochdorfer Stein gebaut. Rudi Spieß war Steinhauer. Er erinnert sich an vergangene staubige Jahre.

In Rudi Spieß Haus gibt es viele kunstfertige Steinmetzarbeiten zu entdecken. Dekoratives und Nützliches hat der 83-Jährige im Lauf seines Lebens gefertigt. Ein Handwerk, das ihm gut liegt und Freude bereitet. Denn er ist einer der letzten Hochdorfer Steinhauer.

 

Bis zu neun Steinbrüche prägten im 19. Jahrhundert das Hochdorfer Ortsbild. Auf einer Karte von 1936 waren immerhin noch vier Steinbrüche eingezeichnet.

Als Rudi Spieß seine Lehre im Jahr 1954 beim Steinbruch Walz Richtung Vollmaringen begann, waren es nur noch zwei Steinbrüche. Doch man erinnerte sich noch an die Hochzeiten des Abbaus von „Lettenkohlen-Sandstein“ – so nannten ihn die Steinmetze. In anderen Quellen ist von „Lettenkeuper-Sandstein“ die Rede. „In Hochdorf gab es angeblich mehr Steinmetze als Einwohner“, gibt Rudi Spieß wieder, was damals überliefert wurde. Da verwundert es kaum, dass sie eine eigene Bezeichnung hatten: „Steinhauer“. Heute ist Rudi Spieß einer der letzten von ihnen aus Hochdorf, die noch leben.

Werkzeugkiste vom Großvater

Sein altes Steinhauer-Werkzeug hat Rudi Spieß bis heute aufbewahrt. Die verschiedenen Arbeitsutensilien lassen lediglich erahnen, wie viel körperliche Anstrengung, aber auch handwerkliches Geschick zu dem Beruf gehörten. Ein besonderes Stück ist die bestückte Werkzeugkiste seines Großvaters, seines Zeichens ebenfalls Steinmetz, die Rudi Spieß zum Antritt seiner Lehre übernahm.

Während Rudi Spieß Zeit als Lehrling seien drei Gewerbe in Hochdorf beherrschend gewesen: Steinmetz, Schreiner und Brauerei. Der Rentner erinnert sich gerne an seine Zeit im Steinbruch zurück, auch wenn es eine harte, körperlich anstrengende Tätigkeit war. Selbst die Zeichnungen für sein Gesellenstück – ein Gurtstück für den Königsbau in Stuttgart – hat er aufbewahrt.

An vielen prominenten Bauten in Stuttgart ist Sandstein aus Hochdorf zu finden. Rudi Spieß denkt da beispielsweise an das Schloss Solitude, das Alte und das Neue Schloss, den Rotebühlbau und die Mauer das Pragfriedhofs. In Nagold kam der Sandstein unter anderem beim alten Lehrerseminar zum Einsatz.

Abbau kommt in den 1970er-Jahren zum Erliegen

Als die Jahre vergingen, gab es jedoch immer weniger Arbeit für die Steinmetze, die Besitzer der Hochdorfer Steinbrüche seien älter geworden, erinnert sich Rudi Spieß. Und so kam der Abbau schließlich in den 1970er-Jahren zum Erliegen.

Da hatte Rudi Spieß den Beruf allerdings bereits gewechselt. 1966 stieg er aus, die „Berufskrankheit“ der Steinmetze hatte ihn erwischt: eine Staublunge. Etwa zwei Drittel seines Berufsstandes seien davon betroffen gewesen, schätzt Rudi Spieß. Er erinnert sich noch an den Bus, der extra zum Röntgen bei den Arbeitern vorfuhr.

Also trat er eine neue Stelle bei einem Landschaftsgärtner an. Als dieser 1970 seinen Betrieb schloss, bot sich Rudi Spieß eine neue Gelegenheit: ein beruflicher Wechsel zur Hochdorfer Kronenbrauerei. Er half beim Verladen und Liefern der Waren, fuhr Stapler, kümmerte sich um diverse bauliche Anlagen. „Ich war das Mädchen für alles“, sagt er mit einem Schmunzeln. Auch an diese Zeit denkt er mit Freude zurück, hat die abwechslungsreiche Tätigkeit genossen.

Eigene Arbeiten zieren sein Zuhause

Nach 29 Jahren im Dienste der Hochdorfer Kronenbrauerei verabschiedete sich Rudi Spieß schließlich in den wohlverdienten Ruhestand.

Dem Steinmetz-Handwerk ist er auf seine Weise immer treu geblieben. Seien es die Bilder und Bücher, die er aus und über diese Zeit gesammelt hat, oder seine eigenen Arbeiten. Dekoratives wie das Hochdorf-Wappen und eine Katzenstatue zieren sein Zuhause, der Weg zum Hauseingang führt durch zwei Steinmäuerchen, die er eigens hergestellt hat. Selbst seinen Christbaumständer hat er eigenhändig aus Hochdorfer Sandstein gefertigt. Inzwischen stellt er seine handwerklichen Fähigkeiten zudem an einigen Holzarbeiten zur Schau.

Das Steinhauer-Bier, mit welchem die Hochdorfer Kronenbrauerei derzeit die altehrwürdige Tradition der Hochdorfer Steinmetze ehrt, kennt Rudi Spieß als eingefleischter Hochdorfer und ehemaliger Mitarbeiter natürlich. Seine persönliche Präferenz liegt allerdings eher bei Pilsener und dem alkoholfreien Freibier.