Burkhard C. Kosminski ist besorgt: „In welchen Zeiten leben wir, wenn unsere Mitarbeiter an einem Tag des Gedenkens Angst um die Sicherheit im Theater haben?“ Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Verbrannte Flaggen vorm Theater, verängstigte Mitarbeiter: Intendant Burkhard C. Kosminski spricht über die Stimmung am Schauspielhaus Stuttgart, seit die Hamas Israel überfallen hat. Und er hat eine klare Meinung dazu, welche Rolle der Kultur in dieser Situation zukommt.

Stuttgarts Schauspiel beschäftig sich schon seit Jahren intensiv mit dem Thema Israel. Intendant Burkhard C. Kosminski spricht über die Stimmung am Theater, seit die Hamas Israel überfallen hat und sagt, was er von zögerlichen Solidaritätsaktion für Israel seitens der Kulturszene hält.

 

Herr Kosminski, hatten Sie mal wieder Polizei im Haus?

Sie meinen, nachdem unsere Israel-Flagge angezündet worden ist?

Ja.

Die Polizei war sehr schnell vor Ort, nachdem wir den Vorfall gemeldet hatten. Wir lassen die Flagge voraussichtlich bis zum 10. November als Zeichen hängen, um auch auf Bezüge zur deutschen Geschichte hinzuweisen und an die sogenannte Reichsprogromnacht zu erinnern, daran, dass in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 die Synagogen brannten in diesem Land.

Wie ist die Stimmung jetzt in Ihrem Haus?

Viele unserer Mitarbeiter sind zutiefst erschüttert und können nicht begreifen, warum 1400 Zivilisten grausam ermordet und mehr als 240 Menschen, überwiegend Frauen, Kinder und ältere Menschen, als Geiseln verschleppt wurden. Die Sensibilisierung der Mitarbeitenden ist groß, und man hat die Anspannung gespürt vor unserer ausverkauften Matinee am 15. Oktober im Schauspielhaus zum 20-jährigen Stolperstein-Jubiläum und zum Gedenken an ermordete jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger.

Die Flagge hängt nun oben an der Fassade des Stuttgarter Schauspielhauses. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Wie hat sich diese Anspannung geäußert?

Es gab ein Bedürfnis nach mehr Security, dem wir auch nachgekommen sind. In welchen Zeiten leben wir, wenn unsere Mitarbeiter an einem Tag des Gedenkens Angst um die Sicherheit im Theater haben?

Wie wirkt sich der Konflikt auf das Ensemble aus? Es arbeiten ja sowohl jüdische als auch muslimische Künstlerinnen und Künstler bei Ihnen.

Wir hatten gleich nach dem Terrorakt der Hamas eine Ensembleversammlung, Entsetzen und Fassungslosigkeit waren groß, neben der Sorge um unser Ensemblemitglied Evgenia Dodina. Sie ist derzeit bis Ende des Jahres freigestellt, denn Itay Tiran, der hier ja als ehemaliges Ensemblemitglied auch noch bekannt ist, hat für das Gesher Theater in Tel Aviv Shakespeares „Richard III“ inszeniert – mit Evgenia Dodina in der Titelrolle. Ein großer Erfolg. Aber natürlich kann zurzeit nicht gespielt werden.

Sind Sie in Kontakt mit den Künstlern dort?

Selbstverständlich spreche ich viel mit Evgenia, aber auch mit vielen anderen Künstlern, die hier bei uns gearbeitet haben. Wenn in einem so kleinen Land wie Israel so viele Menschen bestialisch ermordet werden, kennt jeder jemanden, der von diesem Massaker betroffen ist. Die Menschen leben zwischen Sicherheitsbunker und ihren Wohnungen und versuchen in diesem Ausnahmezustand ihren Schock zu verarbeiten, denn allen ist klar geworden, dass die Hamas Israel auslöschen will. Dies ist besonders schmerzhaft für die vielen liberalen Künstler, die sich für die Rechte der Palästinenser eingesetzt haben.

Sind Sie überrascht, dass allgemein in der Kultur so wenig Solidaritätsbekundungen mit Israel zu bemerken sind? Jüngst haben Autorinnen und Autoren, die auch für Ihr Theater schreiben, wie Büchnerpreisträger Clemens J. Setz, in einem Offenen Brief das „dumpfe Schweigen“ der Literaturszene kritisiert.

Ich begrüße diese Initiative, und wäre ich Schriftsteller, hätte ich mit Freude diesen Offenen Brief unterschrieben. Was die anderen Theater machen, kann ich nicht beurteilen, und ich will auch keine Kollegenschelte betreiben. Wir können nur selbst aktiv werden und uns positionieren, und das haben wir vier Intendanten der Staatstheater sofort nach dem barbarischen Terroranschlag der Hamas getan.

Aber Sie bekommen doch mit, dass es im Vergleich zu den raschen Unterstützungen für die Ukraine ein recht zögerliches Engagement gibt.

Dass der Bühnenverein sich früh und eindeutig zu Israel verhalten hat, fand ich sehr gut. Wir setzen unsere differenzierte Beschäftigung mit dem Thema fort, die mit „Vögel“ und „Verbrennungen“ von Wajdi Mouawad begonnen hat, die wir jeweils viersprachig, in Hebräisch, Arabisch, Englisch und Deutsch gespielt haben. Diese Inszenierungen haben versucht Brücken zu bauen und Gesprächsangebote zu machen.

Haben Sie zusätzlich künstlerische Positionen zu dem Thema geplant?

Anfang Dezember haben wir das Jewish Chamber Orchestra zu Gast. Die musikalische Reise verbindet die Befragung deutscher Erinnerungskultur mit der Erinnerung einer konkreten Figur, nämlich Józef Koffler und dessen musikalischem Erbe. Ich wünsche mir an diesem Abend ein ausverkauftes Theater und ein starkes Signal der Solidarität. „Der Besuch der alten Dame“ mit Evgenia Dodina in unserer zweisprachigen Inszenierung ist weiter im Spielplan, im Februar 2024 haben wir die Premiere von „Der große Wind der Zeit“ von Joshua Sobol, dem bedeutendsten israelischen Dramatiker. Außerdem haben wir ja die Lesereihe Israelische Literatur in Kooperation mit dem Literaturhaus.

Das haben Sie ja schon länger geplant. Gibt es noch mehr Veranstaltungen?

Meiner Meinung beschäftigen wir uns mit dem Thema so intensiv wie kein anderes Theater in Deutschland. Aber ja, wir sind derzeit in Gesprächen, und ich hoffe, Ihnen bald ein kleines, aber wie ich finde sehr interessantes Projekt bekannt geben zu können.

Dass der deutsche Bühnenverein sich über die Resolution des Bundestages, nicht mit der israelkritischen BDS-Bewegung zusammenzuarbeiten, beklagte, haben Sie ja damals auch kritisiert. Dann auch noch im Sommer der Skandal um die Documenta. Woher kommt diese stark israelkritische Haltung gerade in Deutschland? Sie haben ja, als klar wurde, dass Ihr Europäischer Dramatikerinnenpreis an eine BDS-Unterstützerin gehen soll, den Preis ausgesetzt.

Entschuldigen Sie, aber da muss ich Sie korrigieren: Den Preis hat die unabhängige Jury zurückgezogen, wobei ich voll hinter dieser Entscheidung stehe. Woher diese israelkritische Haltung kommt, kann ich nicht nachvollziehen und halte sie für falsch. Israel ist die einzige Demokratie im Nahen Osten und meiner Meinung nach sollten wir, aus unserer historischen Schuld heraus, uns mit Kritik zurückhalten.

Was denken Sie, wenn Sie eskalierende pro-palästinensische Demonstrationen sehen und so wenige pro-israelische Demonstrationen ?

Das hat mich echt schockiert. Wichtig ist mir aber in diesem Zusammenhang zu erwähnen, dass viele muslimische Verbände friedlich und in Sorge um die palästinensische Zivilbevölkerung protestieren und humanitäre Hilfe fordern, was ich nachvollziehen kann und richtig finde. Israel hat aber das Recht und die Pflicht, gegen die Terrororganisation vorzugehen, um sich zu schützen und die Geiseln zu befreien. Dass die Hamas die eigene Bevölkerung als Schutzschild benutzt, ist unerträglich. Hassbotschaften und Antisemitismus haben in unserem Land nichts verloren.

Was halten Sie von Forderungen, dass eine klare Position zu Israel verlangt wird, wenn Personen die deutsche Staatsbürgerschaft wünschen?

Ich halte das bei einem Land wie Deutschland für essenziell. Jüdinnen und Juden sind derzeit in Deutschland bedroht, und das ist nicht hinnehmbar. Sie zu beschützen ist unser aller Aufgabe. Unsere Aufgabe als Theater wird es sein, Erinnerungskultur zu stärken und mit vielfältigen Programmen, Workshops und Gesprächen noch intensiver mit den Schulen und Vereinen zusammenzuarbeiten. Das ist für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft dringend notwendig. Kulturelle Bildung ist wichtiger denn je. Als Theater werden wir sicher weiter den Dialog suchen.

Und mit Erfolg – zuletzt wurden Sie vom Fachblatt Die deutsche Bühne als bestes deutschsprachiges Theater bewertet.

Uns hat diese Auszeichnung überrascht und sehr gefreut. 54 Kritikerinnen und Kritiker haben entschieden, und es ist eine große Bestätigung für das Ensemble und für alle Mitarbeiter. Diese Auszeichnung, bestes Schauspieltheater in Deutschland, Österreich und der Schweiz sein, bedeutet uns sehr viel. Die letzte Spielzeit ist einfach künstlerisch gut gelaufen und wir hatten herausragende Besucherzahlen. Mein Dank gilt, neben den Mitarbeitern der Staatstheater, auch dem treuen Publikum. Sie haben uns die ganzen Jahre getragen. Ich hoffe, der VfB folgt unserem Beispiel und wird in dieser Saison deutscher Meister.

Geht es Ihnen so wie dem aktuell auch erfolgreichen VfB, der hoffentlich Stürmer wie Serhou Yadaly Guirassy nicht verliert? Werben das Wiener Burgtheater und Berliner Bühnen Ihnen nun Ihr Ensemble ab?

Das gilt es zu verhindern. Wir haben ein herausragendes Ensemble und das weckt natürlich immer wieder Begehrlichkeiten. Sicherlich können wir finanziell mit manchen Häusern nicht mithalten, aber darüber führen wir Gespräche mit der Politik im Zuge der Exzellenzsicherung der Staatstheater. Unser Ensemble fühlt sich in Stuttgart sehr wohl, sie werden aber auch jeden Abend von unserem fantastischen Publikum gefeiert.

Zuletzt haben Sie zwei Komödien auf den Spielplan gesetzt. Sehnt man sich in harten Zeiten nach Leichtem, nach Zerstreuung?

„Was ihr wollt“ ist durchaus auch tragisch und nicht nur komisch, aber ja, es stimmt, die ersten beiden Premieren im Schauspielhaus waren eher komödiantische Stoffe. Andreas Kriegenburgs Inszenierung von „Offene Zweierbeziehung“ ist eine grandiose Komödie, bei der sich unser Publikum bestens amüsiert. Aber machen Sie sich keine Sorgen, die düsteren Stücke kommen ja noch, und dann sind wir sicher froh, wenn wir zwischendurch eine Komödie spielen können.

Info

Zur Person
Burkhard C. Kosminski wurde 1961 in Schwenningen geboren. Er ließ sich zum Schauspieler ausbilden und dann noch in New York zum Regisseur. Nach mehreren Regiestationen wurde er 2006 Schauspielintendant in Mannheim, seit 2018 arbeitet er in gleicher Funktion in Stuttgart. Sein Vertrag läuft bis 2029.

Stücke mit Bezug zu Israel
Eine musikalische Lesung am 3. Dezember um 18 Uhr im Schauspielhaus Stuttgart: „Kofflers Schicksal: Goldberg Variationen“ von und mit dem Jewish Chamber Orchestra Munich, Dirigent Daniel Grossmann, mit Texten der Dramatikerin und Romanautorin Stella Leder. Uraufführung am 24. Februar 2024 im Schauspielhaus Stuttgart: „Der große Wind der Zeit“ des israelischen Autors Joshua Sobol, inszeniert von Stephan Kimmig. Weiterhin im Spielplan ist Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ mit Evgenia Dodina in der Titelrolle, gespielt wird in Burkhard C. Kosminskis Inszenierung in deutscher und hebräischer Sprache mit englischen und deutschen Übertiteln, aktuell keine Spieltermine.