Der Rugby-Club Rottweil trainiert zwei Mal die Woche auf dem Sportplatz neben der Stadthalle. Foto: Julia Stapel

Rugby-Club Rottweil feiert bald 50-jähriges Jubiläum. Volontärin Julia Stapel nimmt an Training teil. 

Rottweil - Frauen und Rugby geht nicht? Sehr wohl, wie ich beim zweistündigen Training mit dem Rugby-Club Rottweil (RCR) erfahren habe. Frauenmannschaftsleiterin Franziska Holpp gewährte einen Einblick in die Aufbauphase nach der Winterpause.

Ein Mittwochabend im Januar, kurz vor halb acht, nasser Boden und Temperaturen um den Gefrierpunkt – das Training des Rugbyteams startet wieder nach der Winterpause. Es scheint nicht unbedingt der typische Frauensport zu sein, denn nur Männer laufen auf den Sportplatz neben der Stadthalle. Ob die Männer mich später "tackeln", was so viel heißt, wie gemeinsam mit dem Gegner zu Boden gehen, werden? Hoffentlich nicht. Ich freue mich, als endlich Mädels um die Ecke kommen – acht machen beim Training mit, sie sind zwischen 17 und 31 Jahre alt.

"Normal sind etwa 15 Frauen im Team, es sind mal mehr mal weniger da", sagt Franziska Holpp, die die Damenmannschaft trainiert. Unterschiedlicher könnten die Spielerinnern kaum sein. "Für jede Frau, egal, ob groß, klein, dick, dünn, gibt es eine Position", sagt Anna-Maria Hammacher. Sind blaue Flecken und Muskelkater programmiert?

"Es ist ein Laufsport"

Letzteres definitiv. Los geht’s: Kondition und Ausdauer sind die Stichworte des Abends. "Es ist ein Laufsport", betont die 26-jährige Teamleiterin, die seit ihrer frühesten Jugend, inzwischen ­16 Jahre lang, Rugby spielt. "Man braucht viel Power, und das muss man üben."­ Das Aufwärmtraining ist mit den Männern zusammengelegt, die in der zweiten Bundesliga spielen: "Die Ausdauer und Kraftübungen machen wir gemeinsam, aber nur, bis wir richtig mit Spielen anfangen", erklärt Holpp. Die Saison des RCR beginnt im September und dauert bis in den Juni im darauffolgenden Jahr an. "Pro Saison haben wir zwischen sieben und acht Turniere", sagt Holpp.

Jetzt wird es ernst, eine Viertelstunde joggen, seitwärts laufen und Knie hochziehen, immer abwechselnd über die langen und kurzen Seiten des Rugbyplatzes, der 100 Meter lang und etwa 70 Meter breit ist. "Damit wird der ganze Körper warm gemacht", meint Holpp. Das sei wichtig, um Verletzungen vorzubeugen.

Was lieben die Frauen so an ihrer Sportart, bei der man sich schnell mal verletzen kann? "Es macht den Kopf frei, man kann sich gut auspowern, und es ist ein super Ausgleich zum Alltag", sagt Delphine Ehmann. Larissa Berner fügt hinzu: "Man wird so angenommen, wie man ist." Außerdem sei es ein fairer Teamsport, denn man bekämpfe sich zwar auf dem Feld, aber nach dem Spiel nehme man sich in den Arm, betont Hammacher.

Mehr als eine Randsportart

Ans Eingemachte geht es im Kraftzirkel: In Intervallen von jeweils 60 Sekunden werden Kraft und Ausdauer trainiert. "Körperspannung ist das A und O", betont Holpp. Hierfür wird besonders die Körpermitte trainiert, eine Übung ist das Planking: Man stützt sich auf die Ellenbogen, stellt sich auf seine Füße und hebt den Körper an. "Schulter und Hüfte müssen auf einer Höhe sein, zieh deinen Bauch ein, und spann ihn an", erklärt mir Holpp.

Genug warm gemacht, denk ich mir, aber richtig ins Schwitzen komme ich erst jetzt. Die lange Seite des Rugbyplatzes entlang sollen wir sprinten, die kurze Seite entlang joggen. Das Ganze fünf Minuten lang ohne Pause. Und los. Die zwei Trainer der Herrenmannschaft motivieren laut: "Ihr sollt nicht Vollgas geben, aber auch nicht langsam rennen." Am Anfang bleibe ich in der Nähe der Frauen und kann gut mithalten. "Im Spiel legt man etliche Kilometer zurück, deshalb ist Ausdauer so wichtig", sagt Holpp, die es tatsächlich schafft, nach den Sprints beim Joggen noch ausführlich mit mir zu reden, während ich mich aufs Atmen konzentrieren muss.

"Okay Pause", schreit ein Trainer, genau die Worte, die ich hören will, wir dürfen kurz Luft schnappen. "Bewegt euch weiter, nicht stehen bleiben", betont er. Es sei wichtig, dass der Kreislauf in Schwung bleibt. Was ich nicht hören wollte: "Weiter geht’s. Noch dreimal." Wie bitte? Ich bin fasziniert von der Ausdauer von Franziska, die so manchen Männern nur noch das Rücklicht zeigt, und ein wenig von mir, dass ich geschafft habe, nicht vor Anstrengung umzufallen.

Fit sind die Damen im RCR, sie spielen aktuell in der 7er-Liga Süd-West und haben vergangenes Jahr den Ligapokal gewonnnen. Unverständlich ist, warum Rugby als Randsportart gilt. "Unsere Sportart hat mehr Aufmerksamkeit verdient, aber wir merken, dass sie langsam wächst und bekannter wird", meint Holpp.

Jetzt geht es endlich ans Rugbytraining, aber nur für die Damen: "Heute üben wir die Spielsituation und das Ballhandling", erklärt Holpp. "Zum Abschluss spielen wir noch eine Runde."­ Tackeln fällt für den Anfang aus. "Das wird erst später, über einen langsamen Kontakt, geübt. Heute reicht erst mal ein Berühren.­ Wer berührt wird, muss abspielen."

Schnelligkeit und Reaktion

Los geht’s mit der Verteidigungs- und Angriffsübung. Hierfür stellen sich einmal fünf und einmal vier Frauen gegenüber. Ziel ist es, den Ball über die blaue Mal-Linie zu bekommen, um Punkte zu machen. Die Verteidigung soll das aufhalten und versucht, Lücken zu schließen und Druck auf die Gegner auszuüben.

Die Verteidigung kickt den Ball zur Angriffsmannschaft, und einer versucht, ihn zu fangen. "Julia, lauf", schreit mir eine Mitspielerin zu, als ich versuche, den Ball zu fangen. Die Spielerinnen aus meiner Mannschaft dürfen erst los, sobald der Ball in meiner Hand ist. Ich renne nach vorne, denn die Angriffsmannschaft ist balltragend und versucht Meter nach vorne zu machen, um Platz zu gewinnen. Als die Verteidigung auch losrennt, spiele ich den Ball ab, aber er darf nur nach hinten gespielt werden, ansonsten muss er an die gegnerische Mannschaft abgegeben werden, erklärt mir Holpp.

Ein paar Versuche brauche ich, bis ich drin habe, so schnell wie möglich nach vorne zu laufen und gleichzeitig den Ball abzuspielen. "Nur so kommt man nach vorne und kann gut nach hinten passen", erklärt Holpp. Um ins Spiel reinzukommen, wird immer wieder abgewechselt, damit jeder mal in der Angriffs- oder Verteidigungsposition ist. Auf Reaktion, Schnelligkeit, Ausdauer und Teamwork kommt es an, wie ich merke. Leichter fällt mir die Verteidigung. Den Gegner fangen, der den Ball in der Hand hält. Ganz schön schnell muss man sein, um die flinken Mitspielerinnen zu kriegen.­

"Kommt her", sagt Holpp. Wir bilden einen Kreis, Arm in Arm, und die Teamleiterin lobt uns: "Das war für den Anfang echt nicht schlecht." Die Einladung, ins nächste Training zu kommen, habe ich, das Rugbyteam sucht nämlich immer nach neuen Spielerinnen in der Mannschaft.

Info: Der Verein

Eine Rugby-AG wurde am Leibniz-Gymnasium im Jahre 1969, durch den Rugby-Nationalspieler Günter Thiel, gegründet. Damit begann die Geschichte des Rugbysports in Rottweil.

Der RCR wurde 1970 gegründet und hat heute 250 Mitglieder. Die Damenmannschaft des RCR ist die bisher erfolgreichste Mannschaft des Vereins und gewann 1994 die deutsche Meisterschaft.