El Hotzo folgen in sozialen Medien fast eine Million Menschen, vielen gilt er als wichtiger Kommentator der Corona-Pandemie. Im Interview spricht er über einen Generationenwechsel der Satiriker, Humor in Behörden und warum er das Ende seines Hypes bereits kommen sieht.
Stuttgart - Wer soziale Netzwerke wie Twitter oder Instagram nutzt, kommt an Sebastian Hotz derzeit nur schwer vorbei. Der 25-Jährige aus der Fränkischen Schweiz lebt in Berlin und gilt mit knapp einer Million Followern als einer der reichweitenstärksten Kommentatoren des Corona-Geschehens im deutschsprachigen Raum. Viele finden, dass seine Sprüche voll ins Schwarze treffen. Er selber findet das nicht immer und ist sich auch sicher, dass sich der Hype um seine Person schon bald zerstreut. Wie er die Zeit bis dahin nutzen möchte, hat er uns im Telefoninterview verraten.
Hallo Herr Hotz. Wo erwischen wir Sie denn grad?
Auf dem Heimweg.
Also auf dem Rücksitz Ihres Geschäftswagens?
Nein, zu Fuß. Würde ich wirklich Geld mit dem verdienen, was ich mache, würde ich mit einer Kutsche heimfahren oder mich, noch besser, auf einer Sänfte nach Hause tragen lassen.
Sie haben auf Instagram und Twitter fast eine Million Follower und es werden täglich mehr. Andere, die so viel Reichweite besitzen, monetarisieren das. Was machen Sie falsch?
Ich glaube, ich habe einfach kein werbefähiges Gesicht. Gut, ein paar Anfragen gab es schon, aber die habe ich alle abgelehnt.
Warum?
Ich möchte mir den Luxus leisten, unabhängig zu bleiben. Und würde ich damit anfangen, irgendwelche Produkte zu bewerben, würde es mir meine Perspektive auf die Dinge vermiesen. Ich wüsste auch gar nicht, wie das gehen sollte, weil ich mich über die meisten Produkte wahrscheinlich lustig machen würde.
Vor allem seit der Corona-Pandemie zeigt die Kurve Ihrer Fans steil nach oben. Ob Sie nun unmittelbar daran verdienen oder nicht: Die Follower erwarten ja von Ihnen täglich, dass Sie neuen Corona-Content liefern.
Ich twittere und poste komplett ohne Gegenleistung – niemand zahlt mir Geld. Wenn ich mal nicht lustig bin, dann ist es so.
Hand aufs Herz: Jemandem, der so viel twittert, ist es doch nicht egal, wenn er keine Aufmerksamkeit bekommt.
Das stimmt schon – eine emotionale Abhängigkeit an diese sozialen Netzwerke ist sehr gegeben. Und es macht mich auch traurig, wenn ein Tweet mal nicht ankommt. Ich gebe es zu: Wenn ich bis 19 Uhr keinen Insta-Post mit 3000 Likes verfasst habe, bekomme ich die Krise.
Das klingt alles nicht so, als würde da ein durchdachter Plan dahinterstecken.
Wenn da ein Plan dahinterstecken würde, wäre er außergewöhnlich dumm. Begonnen hat ja alles auf Twitter, einem in Deutschland sehr kleinen und unwichtigen Portal für Twitter-Menschen, die viel im Internet sind, zum Beispiel JournalistInnen und PolitikerInnen. Wie sollte dort ein Geschäftsmodell aussehen?
Mittlerweile erzielen Sie auf Instagram sogar die größere Reichweite, Ihnen folgen dort über 600.000 Menschen.
Dort ist ein ganz anderes Publikum unterwegs. Der Ton ist ein anderer und entsprechend sind auch andere Posts erfolgreich.
Wo sind die Unterschiede genau?
Das Twitter-Publikum ist sehr gut informiert. Der darauf aufbauende Humor funktioniert auf Insta nicht ganz so gut. Themen wie „skandalöse Interviews von Lokalpolitikern“, über die die Twitter-Gemeinde genau Bescheid weiß, sind bei den meisten Instagram-Nutzern überhaupt nicht auf dem Schirm. Darum muss man schon unterschiedlich ansetzen.
Der Aufwand, den Sie dabei betreiben, wirkt überschaubar: Sie fotografieren Ihre Tweets ab und posten Sie dann halt auf Instagram.
Auch darum wieder: Meine Kanäle sind als Werbeplattformen denkbar ungeeignet. Auch wenn ich das zukünftig nicht kategorisch ausschließen will. Momentan hilft mir die Aufmerksamkeit, andere Standbeine aufzubauen. Ich professionalisiere so kreatives Schreiben – ich arbeite gerade an einem Buch – und es bringt auch etwas, sich ganz klassisch als Gag-Schreiber zu empfehlen. Außerdem bin ich mir sicher, dass der Hype um mich, wie jeder Internet-Hype, schnell vorbeigeht.
Wieso das?
Erstens habe ich eigentlich keine Lust, die Seiten noch drei Jahre fortzuführen. Zweitens rechne ich fest damit, dass das Abflachen des Hypes mit dem Ende der Pandemie kommt, denn dadurch ist er groß geworden. Und drittens denke ich auch, dass mir selber irgendwann die Ideen ausgehen.
Das Satireportal „Der Postillon“ hat auch mit einer Person begonnen, heute ist eine Redaktion für die Inhalte verantwortlich.
Ich denke, dafür ist das, was ich treibe, zu sehr auf meine Person zugeschnitten.
Jetzt versuchen ja viele, in sozialen Netzwerken lustig zu sein. Die meisten sind erfolglos. Was ist Ihr Geheimnis?
Was ich bediene, ist ja Schmunzel-Twitter, das ist nicht besonders edgy und sehr oft finde ich mich selber auch gar nicht so wahnsinnig witzig. Wenn man täglich mehrere Posts schreibt, geht es auch gar nicht anders, als sich einem gewissen Schema F zu bedienen und mit einem Baukasten zu arbeiten. „Diese und diese Menschen machen das und das, diese Menschen machen auch das und das“ – es sind solche Patterns, auf die man aufbaut. Die Tweets, die man selber besonders gut findet, passen selten in so ein Muster. Aber das Publikum bewertet das oft anders.
Auf welchen Tweet sind Sie rückblickend besonders stolz?
Das war noch vor dem Hype, mein erster Tweet mit über 250 Likes, es ging um Bitcoins: „Nutzlose Scheiße im Internet mit völlig übertriebenem Selbstwert.“ Tweets sind vorgelesen unglaublich scheiße. Oder fanden Sie das jetzt lustig?
Geht so. Standen Sie denn schon mal live vor Publikum auf der Bühne?
Ja, im Schultheater in einem vom Lehrer selbst geschriebenen Stück, das eine Parodie auf den Schulalltag selbst sein sollte. Falls die Frage auf Stand-up-Comedy abzielte, lautet die Antwort nein. Wobei ich tatsächlich Lust dazu hätte, denn die Bühne ist das unmittelbarste Medium. Aber mein geschriebenes Wort würde dort so nicht funktionieren.
Viele Ihrer Satiriker-Kollegen erleben gerade das Gegenteil: Ihre Art von Humor funktioniert im Internet nicht. Fast wöchentlich sehen sich Komiker auf Twitter Shitstorms ausgesetzt, oft wird ihnen vorgeworfen, verletzend zu sein.
Ich denke, dabei geht es weniger um das Medium, sondern eher um einen Generationenwechsel, der gerade stattfindet. Viele bauen bei Satire nur auf Provokation, aber ich denke, man sollte den Grundsatz ernstnehmen, dass Satire eine Zurschaustellung, das Lustigmachen über Mächtige ist – auf diskriminierten Bevölkerungsgruppen herumzuhacken finde ich nicht lustig.
Das wurde zuletzt dem „Die PARTEI“-Chef Martin Sonneborn vorgeworfen, als er einen Asiaten-Witz auf Twitter machte. Am Ende distanzierte sich Nico Semsrott von ihm, trat danach sogar aus der Satirepartei aus.
Das Hauptproblem war nicht nur der Witz selbst, sondern Sonneborns Umgang damit. Es war ein rassistischer Scheiß-Gag, der Menschen verletzt hat. Humor tut gut daran, auf Feedback zu hören. Grenzüberschreitungen passieren, auch mir, aber dann löscht man den Tweet halt und entschuldigt sich. Sonneborn hat das nicht getan. Außerdem ist er nicht nur Satiriker, sondern auch Vorsitzender einer ja doch irgendwie linken Partei.
Wie politisch sind Ihre eigenen Tweets zu verstehen?
Ich mache kein Geheimnis aus meiner politischen Haltung, dass ich antikapitalistisch und antirassistisch eingestellt bin. Aber in meiner Rolle im Internet lege ich ja ein sehr destruktives Wirken an den Tag.
Sie haben – gerade auch in linken Kreisen – nicht nur Fans auf Twitter. Immer wieder liest man da von Hipster-Humor, kein echter Linker, der privilegierte weiße Junge...
...das ist mir bewusst und damit kann ich umgehen. Die Grabenkämpfe in der politischen Linken finde ich gut. Es ist hilfreich dabei, Positionen zu schärfen.
Mit Verlaub, Grabenkämpfe gibt es auch bei der politischen Rechten.
Mir egal, was die machen. Ich habe keine Lust, über diese Leute auch nur ein Wort zu verlieren.
Dann lassen Sie uns noch zu etwas anderem kommen: die Corona-Politik, an der Sie sich täglich abarbeiten. Was halten Sie von der?
Ich persönlich bin ein Zero-Covid-Verfechter. Zwei Wochen zuhause bleiben würde mich auch nerven, aber besser, als was wir jetzt machen.
Könnte sich die Politik in der Corona-Kommunikation etwas von Ihnen abgucken?
Auf keinen Fall, Politik soll nicht lustig sein. Auch Behörden sind vor der Verführung, über Social Media viele Menschen zu erreichen, nicht gefeit. Ich denke da nur an den lustig gemeinten Werbespot der Bundesregierung zurück, wie man es rückblickend heldenhaft finden wird, zuhause geblieben zu sein. Da lieber trocken und sachlich. Ich verstehe natürlich das Bedürfnis, darüber lachen zu können. Aber diese Perspektive kann die Politik nicht einnehmen: So zu tun, als wäre man unbeteiligt.
Das Gespräch führte Sascha Maier
Hier geht es zu El Hotzos Twitter-Kanal und hier zu seinem Instagram-Auftritt.