Als Katharina Becker war sie vor 16 Jahren deutsche Spitze – nach langer (Kinder-)Pause ist Katharina Jaiser wieder dabei, in die nationale Spitze zu stoßen.
Sie ist die Nummer 1. Bei ihrem Mann und den beiden Kids sowieso. Aber sie ist seit Ende Juni auch (wieder) die Nummer 1 in Süddeutschland – und bei den Deutschen Meisterschaften am Samstagabend ist sie es auch. Denn Katharina Jaiser startet ziemlich exakt 16 Jahre nach ihren drei deutschen Juniorentiteln mit der Nummer 1 auf ihrem Trikot bei den deutschen Meisterschaften der Aktiven in Kassel.
Startnummer 1 bei der Deutschen Meisterschaft
„Ich weiß auch nicht genau, wieso“, sagt sie lachend, „wahrscheinlich geht das nach Alter absteigend.“ Denn im Feld der 24 Läuferinnen über die 5000 Meter, angeführt von den beiden 26-jährigen Lea Meyer (Bayer Leverkusen) und Alina Reh (SCC Berlin), ist die 36-jährige Gechingerin, die für die Gazelle Pforzheim/Königsbach an den Start geht, die Älteste.
Locker und fröhlich besser ans Ziel
Das kennt sie aus ihrer Trainingsgruppe beim VfL Sindelfingen. „Da bin ich die Ommmma“, erklärt sie – und lacht wieder. Denn das hat sie während ihrer langen Pause gelernt: Locker und fröhlich kommt man besser ans Ziel. Und noch weiter, denn das Ziel waren bei ihr eigentlich die süddeutschen Meisterschaften. „Dass ich das Ding mit Norm für die Deutschen und Start-Ziel-Sieg mitnehme, das hätte ich mir nicht träumen lassen“, muss sich Katharina Jaiser ab und zu zwicken, dass es wirklich wieder so gut läuft. „Es ist zwar ‚nur‘ die B-Norm“, erklärt sie, „trotzdem habe ich jetzt schon mein Soll erfüllt.“
16:45 das magische Ziel
Neuland sind deutsche Meisterschaften bei den Aktiven für die Gechingerin nicht, schon 2012 war sie mit B-Norm bei der DM in Wattenscheid am Start, damals kämpfte sie aber mit der „17“ vorne an der Zeit, 17:11 Minuten und Platz 15 wurden es. Und diesmal? „Was rauskommt, weiß ich nicht. Top 15 und unter 16:45 Minuten wäre schon toll“, liebäugelt sie mit einem Spitzenplatz, aber „wenn nicht, dann eben nächstes Jahr beim VfL Sindelfingen.“ Ganz getreu ihrem neuen Motto: „Ohne Druck, den Moment genießen und mit jeder Faser leben!“
„Ich muss gar nix mehr“
Das war nicht immer so. „Früher bin ich dem Erfolg hinterhergelaufen“, berichtet sie. Sie machte sich selbst Druck, verkrampfte dabei und kam nicht voran. „Heute habe ich die Freude wiedergefunden und knacke eine Bestzeit nach der anderen.“ Ihr Erfolgsrezept: „Ich muss gar nix mehr. Aber ich darf. Und ich kann!“
Dafür musste sie sich nach ihrer Rückkehr in den leistungsorientierten Sport erst einmal das richtige Plätzchen finden. Noch unter Corona-Bedingungen packte es sie beim Pfinzquellenlauf im Juni 2021, ihrem ersten „richtigen“ Wettkampf nach fünf Jahren Pause.
Lob für den TSV Wildbad
Erste Anlaufstelle war für sie ihr alter Verein, der TSV Wildbad. „Der hat mich wirklich toll unterstützt“, lobt sie den kleinen Verein. Aber die Trainingsgruppe fehlte ihr, sie war oft auf sich allein gestellt und machte sich wieder auf die Suche.
Station bei Lidia Zentner
Gefunden hat sie Lauflegende Lidia Zentner, die bei Olympia 1976 zum polnischen Leichtathletik-Kader gehörte, wo sie wegen eines schweren Unfalls aber nicht starten konnte. Parallelen tun sich zu Katharina Jaiser auf, denn nach der Geburt ihrer drei Kinder ging es für Lidia Zentner wieder mit dem Leistungssport los: Mehrere Senioren-Weltmeistertitel waren die Folge – und die Gründung der Gazelle Pforzheim/Königsbach.
Trauer um die Unterstützerin
„Sie hat sich meiner angenommenen und hat das Umdenken von Lang- zu Mittelstrecke unterstützt“, berichtet Katharina Jaiser – ein wenig nachdenklich, denn Lidia Zentner verlor im vergangenen November den Kampf gegen eine Krebserkrankung. „Trotzdem fand ich es moralisch wichtig, wenigstens ein Jahr für ihren Verein zu laufen“, sagt Katharina Jasier.
Den Traum von der perfekten Trainingsgruppe – und da schließt sich wieder ein Kreis – konnte sie erst wieder beim VfL Sindelfingen finden. „Ich habe mit Philipp Riexinger und Olaf Labrenz wundervolle Trainer, die sich wirklich kümmern und einem auch mal nen Arschtritt geben, wenn die Zweifel anklopfen.“ Sie hat ihr Glück offensichtlich gefunden.
Die Kids machen der „lahmen Gurke“ Beine
Und zwar auch privat. Neben ihrem Mann, der ihr „gigantischen Rückhalt“ gibt, sind Finn (5) und Lina (3) ihre größten Fans, die sie gerne bei den Rennen anfeuern: „Mama, du lahme Gurke, jetzt beeil dich mal!“