Hermann Krauß war zu Lebzeiten einer der einflussreichsten Chirurgen weit über seine Heimat hinaus.
Unsere Serie über bekannte Calwer Persönlichkeiten anlässlich der 950-Jahr-Feier 2025 orientiert sich in aller Regel an den Geburtstagen. Da kann nun in dieser Folge ebenfalls eine runde Zahl gefeiert werden. Am heutigen Tag vor 125 Jahren wurde Hermann Krauß in Calw geboren.
Am Ende seiner Laufbahn war er Professor für Chirurgie an der Universitätsklinik Freiburg. Dort hat Krauß „eine Chirurgenschule aufgebaut, die ihrer Geschlossenheit ihresgleichen sucht“, schrieb sein Schüler Leo Koslowski, der später Hochschullehrer an der Universität Tübingen war. Hermann Wulzinger, von 1976 bis 2000 Chefarzt der Neurologie am heutigen Zentrum für Psychiatrie Calw, hat bei ihm studiert und schwärmt noch immer von seinen Vorlesungen. Die fanden samstags um 12 Uhr statt – heute undenkbar. Und sie wurden auch von Studenten anderer Fakultäten besucht, weil sie spannend und lehrreich waren.
„Nachgeben ist unschwäbisch“
Leitmotiv Schwabe protestantischer Prägung war Krauß durch und durch. Stets fuhr er im VW Käfer an die Uniklinik, obwohl bekannt war, dass zu Hause in der Garage ein Mercedes stand. „Nachgeben ist unschwäbisch“, lautete sein Leitmotiv. Gleichwohl durfte bei ihm, wie Wulzinger schreibt, Chirurgie nie zum Selbstzweck entarten. Im Mittelpunkt stand für ihn stets der Patient. Dass er nach dem Krieg den Ruf ins katholische und badische Freiburg einem Angebot der Uni Tübingen im württembergischen und evangelischen Tübingen vorzog, dürfte, so Wulzingers Einschätzung, daran gelegen haben, dass die Schwaben wohl nicht genug geboten hatten.
Jugend Die Kindheit und Jugend von Krauß war nicht leicht. Sein Vater, Architekt und Baurat, setzte sich nach Amerika ab, ließ die Mutter mit drei Söhnen allein in Calw zurück. Die Ehe wurde 1905 geschieden, Karl Krauß 1917 vom Amtsgericht Calw für tot erklärt.
Mit typischem schwäbischem Understatement
Seine Mutter war schon 1911 im Alter von 42 Jahren gestorben – an „Auszehrung“, wie es hieß. Friederike Bauer stammte aus einer alteingesessenen Calwer Familie, die heute noch eine große Spedition betreibt. Sie kümmerte sich fortan um Hermann Krauß. Nach dem Abitur in Stuttgart durchlief er das Medizinstudium in Tübingen mit Bestnoten und im Schnelldurchlauf. Mit typischem schwäbischem Understatement lobte ihn sein Großonkel Friedrich Bauer: „Hosch‘ mr e Freud gmacht.“
Karriere Erste Stationen führten ihn an Kliniken in Göppingen und Mainz. Dann holte ihn Ferdinand Sauerbruch, der weltweit als einer der bedeutendsten und einflussreichsten Chirurgen des 20. Jahrhunderts gilt, an die Charité nach Berlin. Dort habilitierte sich Krauß und wurde 1939 zum außerordentlichen Professor für Chirurgie ernannt. Sauerbruch war auch Gast, als Krauß 1937 in Kirchheim unter Teck die Unternehmertochter Hilde Prem heiratete. Aus der Ehe gingen ein Sohn, der Tierarzt, und eine Tochter, die Dermatologin wurde, hervor.
Er begleitete Hindenburg bis zu dessen Lebensende
Hindenburg Sauerbruch beauftragte seinen Assistenten Krauß, den schwerkranken, greisen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg die letzten drei Monate seines Lebens zu betreuen. Nach dem Krieg war dann auch Theodor Heuss sein Patient. So hat er sowohl den letzten Reichspräsidenten der Weimarer Republik als auch den ersten Präsidenten der Bundesrepublik medizinisch betreut.
Mitläufer Krauß hat das Ende des Ersten Weltkriegs ab 1917 noch als Soldat erlebt. 1919 wurde er Mitglied im Freikorps Epp, das im Auftrag der von der SPD geführten Reichsregierung die Münchner Räterepublik niederschlug. Wulzinger sieht es als erwiesen an, dass sein Eintritt in die SS und damit auch in die NSDAP erzwungen worden ist, da eine Habilitierung sonst nicht möglich gewesen wäre. Als er 1945 in amerikanische Gefangenschaft geriet, haben sich frühere Mitarbeiter und Patienten für ihn eingesetzt. Letztlich wurde Krauß als „Mitläufer“ eingestuft und musste ein Sühnegeld von 150 Reichsmark zahlen.
Politisch hat er sich nie betätigt. Aus seiner Zeit am Städtischen Urban-Krankenhaus in Berlin ist bekannt, dass er alle Kranken, ob Deutsche, Juden, Ausländer und Kriegsgefangene, gleich behandelt hat.
Spezialist Schwerpunkte seiner Arbeit waren die Herz- und Thorax-Chirurgie. Krauß schuf die Voraussetzungen, dass in Freiburg eines der ersten deutschen Herzzentren entstand. Zusammen mit Internisten gründetet er den vorbildlichen Freiburger Kardiologischen Arbeitskreis. Zudem wurde die Robert-Koch-Klinik errichtet. Dort behandelten Chirurgen und Internisten die damals noch häufig auftretende Lungentuberkulose.
Für seine Hobbys, die Reiterei und die Jagd, blieb Hermann Krauß nicht viel Zeit. Auch nicht in seinem Ruhestand, denn schon vier Jahre nach seiner Emeritierung starb er am 27. Juni 1971 in Freiburg an einem Herzinfarkt.
Die Serie
Als Besitzer des Geburtshauses
von Hermann Hesse bewahrt die Familie Schaber nicht nur das Gedenken an den in Calw geborenen Literaturnobelpreisträger. Sie fühlt sich darüber hinaus dem kulturellen und geschichtlichen Erbe ihrer Heimatstadt verpflichtet. So hatte Hermann Schaber die Idee, mit Blick auf die 950-Jahr-Feier, die 2025 begangen wird, in Zusammenarbeit mit dem Verleger Hans-Jürgen Schmid, schmidmusic Musikverlag, Monat für Monat bekannte Calwer Persönlichkeiten in den Schaufenstern seiner Geschäfte zu präsentieren. Daran beteiligt sich auch die Buchhandlung Osiander in Calw. Der Schwarzwälder Bote begleitet diese Aktion mit einer Serie. ( av)