In der Bücherkiste lassen sich häufig richtige Schätze finden. Gilde arbeitet dafür, dass das so bleibt. Foto: Jäger

Ruthild Gilde kümmert sich um die Nagolder Bücherkiste. Ihr Engagement ist ihr wichtig, sie macht es gerne – doch immer wieder stößt sie auf unerwünschte, teilweise unappetitliche Beigaben.

Direkt neben dem Pfandautomat im Edeka Rentschler in Nagold steht eine große, robust gezimmerte Holzkiste voller Bücher. Das Konzept basiert darauf, dass Menschen kostenlos an neuen Lesestoff kommen und andere ausgelesene Bücher in die Bücherkiste spenden, anstatt sie auf einem Regal in einer Wohnzimmerecke einstauben zu lassen oder gar wegzuwerfen. Ein Geben und Nehmen, ein schönes sozial-kulturelles Projekt des Stadtseniorenrats, für das Ruthild Gilde die Verantwortung übernommen hat.

 

Die ehemalige Lehrerin der Zellerschule geht dem mit einigem Ernst nach. Auch an diesem kalten Wintermorgen wirft sie einen kritischen Blick auf die große Kiste, als wollte sie sagen: „Na, wie ist die Lage heute?“ Zahlreiche eigens an dem schweren Holzdeckel angebrachte Hinweisschilder zeugen von ihrem Kampf darum, dass darin immer die gebotene Ordnung herrscht.

Gilde kam 1980 mit ihrem Mann aus Rumänien nach Deutschland. Sie kann sich noch an die bayrischen Grenzschutzbeamten erinnern, sagt sie, die sie in ihren schmucken Uniformen willkommen geheißen hatten. Lehrer wurden bereits damals dringend gebraucht und es blieb ihr nicht verwehrt, wieder in ihrem Beruf zu arbeiten. Auch im Ruhestand ist sie froh darum, noch etwas für die Stadtgemeinschaft tun zu können.

Manchmal verschlägt es ihr den Atem

Regelmäßig bringt Gilde die Bücherkiste auf Vordermann. Sie ordnet, räumt auf und mistet aus. Dabei macht sie bei ihrer Arbeit oft ungeahnte Entdeckungen. Eines Tages fand sie – zerknittert und hineingestopft – eine Monatskarte. Zwar ziemlich zerknautscht, aber noch gültig. Auf eigene Faust machte sie sich auf, den dazugehörigen Menschen zu finden. Ihre Recherchen führten sie zu einer Schülerin aus Ebhausen, die froh darüber war, dass das Teil seinen Weg zurück zu ihr gefunden hatte.

Manchmal findet Gilde alte Postkarten in den Seiten abgegebener Bücher. Der Vorbesitzer muss sie wohl als Lesezeichen verwendet und dann vergessen haben. Auch einen silbernen Ehering entdeckte die 85-Jährige einmal und brachte ihn zum Fundbüro. Ihre sonstigen Funde sind leider oft weniger glamourös: Schnipsel, Taschentücher, Bonbon-Papiere. Oft sieht es sehr unordentlich aus. Doch das abscheulichste war wohl – und das völlig konkurrenzlos – eine schwere, nasse, gebrauchte und einfach hineingeworfene Kinderwindel. Noch heute verschlägt es ihr bei dem Gedanken daran teilweise den Atem.

„Ich muss etwas für die Stadt tun“

Die Leute geben viel ab. Manchmal mehr, manchmal weniger. Und manchmal ist es so viel, dass sie mit einer Kiste auf den Bauhof fahren muss, um dort Bücher in einem großen Schredder zu entsorgen – viele kitschige Liebesromane, eine Masse an zerfledderter Bahnhofsliteratur.

Flyer und Broschüren werden von Gilde aussortiert. Foto: Jäger

Daneben landen aber auch Prospekte, Flyer und Broschüren in der Bücherkiste. All das wird von Gilde entfernt. Manchmal gar nicht, manchmal zweimal in einer Woche lädt sie dann eine Kiste in ihr Auto. Sie wirft den Inhalt in einen großen Kasten aus Metall und der verarbeitet sie zu bloßem Altpapier.

Es ist ihr ein Anliegen, sich zu kümmern, meint sie. „Das ist meine Aufgabe. Ich muss etwas für die Stadt tun.“ Und so macht sie weiter, Tag für Tag, so lange sie kann. „Wir waren damals froh, eine Heimat gefunden zu haben. Und ich freue mich, wenn ich etwas zurückgeben kann.“ An diesem Tag blickt sie erleichtert in die Bücherkiste. In wohlgeordneten Reihen stehen da die Bände, einer neben dem anderem. „So ordentlich sollte es immer sein“, sagt Gilde und lächelt verschmitzt.