Der Pulverfabrikant Max Duttenhofer Foto: Stadtarchiv/ © stockpics – stock.adobe.com Foto: Schwarzwälder Bote

Nachgehakt: Autor Jörg Kraus über Max Duttenhofer in der Ausstellung im Haus der Geschichte

Rottweil. Von einem "skrupellosen Netzwerker des Turbokapitalismus" berichtete der Schwarzwälder Bote vom 10. November mit Verweis auf die Ausstellung "Gier" im Haus der Geschichte, die am Nikolaustag in Stuttgart eröffnet werden soll.

Wenn es ein Mann wie der Pulverfabrikant Duttenhofer in eine solche Ausstellung schafft, dann muss er Bedeutendes zum Thema beizutragen haben. Zum Hauptwort Gier gesellen sich tatsächlich die Stichworte raffen, märchenhafter Reichtum, unersättlich, gewissenlos, – dass Gier eine der sieben Todsünden ist, wird damit anschaulich unterlegt. Nun, wie kann man eine halbwegs ausgewogene Charakterstudie bei historischen Personen betreiben? Zählt allein der märchenhafte Reichtum als Indiz?

Gehen wir dieser Spur nach, so müssen vielleicht zunächst die Größenordnungen benannt werden. Der Konzern der Köln-Rottweiler Pulverfabriken, den Duttenhofer maßgeblich mitgeformt hatte, gehörte 1907 zu den größten 100 deutschen Aktiengesellschaften. Mit 16 Millionen Mark belegte er innerhalb der chemischen Industrie Rang sieben beim Aktienwert (Hoechst Farbenwerke mit 25 Millionen). Im Vergleich zur Friedrich Krupp AG mit 180 000 Millionen Mark wird allerdings doch noch ein Abstand erkennbar. Gutes Geld wurde dabei in der Gründerzeit im ganzen Land verdient. Anders wären die typischen Gründerzeitviertel nicht erklärbar.

Aus den wenigen bekannten Angaben kann man entnehmen, dass Duttenhofer seinen drei Kindern 15 Millionen Mark vererbte. Das Vermögen seines Kollegen Alfred Nobel lässt sich umgerechnet auf circa 36 Millionen Mark beziffern, liegt damit in der Größenordnung des württembergischen Königs und ist also gut doppelt so schwer wie das des Pulverfabrikanten. Nimmt man für Max Duttenhofer ein Jahresgehalt von einer Million Mark an, so liegt dies 1000-fach höher als das Jahresgehalt eines Arbeiters in der chemischen Industrie um 1900. Heute liegen Vorstandsgehälter bei bis zu 15 Millionen Euro jährlich. Martin Winterkorn führte bis vor wenigen Jahren als Vorstandsvorsitzender der VW AG die Rankingliste mit diesem Jahresgehalt an und lag damit lediglich 300-fach höher als ein Arbeiter mit 50 000 Euro Jahresgehalt. Der Unterschied: Winterkorn war der höchstbezahlte Angestellte, Duttenhofer ein Unternehmer mit allen Risiken und Nebenwirkungen.

Turbokapitalismus? Nun, wir bleiben verhalten optimistisch, was Fragen der Entschleunigung des Kapitalismus, des Charakters und der Gier als solcher anbelangt. Diese rechnerischen Vergleiche haben mit starken Vereinfachungen zu tun. Um die Reduktion des Unternehmers Duttenhofer auf reine Gier aufzubrechen, reichen sie gewiss noch nicht. Aus den dokumentierten Lebensstationen, wie auch aus den Nachrufen auf den schon im Alter von 60 Jahren verstorbenen Duttenhofer, lassen sich jedoch durchaus ein paar andere Wesenszüge ablesen. Da ist sicherlich der ehrgeizige, mit "gewaltiger Willensenergie" ausgestattete Mann, der mit "seinem oft rücksichtslosen Eingreifen" "stets uneigennützige Pläne" verfolgte. Da ist der bodenständige Rottweiler, der sich für Landwirtschaft und Fischerei interessierte, aber auch die Altertumsforscher und diverse andere gesellschaftliche Anliegen unterstützte ("warmes hilfsbereites Herz").

Da ist der an wissenschaftlichen Methoden orientierte Firmenlenker, der in einer Verbandsstruktur die Centralstelle für wissenschaftlich-technische Untersuchungen ins Leben rief. Da wird eigens betont, dass er trotz der Vielfalt seiner Aktivitäten überall gewissenhaft mitwirkte. Ein Befund, der sich in Bezug auf die Daimler-Motoren-Gesellschaft auch historisch belegen lässt. Und als versöhnliches Element wird auch der Kumpel-Typ geschildert ("fröhliche, herzliche Art im Verkehr"), der vermutlich auf diplomatischem und politischem Parket nicht mit allen Feinheiten ausgestattet war, sondern eher als Schwabe mit den Attributen "Geradheit und Offenheit" versehen wurde. Ein Unternehmer, der sich in Rottweil seiner Macht bewusst war und ein deutsch-nationales und durch und durch paternalistisches Gesellschaftsverständnis hatte.

Dass seine Triebfeder die Gier gewesen sei, kann man daraus nicht unmittelbar ableiten. Eher wird berichtet, "nie haben wir ihn zufriedener und glücklicher gesehen, als wenn er, von einer seiner Inspektionsreisen zurückkehrend, von der gedeihlichen Entwicklung seiner neuen Werke sprach".

Erfolg zu haben (ohne dabei auf Ehren und Auszeichnungen besonderen Wert zu legen), immer wieder etwas Neues zu unternehmen und ein rastloses "immer weiter" scheinen eine Eigendynamik und damit auch eine enorme Arbeitskraft entfacht zu haben. Möglicherweise auch bis zur Erschöpfung und möglicherweise auch bis zu einem Herzversagen. Heute sprechen wir von der Managerkrankheit. Alle Gerüchte um einen gewaltsamen Tod des 60-Jährigen bleiben Gerüchte. In einer Welt, in der viele Menschen nicht mehr zwischen Dichtung und Wahrheit unterscheiden wollen oder können, kann das nur betont werden.  Zum Autor: Jörg Kraus hat die Geschichte der Pulverfabrik in einer Buchpublikation aufgearbeitet: "Für Geld, Kaiser und Vaterland. Max Duttenhofer, Gründer der Rottweiler Pulverfabrik und erster Vorsitzender der Daimler-Motoren-Gesellschaft."

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