Ist es ein Tod auf Raten, der die Aids-Hilfe ereilt hat? Foto: © KsPhoto – stock.adobe.com/Pixabay – Jazella/Montage: SWB/Lars Druve

Plötzlich hat sich die Aids-Hilfe aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis und den Landkreisen Rottweil und Tuttlingen verabschiedet. Haben öffentliche Stellen und Behörden das mit verschuldet?

Der Rückzug der regionalen Aids-Hilfe gibt Rätsel auf und hat für Betroffene bittere Konsequenzen: Wer in Folge oder aus Sorge vor einer HIV-Infektion oder einer Ansteckung mit einer anderen sexuell übertragbaren Krankheit Hilfe oder Beratung bei der Aids-Hilfe sucht, der muss nun weite Wege in Kauf nehmen: bis nach Freiburg, Offenburg, Tübingen, Reutlingen oder Konstanz.

 

Dabei ist das Thema Aids keineswegs von der Bildfläche verschwunden. Im Gegenteil: die Corona-Pandemie, Zuwanderung aus Entwicklungsländern, Kriegsgeschehen und dergleichen verschärften die Lage zuletzt wieder. Und der Human Immunodefiency Virus, wofür die Abkürzung HIV steht, ein menschliches Abwehrschwäche-Virus, kostet weiterhin jährlich Hunderttausende das Leben. Auch wenn dank moderner Forschungen mittlerweile mehr Menschen mit als an dem Virus sterben. Die Aids-Hilfe selbst ist offenbar auf Raten gestorben – und Schuld daran haben in den Augen des ehemaligen Vorsitzenden Bernd Ayasse offenbar auch öffentliche Stellen und Behörden.

Ein bemerkenswerter Vorgang

Eine Aids-Hilfe, die drei Landkreise abdeckt, macht sich sang- und klanglos aus dem Staub – das ist ein bemerkenswerter Vorgang. Und doch passt er ins Bild: Zwischen der Aids-Hilfe Schwarzwald-Baar-Heuberg und der öffentlichen Hand hat die Chemie offenbar selten gestimmt.

Bernd Ayasse, der seit mehr als zehn Jahren an vorderster Front der regionalen Aids-Hilfe stand, rückt nur zögerlich Informationen zu den Hintergründen raus. „Wir werden uns zu gegebener Zeit melden“, kündigt er zunächst nur kurz und knapp an und will damit weiteren Fragen aus dem Weg gehen. Doch die stellen sich: Die Aids-Hilfe ist schließlich ein ins Vereinsregister beim Amtsgericht eingetragener Verein und zudem als eine der Begünstigten gelistet, die beispielsweise Geld erhalten sollen, wenn Angeklagte vor Gericht als Auflage eine Summe X für den sozialen Zweck bezahlen sollen. Und genau da liegt der Hund offenbar begraben.

So geht es mit dem Verein weiter

Ja, bestätigt Ayasse schließlich, die Aids-Hilfe sei organisatorisch ein Verein – und deshalb sei auch bei einer Mitgliederversammlung bereits Anfang Dezember beschlossen worden, die Beratungstätigkeit einzustellen, die Räumlichkeiten in der Villinger Güterbahnhofstraße aufzugeben, alle Geschäfte abzuwickeln und den Verein aufzulösen.

„Der Verein wird regelkonform aufgelöst. Das erfordert Zeit.“ 30 Mitglieder habe er zuletzt gezählt. Und alle laufenden Rechnungen seien beglichen, betont Ayasse. Und sollte es ein Guthaben geben „am Ende des Prozesses“, dann werde das von den dazu bestimmten Personen „an soziale Einrichtungen verteilt“.

Von allen verlassen?

Doch dass ein finanzielles Polster vorhanden ist, darf offenbar bezweifelt werden. Im dem weiteren Gespräch mit Bernd Ayasse ist der Frust offenkundig. „Bußgelder haben wir nie erhalten“, betont er und schreibt das Nie in Großbuchstaben, um seiner Empörung Ausdruck zu verleihen.

„Trotz wir seit Jahren gelistet waren.“ Warum? „Es gibt keine Begründung. Staatsanwaltschaft und Richter haben freie Entscheidung bei der Vergabe.“ Lediglich von der Stadt Villingen-Schwenningen habe die Aids-Hilfe noch Unterstützung erhalten, die Landesmittel seien nach 2020 auch weggebrochen. Beim Landkreis klopfte der Verein zuletzt weiter erfolglos für einen Zuschuss an – die Landratsämter arbeiteten selbst in diesem Bereich, war die Absage begründet worden. Andere Landkreise in derselben Situation hätten stattdessen ihren Aids-Hilfen den Rücken gestärkt, wissend um die „psychosozialen Angebote und Funktionen, die über die Möglichkeiten und Aufgaben des Gesundheitsamtes hinausgehen“, die auch der frühere Gesundheitsamtsleiter Jochen Früh explizit herausgestellt habe.

Schicksal beschieden

Langsam fügt sich im Gespräch mit Bernd Ayasse Puzzleteil für Puzzleteil zu einem bald kompletten Bild zusammen. Und deutlich wird auch der Frust, den Bernd Ayasse verspürt.

Zwischen den Zeilen wird deutlich, dass der Rückzug der Aids-Hilfe aus der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg zwar finanzielle Gründe hatte, aber dass er die Schuld daran auch öffentlichen Stellen und Behörden gibt, welche die Arbeit des Vereins nicht in gewünschter Weise unterstützt haben.

Sobald die Tinte unter der Abwicklung trocken ist, mag sich Ayasse öffentlich zu den Hintergründen äußern, kündigt er an. Doch schon jetzt zeichnet sich ab, wo die Reise warum hingeht: Es wird eine Aids-Hilfe für drei Landkreise zu Grabe getragen, die offenbar beinahe von Geburt an ums Überleben kämpfte – ein Kampf, den sie nun verloren hat.