Von Auswechselspielern hat man ja schon gehört. Aber Auswechsel-Bäume? Zumindest in Nagold gibt es die. Auf dem Vorstadtplatz wurde am Montag kurzerhand der Weihnachtsbaum getauscht.
So etwas nennt man Déjà-vu: Erst Ende vergangener Woche stand der Autokran auf dem zentralen Nagolder Vorstadtplatz und wuchtete unter Mitwirkung der Mannen vom städtischen Bauhof den großen Weihnachtsbaum in eine standhafte Position.
Alles war schon gerichtet, der Baum stand da und wartete geduldig darauf, nach dem Wochenende mit goldenem Schmuck und Lichterglanz zu einem echten Christbaum zu werden. Und diesen Freitag, 1. Dezember, da wäre er dann zum ersten Mal in voller Pracht erstrahlt – anlässlich der Nagolder Lichternacht, mit Anschaltzeremonie um 19 Uhr fürs Nagolder „WeihnachtsBaumLeuchten“. Was ein Traum, für einen Baum!
Doch dann kam alles ganz anders. Denn der Nagolder Weihnachtsbaum, er mochte irgendwie überhaupt nicht begeistern. Kahl wirkte er, besonders auf der einen Seite, und im unteren Bereich, nun sagen wir mal so, da ging es sehr, sehr luftig zu. Kurzum: Der Baum sah aus, als habe er bereits schlapp gemacht – und das bereits vor dem 1. Advent!
Spartanische Naturversion
Mit so einem Baum wäre es wirklich verdammt schwer gewesen, in den kommunalen Überbietungs-Wettbewerben um den prächtigsten Christbaum zumindest ernstgenommen zu werden. Selbst die gekonntesten Schmückversuche hätten aus dem Baum wohl keinen veritablen Nagold-Vertreter mehr werden lassen.
Das erkannten ganz schnell ganz viele Menschen. Im Netz kam die spartanische Naturversion von einem Weihnachtsbaum jedenfalls ziemlich groß raus. Ob auf Facebook oder auf Instagram, in unterschiedlichen virtuellen Gruppen, oder auch in privaten Chat-Runden – überall wurde kräftig gelästert, geschmunzelt, kritisiert, aber auch ganz mitfühlend der Baum in Schutz genommen.
„Hond ihr au solche Krücken...?“
„Nagolder Weihnachtsmotto – so sieht Waldsterben aus“, hatte ein Facebook-Nutzer zu seinem Foto des Baumes geschrieben. Und der Beitrag wurde geteilt, zum Beispiel auch in einer Facebook-Gruppe namens „100% Schwäbisch“. Und dort wurde an die Mitglieder der Community die Frage gestellt: „Hond ihr au solche Krücken... seller stoht in Nagold“. Dann noch drei Lach-Smileys hinterher – und die Social-Media-Debatte kam erst so richtig in Fahrt.
Spätestens da dürften bei der Stadt Nagold alle Weihnachtsbaum-Alarmlichterketten angegangen sein. Also entschied man sich zum Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiel. Am Montagmittag wurde der – übrigens auch nur 14 bis 15 Meter hohe – Erstbaum kurzerhand ausgetauscht. Frisch im „Härle“ gefällt und per Tieflader angefahren kam eine neue Weißtanne zu Ehren – nun auch immerhin satte 19 Meter hoch.
„Die Erstausgabe ist nicht überzeugend gewesen“, teilte Nagolds Pressesprecherin auf Nachfrage der Redaktion mit. Der Baubetriebshof sowie der Forst hätten im zweiten Anlauf nun den „besseren Baum am richtigen Ort“ aufgestellt. Kostenpunkt: 300 Euro für die zusätzlichen Krankosten.
Und was wird aus dem Erstbaum? „Die Spitze bekommt auch eine Verwendung und wird in einem Gebäude aufgestellt“, verrät Julia Glanzmann.
Die Pressesprecherin fügt weiter hinzu, dass die Stadt „vielseitig auf die Bedeutung des Weihnachtsbaums“ angesprochen worden sei – und „selbstverständlich wollen wir auch in Sachen Weihnachtsbaum gute Ergebnisse sehen“.
Jede Menge Ruhm und Ehre
Der Ersatzbaum ist tatsächlich deutlich üppiger als sein Vorgänger und hat geschmückt sicher das Zeug dazu, als Christbaum der Stadt Nagold in den nächsten Wochen noch jede Menge Ruhm und Ehre zu bereiten.
Das Original kann sich aber immerhin trösten, für einige wenige Tage womöglich Deutschlands meistfotografierter und bemitleideter ungeschmückter Weihnachtsbaum gewesen zu sein. Dieser Ruhm ist zwar ganz schnell wieder vorbei – doch wenn sich jemand mit vergänglichem Ruhm auskennt, dann sind es Weihnachtsbäume.