Dominika und Yuliia Bordak sind den freiwilligen Helfern für ihr Engagement dankbar. Ihr schnelles Handeln hat dem Mädchen das Leben gerettet. Foto: Thiessen

Es ist ein Schicksal, das unter die Haut geht: Die zwölfjährige Dominika Bordak ist Anfang März mit ihrer Mutter Yuliia und der kleinen Schwester Milana aus Charkiw in der Ukraine geflohen und hat in Hopfau ein Zuhause auf Zeit gefunden. Nun kämpft sie im Krankenhaus Freudenstadt seit Freitag ums Überleben.

Sulz/Freudenstadt - Nur knapp 24 Kilo wiegt Dominika bei einer Größe von 158 Zentimetern. Mit einer lebensbedrohlichen Ketoazidose wurde sie ins Krankenhaus eingeliefert – wegen einer Diabetes mellitus Typ 1 Erkrankung, die bis zu diesem Zeitpunkt unerkannt blieb.

 

Aufgrund ihres extremen Untergewichts ist Dominikas Körper am Rande der Lebensfähigkeit, so heißt es in der ärztlichen Bescheinigung. Die Betreuung wird noch mehrere Wochen dauern. Auch wenn es ihr am Montag schon spürbar besser geht. Sie isst ihre Mahlzeiten gewissenhaft auf und versucht sogar, bei der Berechnung der Insulin-Einheiten der Erklärung auf Deutsch zu folgen.

Auf der Flucht immer müde

Für Dominika und ihre Mutter Yuliia ist es ein absolutes Neuland – und ein harter Schicksalsschlag. Noch frisch sind die Erinnerungen an Bombenexplosionen in Charkiw, an die beschwerliche Flucht aus der Heimat, und nun folgt die niederschmetternde Diagnose der Tochter. "Es ist ein richtiger Schock. Es hat das ganze Leben noch mal auf den Kopf gestellt", sagt die 36-jährige Mutter.

Schon auf der Flucht hat sie bemerkt, dass Dominika immer schwächer wurde. "Sie war immer müde. Sie fragte ständig nach Wasser und hatte Atemprobleme", schildert die Mutter. Sie dachte aber, das hänge mit der Situation zusammen.

Doch auch nach der Ankunft in Freiburg, später in der Hopfauer Flüchtlingsunterkunft, ging es dem Mädchen nicht besser. An einem Morgen konnte Dominika dann nicht mehr aufstehen, sie hatte keine Kraft – Yuliia griff zum Telefonhörer und bat die ehrenamtliche Helferin Marina Thiessen um Hilfe. "Sie hat sehr schnell reagiert, und in zehn bis 15 Minuten fuhren wir mit den freiwilligen Helfern Michael Gunesch und Natali Preobraschenksi nach Sulz zu Dr. Brillinger. Er hat uns ins Krankenhaus Freudenstadt überwiesen", schildert Yuliia.

Medizinische Hilfe wichtig

Thiessen selbst kommt aus Russland, hat Verwandte in der Ukraine, wohnt in Holzhausen und hat in den vergangenen Wochen mit viel Engagement ein Netzwerk an ehrenamtlichen Helfern aufgebaut, die sich im Raum Sulz um die Ukraine-Flüchtlinge kümmern.

Sie macht deutlich: Mit Sach- und Geldspenden allein ist es nicht getan. Es fehlt die dringend notwendige Infrastruktur, es braucht Dolmetscher, Übersetzer, Vermittler, Helfer, Paten – und nicht selten medizinische Hilfe. Nicht nur im Fall Dominika. "Die Ärztin hat gesagt, hätten wir noch ein, zwei Tage gezögert – man hätte das Mädchen nicht mehr retten können", sagt Thiessen.

In einem fremden Land unter fremden Leuten

Auch an diesem Montag ist Thiessen wieder im Krankenhaus in Freudenstadt im Einsatz. Sie hat ein anderes krankes Kind aus der Flüchtlingsunterkunft in Hopfau mitgebracht, ein zweieinhalbjähriges Mädchen, das seit Tagen mit starkem Durchfall und Erbrechen zu kämpfen hat.

Anrufe und Nachrichten bekommt sie praktisch im Minutentakt. Es muss vieles geregelt und koordiniert werden. Große Sorgen macht sie sich um die Schwester von Dominika: Die vierjährige Milana ist allein in der Flüchtlingsunterkunft in Hopfau – in einem fremden Land unter fremden Leuten. "Eine erschreckende Situation", findet Thiessen. Eine andere ukrainische Mutter, die selbst drei Kinder hat, hat ein Auge auf das Mädchen. Eine Kontaktherstellung zur Schwester sei fast unmöglich, da es im ehemaligen Hotel an der Glatt keinen Empfang gibt.

Hoffnung auf Sondererlaubnis

Nun setzt Thiessen mit ihren Helfern alles daran, um notwendige Unterlagen zu organisieren, die es dem Familienvater Yevgeniy ermöglichen würden, die Ukraine zu verlassen. Im Moment darf er das nicht – Männer zwischen 18 und 60 Jahren dürfen nur in Ausnahmefällen das Land verlassen.

Deshalb werden fleißig Briefe geschrieben – an die Botschaft, an Konsulate, Politiker, Behörden und Medien. "Wir brauchen eine individuelle Erlaubnis bei der ukrainischen Botschaft, die an die ukrainische Grenzpolizei adressiert ist", erklärt Yuliia.

Dominika ist nun auf eine Insulintherapie angewiesen. "Wir müssen das alles erst lernen. Es steht eine ausführliche Schulung für unsere komplette Familie an, die etwa sieben bis zehn Tage dauern wird", sagt die Mutter. Und fügt hinzu: "Dank der Hilfe der freiwilligen Helfer wurde Dominika gerettet."

Nun hofft sie darauf, dass es schnellstmöglich mit der Erstellung der Erlaubnis klappt und ihr Mann nach Deutschland kommen kann. "Ich und unsere Töchter brauchen dringend seine Unterstützung. Ich hoffe sehr, dass unsere Familie in dieser schwierigen Zeit zusammen sein kann."