Es weihnachtet. In den Geschäften in Villingen-Schwenningen ist das – trotz Pandemie – spürbar. Ein bisschen Aufregung liegt in der Luft, während die Menschen von Geschäft zu Geschäft hetzen, um die letzten Weihnachtsgeschenke zu finden. Doch Maria G. muss auf all das verzichten. Ihr fehlt das Geld dafür.
Schwarzwald-Baar-Kreis - Stattdessen klingelt es an der Tür der jungen, 34-jährigen Mutter einer vierjährigen Tochter in Schwenningen. Davor steht Nicola Schurr und streckt ihr eine prall gefüllte Tüte entgegen. Es ist eine der Weihnachtstüten, die in der gleichnamigen Aktion von Schurr und seinem Helferteam an bedürftige Menschen verschenkt werden. 45 Familien im kompletten Kreisgebiet wurden alleine im vergangenen Jahr bedacht.
Mit der Bedürftigkeit hausiert man nicht
Die Empfänger der Gaben bleiben meist anonym. Mit der Bedürftigkeit hausiert man nicht. Auch nicht jetzt, in der Weihnachtszeit, wo das fromme Gefühl die Herzen und Geldbeutel gleichermaßen weitet. Zu groß sind die Scham und die Angst vor einer Verurteilung durch die Gesellschaft. Doch die 34-jährige Frau macht es anders und entschließt sich, mit unserer Redaktion ganz offen zu sprechen. Sie ist eine der in Schwenningen recht zahlreichen alleinerziehenden Mütter und könnte leicht in der Schublade "schwanger, verlassen, arbeitslos und untätig – und obendrein noch überfordert" verschwinden. Stattdessen aber zeigt ihr Beispiel, wie vielfältig die Armut und vor allem der Weg dorthin sein können.
Nein, gelernt habe sie tatsächlich keinen Beruf, gibt sie zu. Sie habe zunächst die Hauptschule besucht, dann das Kaufmännische Berufskolleg 1 (BK1) draufgesattelt – "aber dann bekam ihre Mutter einen Hirntumor, ich war die Letzte von uns, die noch zu Hause war, und bin dann gleich in die Fabrik, um Geld zu verdienen".
Heute öffnet sie die Tür zu ihrer Wohnung einer Wohnbaugesellschaft und bittet in ihr sehr ordentliches, aber spärlich möbliertes Wohnzimmer. Ihre vierjährige Tochter ist noch im Kindergarten. Die Mutter hingegen kämpft jetzt nicht nur mit ihrer eigenen Krankheit – einem Burnout –, sondern auch den Behörden, dem Jobcenter und dem Kindsvater.
70 Euro im Monat – für beide
Ihre kleine, gerade so graue Welt steht im krassen Gegensatz zu dem bunten, vorweihnachtlichen Glitzermeer da draußen. Wie es ihr in dieser vielfach vom Konsum beherrschten Zeit geht? "Gar nicht gut, ich kann meiner Tochter nichts kaufen."
Wenigstens die Weihnachtstüte, welche es unterm Jahr auch als "Deine Einkaufstüte" gibt, ist ein Lichtblick. "Wie oft ich so eine Tüte von Nico bekomme? In letzter Zeit sehr oft...", sagt sie nachdenklich und schaut fast entschuldigend. Schonungslos legt sie die Karten auf den Tisch: Von 70 Euro müssen sie und ihr kleines Mädchen nach Abzug aller Fixkosten derzeit monatlich leben, "weil der Kindsunterhalt fehlt, sonst hätten wir fast 200".
"Das ist immer noch wenig", bemerkt Nicola Schurr trocken und bietet Maria G. seine Hilfe an in den Verhandlungen mit dem Jugendamt um einen Vorschuss – der Vater ihrer Tochter habe den Job verloren und könne deshalb den Unterhalt nicht mehr bezahlen, ist zu erfahren. Und sie selbst? "Seit einem Jahr krankgeschrieben."
Nach vier Jobs nebeneinander im Burnout
Dabei ist es noch nicht lange her, dass Maria G. einen absolut durchgetakteten Tag hatte. "4 Jobs nebeneinander" wuppte die junge Schwenningerin – auf der Messe, in der Gastronomie, als Zeitungsausträgerin und Haushaltshilfe. Sie wollte ihrer Tochter alles bieten und gut über die Runden kommen, hastete durch den Tag. "Aber irgendwann ging all das nicht mehr", schildert sie und weiß: "Deshalb kam dann der Burnout", unter dem sie nun schon ein Jahr lang leidet.
Wild entschlossen: raus aus dem Tief
Maria G. ist wild entschlossen, dieses Tief hinter sich zu lassen. In einem dieser Momente fasste sie sich ein Herz und meldete sich auf einen Facebook-Post von Nicola Schurr, in dem dieser seine wohltätigen Tüten vorstellte und Bedürftigen anbot, sich bei ihm zu melden. "Das war im ersten Lockdown", erinnert sie sich. "Es gibt viele wie Maria", erzählt Nicola Schurr mit Blick auf seine "Kundenliste", "aber leider auch ganz viele Rentner oder Menschen, die durch Kurzarbeit ins Straucheln gerieten." Vielfach hätten die gefüllten Einkaufstüten schon bewirkt, dass eine Familie wieder für ein paar Tage über die Runden gekommen sei. Und manchmal sei es auch weniger die ganze Tüte, als vielmehr ein einzelnes Produkt, das die Empfänger besonders glücklich stimme. Nicola Schurr erinnert sich an eine alte Dame, die ihm erzählte, sie würde so gerne einmal wieder ein Zigeunerschnitzel kochen. Woran es haperte? "Sie hat mir erzählt, dass Paprika und Fleisch gerade so teuer seien. Als ich ihr beides gebracht habe, war sie die glücklichste Frau." Schurr lächelt in Erinnerung an die Hobbyköchin.
"Sieben Euro auf dem Konto"
Und auch Maria G. weiß noch genau, welcher Inhalt einer solchen Tüte ihr Herz besonders berührt hat: "Nico hat mich mal gefragt, ob wir einen besonderen Wunsch haben. Ich habe ihm gesagt, meine Tochter würde so gerne mal wieder eine Kinderschokolade haben – als sie die Schokolade gesehen hat, wie die Augen da gestrahlt haben...., das werde ich nie vergessen." Manchmal aber ging es fast schon ums blanke Überleben – "es gab Situationen, da war der Kühlschrank ganz leer – und dann hat Nico einen Helfer geschickt mit zwei vollen Tüten. Ich bin dafür wirklich dankbar." Oft drehe sie jeden Cent um für Lebensmittel, aber manchmal reiche das Geld einfach nicht – "jetzt gerade habe ich vielleicht sieben Euro auf dem Konto" – es sind an diesem Tag noch elf Tage bis zum Monatsende –, dann führt der Weg zum Mittagessen schon mal in die Wärmestube.
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In einem Jahr aber will Maria G. ganz woanders sein: "Hoffentlich gesund und hoffentlich unter einem schönen Baum mit meinem Kind", schildert sie ihre Vorstellungen. Was ihre Tochter sich wünschen würde, wenn sie sich zum Fest etwas wünschen dürfte? Ihre Mama überlegt nicht lange: "Ein Puppenhaus! Davon spricht sie schon so lange, aber das ist finanziell gar nicht möglich."
Überraschungsmoment rührt zu Tränen
Und dann ist da plötzlich einer dieser Momente in einem Pressegespräch, die man so nicht planen kann: Nicola Schurr zieht verdutzt die Augenbrauen hoch, "ein Puppenhaus? Das bringe ich Dir!" Stille. Keiner der Gesprächsbeteiligten sagt etwas, Maria G. traut sich nicht, sich zu freuen und hakt lieber nochmal nach: "Ist das jetzt Dein Ernst? Echt?" – "Ja, wirklich! Ich habe gerade erst eines für die Weihnachtsaktion bekommen!" Maria wendet sich ab, verbirgt ihr Gesicht in den Händen und weint. Es sind Freudentränen, denn die 34-Jährige freut sich in diesem Moment mindestens genauso sehr über das Geschenk für ihr vierjähriges Kind, wie das Mädchen es an Weihnachten sicherlich selbst tun wird.
Info
Wer Geld oder Lebensmittel für die Aktion Weihnachtstüte oder Deine Einkaufstüte spenden möchte, kann sich an Nicola Schurr, Telefon 0174/6 21 34 53 und E-Mail nicolaschurr@outlook.de wenden, auch per WhatsApp. Er und seine Helfer kommen zuhause vorbei, um Spenden abzuholen. In diesem Jahr ist es möglich, durch die Zusammenarbeit mit Joachim Spitz Geld unter Angabe des Verwendungszwecks Weihnachtstüte 2021 mit Namen und Adresse auf das Konto der ProKids-Stiftung zu überweisen, so dass Spendenquittungen erhältlich sind. Unter den Kontaktdaten steht Schurr auch als Ansprechpartner für alle zur Verfügung, die ein Paket benötigen. Alle Angaben sind streng vertraulich. Weitere Informationen gibt es bei Nicola Schurr.