Auf dem Weg nach oben: Ausschnitt aus Karin Kneffels „o.T. (Treppe)“ Foto: K. Kneffel/VG Bildkunst 2022

Endlich mal Malerei, die direkt in Kontakt mit dem Publikum tritt. Deshalb hat die Staatsgalerie Stuttgart sich jetzt ein Hauptwerk von Karin Kneffel geleistet.

Am Ende ist man mit den leichtesten Dingen überfordert. Sind es nur Schatten, die auf den weißen Vorhängen tanzen? Oder sind die Stores mit Ästen und Blättern bedruckt? Da schaut man Tag für Tag – oder besser Abend für Abend – aus dem heimischen Fenster heraus und weiß doch eigentlich, was außen und innen ist und was Spiegelung auf dem Glas. Bei diesem großen Fenster aber kommt man ins Schlingern. Die einfachsten Dinge können manchmal so schwierig sein.

 

Die Sammlung wird weiblicher

Dabei ist Karin Kneffeleine Malerin, die ihrem Publikum nichts vormacht. Keine Geheimniskrämereien, keine selbstverliebten Verwirrspiele. Ihre Motive sind deutlich ablesbar: hier eine Stehlampe, dort ein Teppich, da gibt es kein Vertun. Die Staatsgalerie Stuttgart hat der Malerin in ihrer Sammlung nun einen Saal freigeräumt für einige ihrer großen Formate, die auf den ersten Blick harmlos und unspektakulär daherkommen. Auf stattlichen vier mal zwei Metern hat sie eine Treppe gemalt, die mit einem roten Läufer bespannt ist. Mittel der Museumsstiftung Baden-Württemberg haben es möglich gemacht, dass das Bild aus dem Jahr 2003 nun angekauft werden konnte und die extrem männerlastige Sammlung der Staatsgalerie ein klein wenig weiblicher wird.

Man weiß intuitiv, worum es geht

Karin Kneffel hat nichts als diese Treppe gemalt, und doch ahnt man intuitiv, dass jeder, der diese die hochherrschaftlichen Stiegen betritt, es im Leben weit nach oben gebracht hat. Der edle rote Läufer erzählt aber nicht nur unmissverständlich vom gesellschaftlichen Aufstieg, sondern Karin Kneffel spricht ihr Publikum auf vielerlei Weise ein. Ihre neorealistische Malerei ist extrem sinnlich. Man weiß, wie das spiegelnde Parkett knarzen wird und sich die dicken Teppiche anfühlen. Auf direkte Weise führt sie vor, wie selbstverständlich wir unsere Welt wahrnehmen. Sie liefert eine Art optische Anleitung, um die Grenzen zwischen Realität und Projektion sichtbar zu machen. Wenn man auf dem blitzblanken Boden die Spiegelung einer großen Gesellschaft sieht, vermischt sich zudem Anwesendes und Abwesendes auf aufregende Weise.

Die Grenzen werden sichtbar

Kneffel war Meisterschülerin von Gerhard Richter

Was so einfach daherkommt, ist das Ergebnis langer Prozesse und mehrere Malschichten, die Karin Kneffel übereinanderlegt, als wolle sie dem Bild die verschiedenen Ebenen der Realität förmlich einschreiben. Sie hat in den 1980er Jahren an der Kunstakademie Düsseldorf bei Gerhard Richter studiert. Kneffel, die Anfang des Jahres 65 Jahre alt wurde, ist seit Langem selbst Professorin an der Akademie der Bildenden Künste in München.

Endlich mal Ruhe

Auch wenn man in der Staatsgalerie neben der neuen Anschaffung nur eine kleine Auswahl an Leihgaben ergänzt hat, vermittelt sich bestens, was die Magie dieser auf den ersten Blick so simplen Motive ausmacht. Karin Kneffels Bilder ermöglichen, was in heutigen Zeiten so mühsam und selten geworden ist: Konzentration. Sie lenkt den Fokus auf Details. Obwohl sie dabei verschiedene Gefühle bei ihren Betrachtern herauskitzelt, schafft sie auf anregende Weise einen Moment friedlicher Ruhe.

Karin Kneffel. In der Stuttgarter Staatsgalerie bis 9. Oktober, geöffnet von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr