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St. Georgen Zeitzeuge blickt auf Kriegsende zurück

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Der Schwarzwälder Bote blickt in seiner Serie "Zeitzeugen" auf das Kriegsende in St. Georgen zurück. Foto: Archiv

St. Georgen - Artur Maier war erst 15 Jahre alt, als in St. Georgen im April 1945 ein Kampf um die Stadt entbrannte. Lesen Sie im (SB+)-Artikel, wie er knapp dem Tod entrann und ihn seine Familie bei der Heimkehr nicht einmal mehr erkannte.

Sechs Dokumentenseiten, Schriftgröße zwölf, keine Absätze. Satz an Satz reihen sich die Erinnerungen von damals. Fragt man Artur Maier, wie er das Wochenende des 20. April 1945 erlebt hat, sprudelt es geradezu aus ihm heraus. Er erinnert sich daran, welche Straßen er entlang lief, als die Sirenen heulten, was er trug, als ihn die Franzosen beschossen, wie die Sau im Stall, in dem er gefangen gehalten wurde, laut quiekte.

"Kurz vor dem Bahnübergang wurde ich das erste Mal beschossen"

"Ich kann anfangen mit dem 20. April 1945", holt Maier aus – und nimmt seinen Zuhörer mit ins Wochenende des Zweiten Weltkrieges, an dem sich in St. Georgen alles entschied. "Ich hatte meines Vaters Stiefel und die Breeches-Hose an. Die hat mir grad so lottrig gepasst." Als er von einem Ausflug auf dem Weg nach Hause ist, heulen auf einmal die Sirenen.

Maiers Vater, ein Offizier, der krankheitsbedingt aus dem Wehrdienst entlassen worden ist, sorgt sich um seinen Sohn Albrecht. Er arbeitet als Hirtenbub in Oberkirnach. Maier macht sich also auf, um seinen Bruder nach Hause zu holen. "Kurz vor dem Bahnübergang wurde ich das erste Mal beschossen", erinnert er sich. Die Franzosen haben ihn im Visier. "Ich habe mich in einen Graben gedrückt. Ich war dünner als Zeitungspapier und über mir haben sich die Maschinengewehr-Salven in den Dreck gewühlt." In einer Feuerpause – die Gewehre sind nun wieder Richtung Röhlinwald gerichtet – wagt sich Maier aus dem Unterschlupf. "Doch die Besatzung hat mich wieder entdeckt, als ich über die Gleise rannte", sagt er. "Und da sah ich, wie zwischen meinen Beinen und vor mir die Geschosse auf die Schienen geprallt sind und Funken geschlagen haben."

Als er hinter einer Bahnschranke Schutz sucht, entdecken ihn einige Marokkaner, die mit einem Jeep unterwegs sind. Maier ergibt sich. "Da habe ich die Hände hochgehalten und einer wollte mir die Uhr wegnehmen. Aber die hatte ich zur Konfirmation erhalten und sagte auf Französisch ›die gehört mir‹." Als nächstes sieht Maier "Sterne funkeln", wie er es ausdrückt. "Mit den Fäusten haben sie mir daraufhin ins Gesicht geschlagen."

Für den heute 91-Jährigen, der eigentlich nur seinen Bruder retten will, beginnt eine Tortur. Die Marokkaner wollen von ihm wissen, ob er der SA, SS, Volkssturm oder Wehrmacht angehört. Als er bekennt, dass er Mitglied der Hitlerjugend ist, wird er angewiesen, vor dem Auto herzulaufen. "Aber schnell – ›vite, vite‹ hat’s geheißen. Hätte ich abgebremst, die hätten mich überfahren." Maier wird zur Maschinengewehr-Stellung gebracht und davor positioniert. Er dient als lebendes Schutzschild vor den Beschüssen der Deutschen aus dem Röhlinwald.

Die Erlebnisse, die folgen, schildert Maier bis ins kleinste Detail. Wie er Menschen sterben sieht und französische Offiziere mit Reitpeitschen die Marokkaner dazu bringen wollen, Widerstand gegen die letzten deutschen Truppen zu leisten. "Aber die wollten sich nicht mehr totschießen lassen."

Vom Kommandanten zu seinem Privatgefangenen erklärt

Abends wird Maier zur "Sonne" gebracht. "Dann stehe ich da, mit meinem Französisch, das ich anderthalb Jahre in der Mittelschule gelernt habe." In seiner Not wendet er sich kurzerhand an den Kommandanten. "Und ich habe ihn gefragt: Wie ist es möglich, dass die französische Armee Krieg gegen Kinder führt?"

Obwohl Maier daraufhin vom Kommandanten zu seinem Privatgefangenen erklärt wird, dem nichts geschehen soll, wird Maier im Laufe des Abends auf einen Lastwagen gepackt. "Und ich wusste, wenn ich dort hin komme in die Kriegsgefangenschaft, komme ich nicht mehr lebend nach Hause." Ein letztes Mal sucht er alle Worte zusammen, die er je in der Schule gelernt hatte, um in der für ihn fremden Sprache zu erklären, er sei doch ein Privatgefangener des Kommandanten. Maier gelingt es, die Soldaten, die seine Kleidung mit einer Uniform verwechselt haben, zu überzeugen. Er darf zurück in den Stall zu den anderen Zivilisten und wird am nächsten Tag wieder nach Hause geschickt.

"Die haben mich nicht mehr erkannt, ihren eigenen Sohn", sagt er über das Wiedersehen. "Mein Gesicht war von den Schlägen, die mir die Marokkaner an den Gleisen verpasst hatten, so geschwollen."

Während der Samstag im Hause der Familie Maier von lauter Irrungen und Wirrungen geprägt war – unter anderem stürmt ein betrunkener, bewaffneter Russe das Haus, um Maiers Vater zu suchen – sind dem Zeitzeugen vor allem die englischen Fliegerbomber, die am Sonntag am Himmel auftauchen, im Gedächtnis geblieben.

St. Georgen bleibt verschont

"Ich hörte Motorengeräusche und sah über dem Roßberg viermotorige englische Flugzeuge kommen", so Maier. "Und was ich mit dem bloßen Auge sehen konnte, sie hatten die Bombenschächte schon offen."

Auf dem Rathausplatz wird schnell reagiert, weiße Leuchtkugeln schießen in den Himmel – das Zeichen dafür, dass die Stadt wieder unter der Kontrolle der Alliierten steht. "Das waren etwa 30 Flugzeuge, die hätten einen Bombenteppich über St. Georgen legen können, da wäre nichts übrig geblieben."

St. Georgen bleibt verschont, der Zweite Weltkrieg ist zumindest in der Bergstadt nach diesem Wochenende so gut wie zu Ende. Nur wenige Wochen später werden auch die letzten Waffen niedergelegt. Der europäische Kontinent liegt in Trümmern, gezeichnet von zwei Weltkriegen in knapp 30 Jahren.

Artur Maiers Weg ist da schon vorbestimmt. "Ich hatte ja ein Erbe anzutreten." Es geht zurück zur Normalität –­ so gut das eben geht. Was bleibt, sind die Erinnerungen, die sich in sein Gedächtnis eingebrannt haben. Erlebtes, von dem er 75 Jahre nach Kriegsende noch so detailliert erzählen kann, als wäre es gestern gewesen.

Das Ende des Zweiten Weltkrieges jährt sich 2020 zum 75. Mal. Die Bilanz für St. Georgen: 267 gefallene und 84 vermisste Soldaten, 27 gefallene oder ermordete Zivilpersonen. Die Zahl derer, die dieses grausame Kapitel noch erlebt haben, sinkt stetig. Die Serie "Kriegsende 1945" lässt daher St. Georgener zu Wort kommen, die von den Erinnerungen rund um das Wochenende des 20. April 1945 erzählen. Den Auftakt bildete eine historische Einordnung, die weiteren Teile widmen sich den Zeitzeugen.

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Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

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