Sie werden gehört: Taylor Swift (li.) und Helene Fischer. Foto: AFP/Lichtgut/Leif Piechowski

Der liberale Rechtsstaat ist in Gefahr. Dass die Akteure des Populären gegen die Manipulateure des Populistischen Stellung beziehen, lässt hoffen, kommentiert Stefan Kister.

Populistische Parteien beanspruchen, für eine schweigende Mehrheit zu sprechen. Sie berufen sich dabei gerne auf die normalen Leute, die angeblich nicht gehört werden, was ja eigentlich kein Wunder wäre, entsprächen sie ihrer Charakterisierung als schweigend. Aber gut. Nur, was hört die Mehrheit, ob schweigend oder nicht, eigentlich am liebsten? In Deutschland fällt einem sofort der Name Helene Fischer ein, im internationalen Maßstab Taylor Swift, deren Fähigkeit, Massen zu bewegen, sich bei ihren Konzerten sogar als seismische Aktivität messen lassen soll. Bei dem Super-Bowl-Finale an diesem Wochenende in Las Vegas könnte dies wieder der Fall sein.

 

Diejenigen, die in den USA behaupten, die „Normalen“ gegen Kommunisten zu verteidigen, gegen Joe Biden und alle, die laut Trump das amerikanische Blut vergiften wollen, sind alarmiert. Nicht wegen Ausschlägen auf der Richter-Skala, sondern wegen eines anderen, messbaren Swift-Effekts: Vor einigen Monaten rief die Sängerin auf ihrem Instagram-Kanal, dem 279 Millionen Menschen folgen, dazu auf, sich für die kommenden Wahlen registrieren zu lassen, binnen kürzester Zeit waren 40 000 Neuanmeldungen zu verzeichnen. 2020 hatte sich Swift für den demokratischen Kandidaten ausgesprochen. Nun zittern die Make-America-great-again-Strategen, von den ganz normalen Swifties nach einer entsprechenden Wahlempfehlung geschrumpft zu werden.

Kampf im vorpolitischen Raum

In Deutschland füllen sich die Plätze gerade mit Menschen, die angesichts der Bedrohung für den liberalen Rechtsstaat den Mund aufmachen. Während die Volkstribunen der Schweigenden bemüht sind, die Demonstrationen in bester Trump’scher Manier als „das letzte Aufgebot“ einer ideologisch verspulten Minderheit erscheinen zu lassen, müssen sie hinnehmen, dass darunter auch diejenigen sind, die mit ihrer Kunst die Stimme für die vielen erheben. Neben Helene Fischer haben sich viele Prominente mit dem Anliegen der Demonstranten solidarisiert, das Land nicht den Antidemokraten zu überlassen.

Eine der formenden Kräfte des Erscheinungsbildes einer Zeit ist die Massenkultur. Die Nationalsozialisten haben dies erkannt und für ihre geistige Kriegsführung genutzt. Und es ist ein dunkles Kapitel deutscher Unterhaltungskultur, wie einige ihrer führenden Vertreter die heiteren Ablenkungsmanöver geliefert haben, hinter deren Kulisse jener Zivilisationsbruch stattgefunden hat, den heutige Rechtsextremisten und ihr potenzieller parlamentarischer Arm nur zu gerne vergessen machen würden. Sie sind es, die momentan versuchen, ihre autoritären Ideen mit allen Mitteln im vorpolitischen Raum immer weiter gesellschaftsfähig zu machen. Da ist es von nicht zu unterschätzender Bedeutung, wenn nun die Akteure des Populären gegen die Manipulateure des Populistischen Stellung beziehen.

Natürlich kann hinter jedem Idol ein Trugbild stecken. Wer würde seine Hand für die Integrität der politischen Affekte ins Feuer legen, die von Rammstein, der trotz aller Skandale immer noch erfolgreichsten Rockband Deutschlands, mit ihren Zündeleien stimuliert werden? Andererseits wäre man nicht unbedingt darauf gekommen, einmal in Florian Silbereisen einen Verteidiger des Wahren, Schönen und Guten zu sehen. Doch womöglich könnte der Effekt seines öffentlichen Eintretens für eine plurale, offene Gesellschaft in dieser Richtung mehr bewirken als manche hochkulturelle Veranstaltung. Und wer weiß, vielleicht werden ja auch die Karten im Kampf um die amerikanische Demokratie bald in einem popkulturellen Aufbruch noch einmal neu gemischt.