Martin Brambach liest mit seiner Frau Christine Sommer in Fellbach. Foto: /Jens van Zoest

Martin Brambach gratuliert mit einer Lesung in Fellbach dem großen deutschen Humoristen Loriot, der am Sonntag hundert Jahre alt geworden wäre. Was sein „Tatort“-Charakter Peter Schnabel und Loriot gemeinsam haben, erzählt er vorab im Interview.

Lange galt er als der bekannteste Unbekannte im deutschen Film, aber das hat sich geändert. Mittlerweile kennt man auch den Namen zum Gesicht: Martin Brambach. Am vergangenen Sonntag war er als Kommissar im Dresdner „Tatort“ zu sehen, am Montag startete auf One die neue Staffel der Satireserie „Parlament“, in der er einen sehr deutschen Europaabgeordneten spielt. Zusammen mit seiner Frau Christine Sommer, ebenfalls Schauspielerin, gastiert der 56-Jährige am kommenden Sonntag, 18 Uhr, in der Fellbacher Schwabenlandhalle. Titel des am Klavier begleiteten Programms: „Das Ei ist hart!“, eine Hommage an Loriot punktgenau am Tag, an dem der größte deutsche Humorist hundert geworden wäre.

 

Herr Brambach, wann haben Sie zuletzt mit Ihrer Frau ein Frühstücksei gegessen?

Heute. Das machen wir fast täglich. Aber anders als im Loriot-Cartoon, nach dem unsere Lesung benannt ist, gipfelt unser Frühstück nicht in einer hingemurmelten Morddrohung: „Ich bringe sie um. Morgen bringe ich sie um.“ Hoffentlich verläuft auch das Frühstück anderer Paare glimpflich. Aber sonst ist es großartig, wie Loriot die schleichende Entgleisung eines Ehegesprächs beschreibt, nur weil das Ei nicht die gewünschte Konsistenz hat. Dieser Humor! Diese absurde Eskalation! Jeder kennt doch solche Situationen, sie könnten sich auch zwischen meiner Frau und mir abspielen.

Kommunikation ist eines der zentralen Loriot-Themen.

Es ist großartig, wie er Menschen aneinander vorbeireden lässt. Nehmen wir eine andere Szene: Die harmlose Frage der Gattin, was sie denn anziehen soll, schraubt sich in groteske Höhen und führt in eine kommunikative Sackgasse mit dem Vorwurf, dass man mit ihm, dem Gatten, über Atommüll, Umweltverschmutzung und Ölkrise reden könne, aber nie über etwas Wichtiges. Das sind fast schon archetypische Kommunikationsmuster zwischen Mann und Frau, typische Missverständnisse, die sich gegenseitig hochschaukeln. Da schafft sich jeder seine eigene Realität. Das beobachtet Loriot sehr genau und beweist dabei einen Humor, der nie verletzend wirkt.

Loriot überträgt diese Kommunikationsmuster auch in andere, ganz und gar öffentliche Sphären. Sie auch?

Ja, auch wir zeigen seine Nummern zu Politik, Fernsehen und Talkshows. Das Aneinander-Vorbeireden hat da Methode. Hohles Geschwätz voller Leerformeln, die pompös zelebriert werden, etwa in der „Rede des Bundestagsabgeordneten Karl-Heinz Stiegler“: „Ich kann den Standpunkt meiner politischen Überzeugung in wenigen Worten zusammenfassen. Erstens: das Selbstverständnis unter der Voraussetzung. Zweitens: Und das ist es, was wir den Wählern schulden“ – und so fort mit dem verbalen Müll, den Loriot mit aller Entschiedenheit präzise intoniert. Die Parodie ist fünfzig Jahre alt, aber ungebrochen aktuell, wenn ich an Politiker denke, die nicht miteinander ins Gespräch kommen, dabei viel reden, nichts sagen und nur Eindruck schinden wollen.

Haben Sie noch Lust auf solche Talkshows?

Meine Frau guckt sie ganz gerne, ich weniger, auch aus zeitlichen Gründen.

Sie bleiben nach dem „Tatort“ nicht an Anne Will hängen?

Nein, nicht wirklich. Es interessiert mich nicht genug. Im Fernsehen möchte ich keine Politiker sehen, die Phrasen austauschen. Mir ist es lieber, sie reden miteinander, wenn ich nicht dabei bin und handeln dann richtig.

Was schätzen Sie noch an Loriot?

Seine Präzision. Filmszenen hat er bis zu fünfzig Mal gedreht, bis er mit ihnen zufrieden war, mit jedem Satz, jeder Geste, jeder Mimik. Humor braucht große Genauigkeit.

Auch Sie gelten als Perfektionist, der immer eins a vorbereitet zum Dreh kommt.

Ich habe bis 2001 fünfzehn Jahre am Theater gearbeitet, unter anderem an der Wiener Burg und der Berliner Schaubühne. Da haben wir oft acht Wochen an einer Inszenierung gearbeitet. Die intensive Beschäftigung mit einer Rolle sitzt tief in mir drin. Trotzdem finde ich, wenn alles abgedreht ist, in einem Charakter immer noch etwas, an das ich nicht gedacht habe.

Nicht nur wegen Ihrer Präzision, auch wegen Ihrer Komik scheinen Sie mir für Loriot prädestiniert zu sein. Spuren von ihm sehe ich sogar in Ihrem „Tatort“-Kommissar.

Loriot war prägend für ganze Generationen, auch mich und meine Spielweise hat er beeinflusst. Das läuft aber eher unbewusst. Und tatsächlich stammt der Autor der ersten Drehbücher für den Dresdner „Tatort“ aus der Humorfraktion: Ralf Husmann, der Erfinder von „Stromberg“. Allein der Name, mit dem er meinen Kommissar geschlagen hat: Peter Michael Schnabel. Biederer und beamtenhafter geht’s nicht. Wie bei Loriot.

Ist Schnabel der uncoolste aller Fernsehkommissare?

Auf jeden Fall kapiert er nicht alles sofort, er stutzt und wundert sich, seine Kolleginnen sind ihm oft einen Schritt voraus. Vielleicht machen ihn genau diese kleinen, peinlichen Defizite auch fürs Publikum nahbarer als andere Ermittler.

Etwas uncool klingt auch Ihre Adresse. Sie wohnen mit ihrer Frau in Recklinghausen. Wie das?

Dorthin hat mich die Liebe verschlagen. Und ich bereue nichts. Ich bin in Berlin aufgewachsen und brauche die Hauptstadt-Hipness nicht mehr. Im migrantisch geprägten Recklinghausen fühle ich mich wohl, die Menschen haben ein Grundinteresse aneinander, sie reden fremde Leute an, ob am Würstchenstand oder bei Karstadt an der Kasse, und sie helfen einander. In Berlin habe ich das anders erlebt, distanzierter, abweisender. Im Ruhrgebiet aber kommt zum Grundinteresse auch eine Grundsolidarität.

Wäre das ein guter Ort auch für Peter Michael Schnabel?

Ich denke, er könnte sich hier gut einleben.

Brambach, Liefers, Loriot

Stiefbruder
Geboren 1967 in Dresden, wuchs Brambach in einer regimekritischen Theaterfamilie in Ostberlin auf. Mit zwölf erfuhr er, dass er einen Stiefbruder hat: Jan Josef Liefers. Zusammen sind sie derzeit das berühmteste Brüderpaar des deutschen Films.

Nebendarsteller
Weil er Geld brauchte, verließ Brambach 2001 die Berliner Schaubühne, wo nur bescheidene Einheitslöhne gezahlt wurden. Als ewiger Nebendarsteller drehte er fortan bis zu zwanzig Filme im Jahr, bevor erste Hauptrollen folgten. Dass er jetzt exakt zum Hundertsten von Loriot in Fellbach liest, zeugt von perfektem Timing.

Termin
Die von Dietmar Loeffler am Klavier begleitete, eigens für Fellbach erarbeitete Lesung ist eine Premiere und findet am Sonntag, 12. November, 18 Uhr, in der Schwabenlandhalle statt. Karten unter 07 11 / 58 00 58. rm