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SPD-Vorsitz Saskia Esken: Ihr Mut soll die Partei wachrütteln

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Bisher sei es im parteiinternen Wahlkampf ja eher zahm zugegangen, das müsse jetzt anders werden, fordert Saskia Esken. Foto: Fritsch

Nagold - Die erste Frage, die man Saskia Esken stellen muss, lautet natürlich: Warum tun Sie sich das an? Vorsitzende der SPD – das ist doch ein Kamikaze-Job? Man denke allein an Andrea Nahles. Geradezu aus dem Amt gemobbt wurde sie von den lieben Genossen. Zwar liegt die Sache bei Esken, der Bundestagsabgeordneten aus Bad Liebenzell (Kreis Calw), etwas anders, sie tritt gemeinsam mit Norbert Walter-Borjans an, dem Ex-Minister aus Nordrhein-Westfalen. Geteiltes Leid also, könnte man sagen.

Trotzdem: Warum tun Sie sich das an? Die Antwort der 58-Jährigen kommt wie aus der Pistole geschossen. "Das hat mich mein Mann auch gefragt." Sie lächelt dabei, als freue sie sich über ihr eigenes Bonmot.

Frau Esken wirkt entspannt und aufgeräumt an diesem Vormittag, auch ausgeschlafen, wie sie bekundet. Dann erzählt sie erst einmal von der Ochsentour, den Wahlkampfauftritten gemeinsam mit ihrem Mitstreiter Walter-Borjans an der Parteibasis. Acht Paare hatten sich als Duo beworben, ein Mitglied als Einzelkämpfer. Dann kamen die über 20 Auftritte, ein Ritt kreuz und quer durch die Republik. "Man war so voll mit Adrenalin, dass man gar nicht mehr gemerkt hat, wie müde man war."

Ende der Woche der entscheidende Tag X

Man trifft Frau Esken im Hotel Adler in Nagold, noch am Vorabend hatte sie einen Termin in Bad Liebenzell. Dann Übernachtung zu Hause in Calw, sogar beim Friseur sei sie noch gewesen. Nach dem Nagold-Termin fährt ihr Mann sie mit dem Auto nach Stuttgart, die nächste Station ist Münster, dann weiter nach Berlin, alles mit der Bahn. Ende der Woche dann der alles entscheidende Tag X, die Bekanntgabe der Abstimmung der Parteibasis.

Spitzenjob zum Schleudersitz geworden

Sechs Paare sind noch im Rennen, als Favoriten gelten Olaf Scholz und Klara Gey­witz. Scholz, der Finanzminister und Vizekanzler, ist der "Ranghöchste" und einzige echte Prominente unter den Bewerbern. Natürlich weiß Esken, dass die SPD sich derzeit in einer ihrer schwersten Krisen der Geschichte befindet, dass der Spitzenjob zum Schleudersitz geworden ist. "In der Politik gibt es keine Dankbarkeit" – geradezu abgebrüht klingt ihre Einschätzung dazu. Also, nochmals: Warum tun Sie sich das an? Nach den Jahren der Groko und der Lähmung brauche die Partei heute "Leute an der Spitze, die mutig und standhaft sind, und wir als Team haben das Gefühl, dass wir dafür die richtigen Personen sind". Das sind mutige Sätze, es spricht die überzeugte Linke.

Mut und Mutlosigkeit scheinen Schlüsselbegriffe der 58-Jährigen zu sein, wenn es um die Einschätzung der heutigen Politik geht. Mutlos, zögernd und zaudernd – so agiere derzeit die Regierung. "Große Koalitionen sollten große Aufgaben erledigen", heißt ihr Slogan. Stattdessen produziere Schwarz-Rot ein klägliches Klein-Klein, das einen nur schaudern lasse. Beispiel Klimapaket, hier hat Esken nur Hohn und Spott übrig. Als die Klimaexperten das Paket schon längst zerrissen hätten, "als die Welt kopfschüttelnd davor stand, da hat die SPD das noch als großen Erfolg gefeiert". Geradezu getrieft habe das vor Selbstlob. "Damit macht sich die SPD hochgradig unglaubwürdig."

Esken, aufgewachsen in Renningen im Kreis Böblingen, ist gelernte Informatikerin, politische Erfahrungen sammelte sie im Landeselternbeirat, in der Politik auf Kommunal – und Kreisebene, nebenbei hat sie drei Kinder großgezogen. Im Bundestag sitzt sie seit 2013, sie ist Expertin für Digitales, zudem Mitglied der parlamentarischen Linken. Prominent wurde sie damit bisher eher nicht.

"Wir glauben, dass wir ziemlich gute Chancen haben"

Bekannter ist dagegen Walter-Borjans, er war sieben Jahre Finanzminister in NRW, Schlagzeilen machte er mit dem Ankauf von Datenträgern aus der Schweiz, um so heimische Steuersünder zu überführen. Es gab Kritiker, die dieses Verfahren für illegal erklärten – doch Walter-Borjans brachte dem Land so Milliarden ein. Zunächst war das Tandem als krasser Außenseiter angetreten.

Heute dagegen stehen die Chancen gar nicht so schlecht für das Links-Duo. Juso-Chef Kevin Kühnert stellte sich hinter die beiden, er spricht immerhin für 80.000 Genossinnen und Genossen. Und NRW, die Heimat Walter-Borjans, ist der größte SPD-Verband, ein Viertel aller 430.000 Mitglieder sind dort organisiert. Mittlerweile gilt das Team als Favorit der Linken. "Wir glauben, dass wir ziemlich gute Chancen haben, in die Stichwahl zu kommen." Das klingt sehr selbstbewusst, und sofort setzt sie einen Satz hinzu: "Dann kommt es darauf an, zu polarisieren." Bisher sei es im parteiinternen Wahlkampf ja eher zahm zugegangen, das müsse jetzt anders werden.

Scholz und andere brave Parteiarbeiter, die zwar im Klein-Klein durchaus erfolgreich seien, aber die großen und mutigen Linien vermissen ließen, kanzelt sie gerne als Politiker "mit dem Fleißkärtchen" ab. Überhaupt, die SPD habe sich in den vergangenen Jahren viel zu sehr der Ideologie des ökonomischen Neoliberalismus ergeben. "Die Entfesselung des Arbeitsmarkts, die Dumpinglöhne, der schlanke Staat, die schwarze Null" – alles "krass neoliberal". Es spricht die gestandene Parteilinke.

Und falls sie beim Parteitag im Dezember in Berlin als neues Führungsduo gekürt werden sollten – bedeutet das das Ende der Groko? Doch da wird Esken vorsichtig, versucht die Frage zu umschiffen. "Einiges zu sagen hätte ich wohl", meint sie nichtssagend, verweist ansonsten auf "die Gremien", den Parteitag. Recht vage bleibt sie auch bei der Frage, was nach einem Aus der Koalition geschehen soll. Nochmals ein Jamaika-Versuch oder eine CDU/CSU-Minderheitsregierung? "Der Ball liegt dann nicht bei uns, sondern bei der Union." Nach dem Willen zur Macht, dem Willen zum Regieren klingt das nicht.

Trotz mieser Umfragen, dem dramatischen Niedergang auch anderer Linksparteien in Europa, gibt sich die Frau aus Bad Liebenzell optimistisch. Sie meint, es gebe "eine Sehnsucht in der Bevölkerung, die sicherlich in etwa 30 Prozent umfasst", eine Sehnsucht nach standhafter sozialdemokratischer Politik. Doch dann folgt ein harter Satz: "Nur sehen die Leute dies nicht mehr in der SPD."

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