Walter Kämmer ist der Jahrhundertflut von Braunsbach 2016 entronnen. Hier schildert er, wie er sich aus seinem demolierten BMW im Schlamm befreite.
Der Regen hämmert aufs Autodach wie ein Steinhagel. Walter Kämmer steht mit seinem schwarzen 5er BMW auf der Hauptstraße und ist in der Falle. Rechts schießen Wassermassen an ihm vorbei, sie führen Felsbrocken, herrenlose Autos, meterlange Baumstämme, Mülltonnen, Gartenstühle mit sich.
Den Wagen zurücksetzen kann er nicht, sein BMW ist auch schon halb im Schwimmen. Plötzlich erfasst ihn eine braun-schlammige, gut eineinhalb Meter hohe Welle. Es wird dunkel um ihn. Er hört nur noch ein dumpfes Rauschen, dann schlägt schweres Treibgut gegen sein Auto. Er weiß: Wenn seine Frontscheibe zu Bruch geht, ist es um ihn geschehen. „Da hatte ich zum ersten Mal Todesangst“, erzählt der 74-Jährige.
Bilder der Verwüstung
Am Abend des 29. Mai 2016 entladen sich über Braunsbach die kettenartigen Gewitterlinien des Tiefdruckgebiets Elvira. Der Extremregen hört einfach nicht auf, Elvira denkt nicht daran, weiterzuziehen, denn der ganze Wolkenauflauf schüttet sich über dem Ort aus. Ab 40 Liter Regen pro Quadratmeter und Stunde sprechen Meteorologen von einem Unwetter. In Braunsbach gehen dreimal so viel runter – und das vier Stunden lang. Auf der Hochebene im nahe gelegenen Orlach verwandeln sich Äcker in Seen. Gegen 20 Uhr löst sich der Stöpsel. Die Flut stürzt ins Tal und zerstört alles, was ihr in den Weg kommt.
In den nächsten Stunden gehen die Bilder der Verwüstung über die Nachrichtensender rund um den Globus. Braunsbach, das war bis zum 29. Mai ein kleiner Ort im Hohenloher Land, von dem man vielleicht mal gehört hatte, weil hier die höchste Talbrücke Deutschlands steht. Danach ist Braunsbach Sinnbild für die Katastrophe, die einen aus dem Nichts überfallen kann.
Kämmer ist an jenem Abend auf dem Heimweg nach Merchingen im Neckar-Odenwald-Kreis. Er hat in Lorenzenzimmern bei Schwäbisch Hall mit seinem Klezmer-Ensemble Kleztett geprobt. Um einen Stau auf der A 6 zu umfahren, nahm er die Landstraße. Die Ausweichroute führt ihn durch Braunsbach. Kämmer, der Bassklarinette und Querflöte spielt, kennt den Ort. Er ist dort schon öfters aufgetreten.
Es geht um alles oder nichts
Binnen kürzester Zeit haben sich der Orlacher Bach, der Reichenbach und der Schlossbach zu reißenden Strömen verwandelt. Als die Flut über Kämmers Auto hereinbricht und es schlagartig dunkel wird, fühlt er sich absolut hilflos. „Jetzt hat mein letztes Stündlein geschlagen“, denkt er wörtlich. Im nächsten Moment ist er aber wieder völlig klar und bei sich. Er weiß: Es geht um alles oder nichts. „Panik gibt es nicht, nur überlegen“, denkt er immer wieder.
Panik und Ratlosigkeit passen nicht zu ihm als Mensch – und nicht zu seinem Beruf. Der ehemalige Kinder- und Allgemeinmediziner hatte mit seiner Frau 31 Jahre lang eine Praxis in Merchingen. „Ich war es gewohnt, Notfallsituationen konzentriert und rational zu meistern“, sagt er nüchtern. Kann er das jetzt auch?
Sein Auto beginnt, rückwärts zu schwimmen. Kämmer tritt auf die Bremse, ein wenig hilfreicher Reflex. Sein BMW wird durch die Wassermassen hochgehoben. Kämmer sieht, dass er gegen eine Hausmauer geschleudert wird. Dann der laute Knall dazu. Er stürzt mit der Flutwelle zwei Meter tief in den Orlacher Bach. Der ist nur doppel so breit wie sein Auto und mit Steinen eingemauert. Immer wieder kracht der Wagen gegen die Mauer. „Hoffentlich hält das Chassis“, denkt er. Die Todesangst kehrt zurück. Wieder gewinnt die Vernunft sofort die Oberhand: „Das Auto schützt mich jetzt vor den Wassermassen.“
Aussteigen wäre zu gefährlich
Der BMW schwimmt noch immer schnell, dreht sich vor einer Garage, schießt weiter Richtung Kocher. Der fließt sonst recht gemütlich an Braunsbach vorbei. Doch an diesem Abend ist die gewohnte Welt eine andere. Aussteigen kann er nicht, überlegt Kämmer. Der Versuch, ans Ufer zu schwimmen, wäre zu gefährlich. Solange das Auto waagerecht steht und er trockene Füße behält, ist er sicher, sagt sich Kämmer. Der Gedanke, dass er mit seinem Auto schon irgendwo landen wird, hilft ihm irgendwie. Er malt sich bereits aus, dass er die Klarinette und die Flöte retten muss, wenn er an Land geht.
Geröll, Baumstämme, Autos und anderes Treibgut schwimmen neben ihm. Nach gut zwei Kilometern flussabwärts senkt sich der BMW langsam nach vorne. Wie die Titanic. Jetzt muss er handeln. Denn wenn über den Motorraum Wasser ins Innere dringt, bleibt kaum Zeit. Ihm ist klar, dass er die Türen wegen des Wasserdrucks nicht mehr öffnen kann. Er müsste also das Fenster einschlagen, dazu könnte er vielleicht den Notenständer nehmen. Er drückt auf den elektronischen Fensterheber – der funktioniert noch! Er lässt die Scheibe nach unten, klettert zur Beifahrerseite, stellt die Füße auf den Sitz, dreht sich so, dass er mit dem Rücken nach außen steht, hält sich an der Dachreling fest und zieht sich nach oben. Er schaut nach links und rechts, ob irgendwelche schwere Dinge vorbeischwimmen, taucht dann ins Wasser ein. „Gegenverkehr gab es keinen“, scherzt er.
Todesangst trifft auf Überlegtheit
Kämmer schafft es bis zum Ufer, er ist ein guter Schwimmer. Aber er kann sich nicht festhalten, immer wieder zieht die Strömung ihn in die Mitte des Kochers. Wo ist das nächste Wehr? Vom Kajakfahren w eiß er, dass dort gefährliche Strudel entstehen können . Wieder kriecht die Todesangst hoch. Wieder trifft sie auf seine Überlegtheit. Kämmer versucht, nach Ästen zu greifen, die an der Böschung aus dem Wasser ragen. Irgendwann gelingt es. Mit letzter Kraft zieht er sich an Land. Jetzt weiß er: „Ich bin gerettet!“
Und nun? Wohin? Zurück nach Braunsbach. Mittlerweile ist es fast schon dunkel. Noch immer blitzt, donnert, regnet es wie verrückt. Kämmer watet über eine Wiese auf eine höher gelegene Straße. Er hat ein verdrecktes T-Shirt, eine kurze Hose und Sandalen an. Immer wieder rutscht er an der Böschung aus, fällt ins Gras und in Brombeersträucher. Manchmal denkt er amüsiert: „Schön, dass der Regen meine Kleider sauber macht.“
Wie lange er läuft? Vielleicht eineinhalb Stunden. Er weiß es nicht mehr. Als er dann Braunsbach erreicht, sieht er als Erstes eine Gruppe von Feuerwehrleuten. Er geht auf sie zu: „Ich bin der Mann, der aus dem Kocher kommt.“
Seine Frau ahnte nichts
Auf die Schnelle kommt er bei der Familie eines, wie sich später herausstellt, Braunsbacher Arztkollegen unter. Er wärmt sich am Kamin, bekommt eine Decke und heißen Tee. In dem Moment das Paradies für ihn. Endlich kann er auch seine Frau anrufen.
Die fällt aus allen Wolken, denn sie hat von der Katastrophe gar nichts mitbekommen. Wieso er überhaupt durch den Ort gefahren ist, der liegt doch nicht auf dem Heimweg, will sie wissen. In Tränen bricht sie nicht aus, das ist nicht ihre Art. Bewegt sei sie trotzdem gewesen, das habe er an ihrer Stimme erkannt, sagt Kämmer.
Der Ort gleicht einem Trümmerfeld
Sein BMW wird drei Tage später völlig demoliert ein paar Kilometer weiter aus dem Kocher g ezogen. Als er den Blechhaufen sieht, wird Kämmer einmal mehr bewusst, wie viel Glück er hatte. Das Auto landet am Ende auf dem Schrottplatz in der Nähe – wie auch die mehr als 100 anderen Fahrzeuge, die an jenem Abend von den Wassermassen verschluckt wurden.
Die Sturzflut hinterlässt einen Ort, der sich in ein gigantisches Trümmerfeld verwandelt hat. Anwohner und Helfer werden 90 000 Tonnen Geröll wegschaffen, das Gewicht entspricht etwa 500 Jumbojets. Wie durch ein Wunder ist bei der Katastrophe niemand ernsthaft verletzt worden oder gar zu Tode gekommen. Der Gesamtschaden beträgt 100 Millionen Euro, der Wiederaufbau des Ortskerns dauert viele Jahre.
Der 29. Mai im Jahr 2016 hat Walter Kämmers Sicht auf das Leben verändert. „Ich hätte anstatt auf der ersten auch auf der letzten Zeitungsseite mit den Traueranzeigen stehen können“, sagt er. Dinge, die ihn früher vielleicht aufgeregt hätten, scheinen ihm danach oft ganz belanglos. „Das Leben kann von einem auf den anderen Moment vorbei sein.“ Er muss, ja er will die geschenkte Zeit jetzt bewusster nutzen.
Kämmer verbringt viel Zeit mit seiner Frau und den beiden erwachsenen Kindern. Sie machen Familienausflüge, reden viel. Über das Geschehene, über die Verlustängste der Kinder. Sein Sohn hat ihm einen Notfallhammer besorgt. Der liegt jetzt immer im Auto, für den Fall der Fälle.
Wochenlang plagen Kämmer Albträume
Kämmer nutzt die „Stunden der Verlängerung“, um ein Stück im Klezmer-Stil zu komponieren – „nur für mich, um die Geschichte zu verarbeiten“, sagt er leise. Anfangs durchlebt er den Abend immer wieder in Gedanken: Wo und wann war er mit dem Auto? Hätte er was besser machen können? Eigentlich nicht, er hat es ja geschafft.
Trotzdem suchen ihn in den Wochen nach der Katastrophe Albträume heim, oft wacht er schweißgebadet auf. Im letzten Traum, an den er sich erinnern kann, rettet er den Familienhund aus dem Wasser und sagt zu ihm: „Du bist nicht ertrunken. Und ich auch nicht.“ Seitdem haben die Träume aufgehört.
Manchmal holt ihn das Erlebte heute noch ein, etwa bei der Flutkatastrophe im Ahrtal. „Wenn man hört, dass da Menschen umgekommen sind, puh.“ Auch wenn er in der Nähe eines Flusses sei und es stark regne, schaue er, dass er auf eine Anhöhe komme. „Ich will ja nicht sagen, dass ich Erfahrung habe und das noch mal hinkriege!“ Kämmer lächelt und sagt: „Humor ist auch eine Form der Verarbeitung.“
Seine Klarinette wird 40 Kilometer flussabwärts gefunden. Dafür ist er dem Kocher-Nöck dankbar – der Wassergeist nach einer örtlichen Sage. „Der ist jetzt Fan von Kleztett geworden“, sagt Kämmer. Er ist dem Geist nicht böse, dass er die Querflöte nicht hergegeben hat. „Jetzt kann der Nöck ja damit Klezmer-Musik machen.“ Die Noten und das Instrument habe er ja.