Grazie, während draußen der Weltkrieg tobte: Modiglianis „Liegender Frauenakt mit weißem Kissen“ von 1917 Foto: Staatsgalerie Stuttgart

Amedeo Modigliani ist weltberühmt für seine Aktbilder. Aber er hat auch moderne und erfolgreiche Frauen porträtiert. Lohnt sich dafür der Besuch der neuen Ausstellung?

Eigentlich gab es keinen Grund, sich zu empören, schließlich hatten schon viele Künstler nackte Frauen gemalt. Deshalb war es nicht ungewöhnlich, dass auch Amedeo Modigliani Modelle ins Atelier einlud, die sich für ihn auszogen. Trotzdem schritt die Polizei ein, als Modigliani seine Aktbilder 1917 in einer Pariser Galerie ausstellte. Den Ärger gab es nicht, weil nackte Haut zu sehen war, sondern auch Schamhaar. Das hatte Modigliani kompositorisch sogar kunstvoll akzentuiert.

 

Modigliani steht für mehr als nur delikate Aktdarstellungen

Einige Bilder wurden entfernt, sodass die Ausstellung unbehelligt weiterlief. Trotzdem gibt der kleine Skandal dem Mythos Modigliani die Würze. Schließlich sind es ebendiese Akte, die ihn weltberühmt machten – wenn auch erst nach seinem viel zu frühen Tod 1920, der plötzlich Schwung ins Geschäft brachte. Inzwischen werden sie für mehr als hundert Millionen Euro gehandelt. So kann sich die Staatsgalerie Stuttgart freuen, den „Liegenden Frauenakt mit weißem Kissen“ (1917) zu besitzen, den man nun zum Anlass genommen hat für die ambitionierte Schau „Modigliani. Moderne Blicke“.

Doch Achtung, wer sich allein auf delikate Fleischbeschau freut, könnte enttäuscht werden, da sie nur einen kleinen Teil der Ausstellung wie auch von Modiglianis Werk ausmacht, der sich viel mehr für Porträts interessierte. Er malte Freunde und Kollegen – und sehr viele Frauen, moderne, selbstbewusste und erfolgreiche Schriftstellerinnen, Modedesignerinnen und Künstlerinnen.

Er war ein Bohemien und lebte ein kurzes, exzessives Leben

Einigen von ihnen begegnet man nun in der Staatsgalerie – etwa Beatrice Hastings, einer schillernden Literatin aus England, die über die Pariser Boheme berichtete. Und wenn einer ein Bohemien par excellence war, so Modigliani, der als junger Mann von Italien nach Paris kam und dort ein finanziell zwar jämmerliches, aber schillerndes Leben führte mit viel Alkohol und Drogen. Er war mit vielen Künstlern auf Du und Du – und hatte auch mit Beatrice Hastings eine heftige Liaison. Die sah zweifellos besser aus als auf Modiglianis Porträt von 1915.

„Was ich suche, ist weder das Wirkliche noch das Unwirkliche, sondern das Unterbewusste“, meinte der Künstler. Oft wirken seine Porträtierten maskenhaft und wie seelenlos, was auch an den Augen liegt. Schwarze, blinde Pupillen sollten Modiglianis Markenzeichen werden.

Aus Sicht der Kuratorin Nathalie Lachmann stellte Modigliani einen neuen Typ Frau dar, der eigentlich erst zehn Jahre später in den legendären Zwanzigern im großen Stil Furore machen wird. Dieses Moderne lässt sich aber bestenfalls an Äußerlichkeiten ablesen, am Bubikopf oder den kessen Matrosenkragen. Wer oder wie diese Frauen waren oder worin ihre Modernität bestand, das zeigt Modigliani nicht – und wird in der Ausstellung auch nicht weiter verhandelt. Die Bildtitel verraten meist nicht mal den Namen der Porträtierten oder begnügen sich lapidar mit dem Vornamen.

Nur das Outfit verrät, dass die Frauen den Rollenklischees nicht entsprechen

Der größte Teil der Ausstellung widmet sich aber ohnehin nicht diesem neuen Typ Frau, sondern der kunsthistorischen Debatte, ob sich die Modernität eines Künstlers in dieser Zeit nur daran ablesen lässt, wie stark er sich der Abstraktion verschrieb. Die Kubisten zertrümmerten ihre Motive regelrecht, um sie neu zusammenzusetzen. Die Futuristen übersetzten das Tempo der beschleunigten Maschinenwelt in Malerei.

Modigliani entwickelte dagegen seinen ganz eigenen Stil und hielt bei seinen Porträts an klassischen Kompositionen fest. Während des Ersten Weltkriegs stellten viele Künstler das Elend dar, das auch in Paris unübersehbar war. Modigliani nicht, er flüchtete sich nachgerade in Schönheit und antike Grazie und begann mit seinen eleganten Frauenakten, an denen man oft auch seine Begeisterung für die Antike und die italienische Renaissance ablesen kann. Meist waren es Prostituierte, die ihm Modell lagen.

Es werden viele Bezüge zu anderen Künstlern erstellt

Diese Akte wurden mitunter als gefällig kritisiert. Leihgaben aus aller Welt sollen nun beweisen, dass Modigliani mit seiner Liebe zur Figur keineswegs unmodern war und auch nicht allein dastand. Hierzu werden die verschiedenen Genres durchdekliniert: Männer-, Frauen- und Kinderporträts und Akte, wobei immer wieder Motive anderer Künstler gegenüberstellt werden, bei denen sich Komposition oder Auffassung ähneln. Modigliani zeichnete eine Weile Tänzerinnen, wie es Toulouse-Lautrec tat, er orientierte sich mal an Cézanne, mal an Picasso. Auf einigen seiner Akte sind die Unterschenkel vom Bildrahmen abgeschnitten, weshalb Parallelen zu Wilhelm Lehmbrucks Skulpturen hergestellt werden, die oft Torsi mit fehlenden Extremitäten waren.

Was Modiglianis Werk ausmacht, lässt sich schwer herauslesen

Es gibt schöne wie hochkarätige Werke zu entdecken, und doch machen die vielen Vergleiche und Querbezüge es schwer, das Spezifische Modiglianis herauszulesen, das sich in den vielfältigen Gegenüberstellungen vielmehr zu verflüchtigen scheint. Die Ausstellung, die gemeinsam mit dem Museum Barberini in Potsdam entstanden ist, fügt der kunsthistorischen Forschung ein weiteres Kapitel hinzu. Die für das Publikum interessantere Frage, was den Kern von Modiglianis Kunst ausmacht und welche Bedeutung sein Werk heute vielleicht noch hat, wird dagegen nicht gestellt.

Kurzes Leben – tragisches Ende

Große Liebe
Als Modigliani mit 35 Jahren starb, war Jeanne Hébuterne, eine junge Künstlerin, zum zweiten Mal von ihm schwanger. Zwei Tage nach dem Tod des Malers stürzte sie sich aus dem Fenster und ging in die Geschichte als tragische Geliebte ein. Erst vor wenigen Jahren entdeckte man in einem Keller ihre Bilder.

Ausstellung
Bis 17.3., geöffnet Di–So 10 bis 17 Uhr, Do 10 bis 20 Uhr.