Irgendjemand ist immer schöner, sportlicher, erfolgreicher. Gerade Jugendliche vergleichen sich oft mit anderen und soziale Medien liefern jede Menge unrealistische Vorbilder. Wie schützen sich Jugendliche davor?
Joggend, im Fitnessstudio, beim Yoga am Strand: Junge Menschen beim Sport, mit wohldefinierten Sixpacks und makellosen Hinterteilen, perfekt gestylt. Unter dem Stichwort „fitspiration“ finden sich in den sozialen Medien Millionen solcher Fotos, die zum Sport motivieren können – oder aber immensen Druck aufbauen, auch so aussehen zu wollen. Gerade bei Jugendlichen, die oftmals noch ein fragiles Selbstwertgefühl gegenüber ihrem Körper haben.
„Der Körper macht in dieser Zeit ja sehr viele Veränderungen durch“, sagt Nicola Ferdinand, die als Psychologin an der Bergischen Universität die Entwicklung des Gehirns während der Pubertät erforscht. „Deshalb steht er bei Pubertierenden stark im Fokus bei der großen Aufgabe, eine eigene Identität zu entwickeln, eigene Normen und Werte zu definieren.“
Vorbilder überall
Auf der Suche danach, wer man gern werden würde, haben sich junge Menschen schon immer an Vorbildern orientiert, sich mit anderen verglichen. „Und wenn wir Menschen uns weiterentwickeln wollen, schauen wir dabei immer nach oben, zu denen, die das gleiche Problem schon richtig gut gelöst haben, also beispielsweise einen perfekten Körper haben oder sich toll anziehen“, erklärt Nicola Ferdinand.
Fündig werden Jugendliche dabei bereits seit Generationen auch in den Medien. „Früher waren dies Zeitschriften, Musikvideos, Kinofilme oder Werbespots. Heute heißen die Plattformen eben Tiktok oder Instagram“, sagt Medienpädagogin Iren Schulz, die unter anderem als Mediencoach für die Initiative „Schau hin! Was dein Kind mit Medien macht“ arbeitet.
Schulz sieht in den neuen Angeboten zunächst einmal eine große Chance. „Sie bringen eine unglaubliche Vielfalt bis ins kleinste Dorf. Egal ob ich mich wild anziehen möchte, eine Randsportart mag oder mich divers fühle, ich finde Orientierung und eine Community, das gab es früher so nicht.“ Schulz sagt aber auch: „Für Pubertierende heute ist mit den sozialen Medien vieles brisanter und schwieriger geworden.“
Die Gründe sind vielfältig. Der offensichtlichste: Es gibt viel mehr Inhalte. Und wer will, kann sie rund um die Uhr konsumieren. Ein weiterer großer Unterschied: „Früher hat man sich Stars angeschaut, heute sind es ganz normale Gleichaltrige, die sich auf den Plattformen präsentieren“, sagt Silja Vocks, Psychologin und Expertin für Körperbildstörungen sowie Essstörungen an der Universität Osnabrück.
Das suggeriert: Jeder kann es schaffen – und wenn du es nicht schaffst, bist du ein Versager. Damit einher geht ein dritter Grund. Mit wenigen Klicks wird aus jedem Konsumenten heute auch ein Verteiler und Produzent von Inhalten. „Das setzt Kompetenzen, Reflexionsfähigkeit und Verantwortung voraus“, sagt Iren Schulz.
Vertrauen statt Verbote
Zumindest bei Grundschülern sieht sie diese Verantwortung vor allem bei den Eltern, indem soziale Medien allenfalls gemeinsam genutzt werden. „Kinder haben in diesem Alter kognitiv noch gar nicht die Fähigkeiten, all das zu überblicken, was für Plattformen wie Tiktok nötig ist“, sagt Iren Schulz. Altersgrenzen von 13 oder 16 Jahren für die Angebote kämen nicht von ungefähr – auch wenn sie mit falschen Angaben problemlos umgangen werden könnten.
Bei Teenagern sei es dann an jeder Familie, für sich passende Regeln zu finden. „Profile und Sicherheitsstandards gemeinsam einzurichten, ist sicher gut“, sagt Iren Schulz. Daneben würde sie vor allem auf Vertrauen statt auf Verbote setzen. „Jugendliche müssen spüren, dass sie jederzeit kommen können, wenn mal etwas schiefgelaufen ist und die Eltern sie dann unterstützen.“
Vocks sieht die Verantwortung der Eltern auch noch woanders: als Vorbildfunktion. „Wir konnten in Studien zeigen, dass Mädchen, deren Mütter mit ihrer eigenen Figur unzufrieden sind, selbst auch unzufriedener mit ihrem Körper sind.“ Auch unterschwellige Bemerkungen oder kritische Blicke der Mutter auf den Körper der Tochter würden nachweislich dazu führen, dass diese selbstkritischer mit ihrer eigenen Figur umgehen. „Bei Vätern und ihren Söhnen konnten wir diesen Effekt nicht zeigen“, sagt Silja Vocks.
Die Unzufriedenheit wächst
Was aber für Jungs wie Mädchen gilt: Schauen sie sich Fotos durchtrainierter Menschen an, ist die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper danach messbar größer als vor dem Betrachten solcher Bilder. Jungs haben dabei zumindest nicht nur die Bereiche ihres Körpers im Blick, die sie als negativ wahrnehmen, sondern fokussieren auch stärker die positiven Bereiche. „Mädchen dagegen schauen vor allem auf die Bereiche, mit denen sie ohnehin schon unzufrieden sind. Und sie legen bei ihrem eigenen Körper sehr viel kritischere Maßstäbe an als bei den Körpern von anderen. Das verstärkt die Unzufriedenheit natürlich noch“, sagt Silja Vocks.
Wer das nicht will, nutzt entsprechende Inhalte in sozialen Medien am besten möglichst wenig. Eine kanadische Studie konnte bei Studierenden zeigen, dass sie bereits nach wenigen Wochen wieder ein deutlich besseres Bild von ihrem eigenen Körper und ihrem Gewicht hatten, wenn sie ihre Zeit auf Tiktok oder Instagram zeitlich deutlich einschränkten und so weniger perfekte Fotos sahen.
Allerdings weisen die Forscher auch darauf hin, dass nicht alle Jugendlichen gleichermaßen von den negativen Einflüssen der Social-Media-Nutzung betroffen seien. Wer in dieser Beziehung aber labil sei und vielleicht noch kein so starkes Selbstwertgefühl habe, könne sich durch weniger Konsum schützen.
Medienkompetenz und Ablenkung
Silja Vocks entwickelt mit ihrer Forschungsgruppe ein Online-Training, das junge Frauen dazu bringen soll, ihren eigenen Körper nicht so selbstkritisch wahrzunehmen und nicht immer nur auf die negativen Stellen zu achten. „Gleichzeitig zeigen wir den Mädchen, dass viele der Fotos überhaupt erst durch entsprechende Filter und weitere Bildbearbeitung so perfekt werden und in der Realität kaum zu erreichen sind“, erklärt Silja Vocks.
Besonders die Stärkung des Selbstwertgefühls sei ein Weg, um Jugendliche besser vor den Bildern in den sozialen Medien zu schützen. „Als Eltern kann ich die Aufmerksamkeit durchaus mal weglenken von Sachen wie Aussehen, Gewicht oder Figur. Und stattdessen andere Dinge betonen, die meine Kinder gut machen oder die man an ihnen mag“, sagt Silja Vocks.