Unterrichtsausfälle sind Standard und überforderte Lehrer sind es auch: „Wenn das so weiter geht und noch mehr Pädagogen ausfallen, können wir hier einpacken“, so die Prognose von Tino Berthold, Vorsitzender des Gesamtelternbeirats Schulen in VS.
Das Problem mit der Lehrerversorgung steht nicht erst seit dem Schuljahresbeginn 2023/24 auf dem ganz persönlichen Stundenplan von Tino Berthold, dem langjährigen Vorsitzenden des Gesamtelternbeirats (GEB) Schulen.
Doch das Thema nimmt an Brisanz zu. „Immer mehr Elternvertreter beschweren sich darüber, dass der Unterricht ausfällt“, so Berthold auf Anfrage der Redaktion. Schon seit geraumer Zeit sei dies nicht mehr ausschließlich ein Problem der Grundschulen oder der sonderpädagogischen Einrichtungen, sondern auch der Realschulen. Unterm Strich sieht er eine „katastrophale Lehrerversorgung“ in VS.
Der Schulalltag ist geprägt von Ausfällen: Lehrer fallen aus, Stunden fallen aus, in manchen Schulen werde zum Beispiel das Fach Ethik gar nicht mehr unterrichtet, Sport zur Hälfte gestrichen. Eine Seltenheit sei es ebenso nicht, dass Pädagogen für zwei Klassen zuständig seien oder Schüler unbeaufsichtigt bleiben.
„Zustände sind unhaltbar“
Mittlerweile würden Lehrer wie auf einem Schachbrett zur Vertretung in die verschiedensten Klassen geschickt oder gleich an andere Schulen versetzt, „weil dort der Mangel noch größer ist“. Mit dem Ergebnis, so Berthold, „dass viele mittlerweile auf dem Zahnfleisch daher kriechen“.
Die Notengebung für eine solche Bildungspolitik ist klar: „Solche Zustände sind unhaltbar.“ Erschwerend komme dazu, spielt Berthold auf das Dauerthema an, dass „PoLs“, also Personen ohne Lehramtsausbildung (früher Nichterfüller) nach wie vor keine verbindliche Qualifizierung erhalten.
Das Fass zum Überlaufen brachten vor den Herbstferien Unterrichtsausfälle am Schulverbund Deutenberg in Schwenningen. Jüngstes Beispiel in einer längeren Exemple-Reihe: Eine achte Klasse sei heimgeschickt worden, weil ein Lehrer krank geworden sei und keine Vertretung verfügbar gewesen wäre. Die Reaktionen der Elternvertreter ließen nicht lange auf sich warten. „Dass eine Klasse des Ganztages heimgeschickt werden muss, geht gar nicht. Dabei mache ich der Schulleitung keinen Vorwurf. Das liegt eindeutig an der Bildungspolitik und der Lehrerversorgung im Land“, wird der GEB-Vorsitzende deutlich.
Ein genauso deutliches Schreiben an verschiedenen Stellen im Land war die Folge. „Dies ist keine Schulausbildung, wie sie vom Land vorgesehen ist und welche die Eltern von einer staatlichen Bildungseinrichtung erwarten! Ich fordere Sie auf, sofort einen runden Tisch einzuberufen und die Möglichkeiten einer besseren Lehrerversorgung an dieser Schule nach den Herbstferien zu gewährleisten“, forderte Berthold.
Runder Tisch mit der Schulleitung zugesichert
Die Reaktionen? Vom Regierungspräsidium Freiburg habe er noch keine Antwort erhalten, das staatliche Schulamt in Donaueschingen habe ihm zugesichert, dass es einen runden Tisch mit der Schulleitung geben kann. Berthold weiß aus seiner Tätigkeit als GEB-Vorsitzender, dass „wir an fast allen Schulen runde Tische zum Dauerthema Lehrermangel einberufen könnten“.
Ein Schulleiter, bei dem mittlerweile auch „viele Kollegen an der Belastungsgrenze sind“, ist Thomas Schultis, Leiter der Karl-Brachat-Realschule in Villingen. „Besser wird die Situation nicht, wir sehen hier nur die Spitze des Eisbergs.“ Dies sei auch ein Grund dafür, dass die Qualität der Bildung abgenommen hat.
Rasches Handeln gefordert
Wie andere leitende Pädagogen fordert er von der Politik ein rasches Handeln: Finanzielle Anreize sollten geschaffen werden für Junglehrer, um in eher ländliche Regionen zu gehen. Zudem sollte der Klassenteiler kleiner und auf 24 (statt 28) verringert werden. Und auch bei Schultis rücken die „PoLs“ in den Fokus. Diesen Quereinsteigern sollten bessere Perspektiven und Qualifizierungsmaßnahmen geboten werden. Schultis steht mit seiner Aussage nicht alleine: „PoLs werden nach wie vor oft ins kalte Wasser geschmissen.“ Mit der Folge, dass nicht wenige den Bettel hinschmeißen.
Chronische Unterbesetzung, viele erkrankte Kollegen: Die Belastungsgrenze sei schon längst erreicht und dies nicht nur an vereinzelten Schulen. „Viele Lehrer sind nicht mehr am Rande des Burn-Outs, die sind mittendrin“, so ein Pädagoge aus VS. Wer mit Lehrkräften spricht, hört diese Aussage immer wieder. „Wir sind kurz vor dem Kollaps“, und die Politik habe noch immer keine Lösung, kritisiert ein anderer Lehrer. Zudem erschwerten zunehmend aufwendigere Verwaltungsarbeiten den Schulalltag. Eine Kollegin stimmt zu: „Dieser Aufwand ist zu hoch.“
Doch was tun? Erneut rückt der Fokus auf die PoLs und den Umgang mit ihnen. Qualifizierungen vor dem Einsatz von Quereinsteigern sei ein wichtiger Schlüssel zur Lösung des Problems. Denn „ohne sie fahren wir die Schulen bald an die Wand“, heißt es schon lange aus schulinternen Kreisen.
Kollegen geht die Kraft aus
„Die brauchen wir händeringend.“ Auch um den ausgebildeten Lehrern an den Schulen wieder das zu geben, was sie durch die chronischen Engpässe teils verloren haben. „Ich sehe viele gestandene Kollegen, denen die Kraft ausgeht, die nur noch resignieren, obwohl sie noch mit Leidenschaft zu unterrichten versuchen“, beobachtet eine junge Pädagogin.
Qualifizierung für Quereinsteiger
Die Zahlen
Stand Anfang September haben an den Schulen in Baden-Württemberg insgesamt etwa 3800 Personen ohne Lehramtsausbildung (PoL) in unbefristeten und befristeten Verträgen unterrichtet. Zur Qualifizierung von PoLs schreibt die Pressestelle im Kultusministerium (KM) Baden-Württemberg: Seit 2022 werden Kurse zu den Themen Klassenführung, kognitive Aktivierung und konstruktive Unterstützung sowie zu schulrechtlichen Fragestellungen vorgenommen. Im Schuljahr 2022/2023 nahmen 672 Personen an 35 Kursen teil. Im laufenden Schuljahr seien es bisher 315 Teilnehmer in 28 Kursen. „Für weitere interessierte Personen sind in der Regel ausreichend Plätze in den Kursen vorhanden.“ Diese Kurse seien zunächst bis 2024/2025 für bis zu 1200 Personen geplant. Die Zahlen signalisieren, dass das Fortbildungsangebot zum aktuellen Zeitpunkt ausreiche. Das KM bestätigt aber auch, dass diese Maßnahmen nicht verbindlich seien und auch keine Qualifizierungen darstellen, sondern Fortbildungen. Zudem wehrt man sich gegen den Vorwurf einer „willkürlichen Bezahlung“ von Seiten einiger PoLs. Die Aussage, dass selbst diejenigen mit pädagogischem Hintergrund und gleicher Stundenzahl deutlich weniger verdienen als studierte Kollegen, sei nicht korrekt, heißt es aus Stuttgart.