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Rottenburg Zwischen Vertreibung, Diskriminierung und Gemeinschaft

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Ekkehard Kaupp (rote Jacke) führte vor der Corona-Krise durch Rottenburg auf Spurensuche nach jüdischem Leben in der Stadt.Foto: Jansen Foto: Schwarzwälder Bote

Rottenburg. Auf die Spuren jüdischen Lebens in Rottenburg haben sich sechs Besucher noch vor der Corona-Krise auf einen Spaziergang begeben. Und schnell wurde klar: Es ist eine Geschichte zwischen Vertreibung, Diskriminierung – und Gemeinschaft. Stadtführer Ekkehard Kaupp führte die Teilnehmer zu Wohnorten, Gedenkstätten und Stolpersteinen und erzählte von Menschen und Geschichten, die sich hinter den Namen verbergen.

Der erste Jude, der in Rottenburg ansässig war, wird bereits im 13. Jahrhundert erwähnt, knapp 60 Jahre später erhielt die Judengasse ihren Namen. Doch dieser Platz, der heute Pizzerien und Sitzgelegenheiten zum Verweilen beherbergt, war damals kaum der beliebteste Wohnort – er war vom Neckar überflutet. Später geriet Rottenburg lange Zeit unter die Herrschaft Österreichs. Zwar bot man der jüdischen Bevölkerung zuerst Schutz, presste sie jedoch auch aus. Juden mussten wesentlich höhere Steuern zahlen als Christen. Aus diesem Grund zogen später viele Juden ins hohenzollerische Herrschaftsgebiet. Zur Zeit der Pest wurden die Juden vertrieben, sie sollten an der Seuche Schuld sein. Kaupp erklärt: "Die Juden wurden für alles Leiden der Christenheit verantwortlich gemacht." Als der aufgeklärte Kaiser Joseph II an die Macht kam, siedelten sich einige Familien wieder an – die Kennzeichnungspflicht war aufgehoben, Kinder konnten zur Schule gehen. Das Ziel war eine "Einbindung der Juden in die bestehende Gesellschaft des Landes". Bodenerwerb war jedoch auch damals nur als Christ möglich.

Dennoch: Die Situation verbesserte sich. 1886 bekam Carl Gideon als erster Jude das Gemeindebürgerrecht. Er hatte ein Herrenbekleidungsgeschäft am Marktplatz, dort, wo heute Fielmann seine Filiale hat. Die Juden galten nicht mehr als gesonderte Gruppe, sondern als "Bürger Rottenburgs jüdischen Glaubens".

Wie überall hat jedoch auch in Rottenburg das Naziregime das jüdische Leben angegriffen. Dies wird auch an den Schicksalen der Familien Belizheimer und Horkheimer deutlich. Die Belizheimer hatten ein Bekleidungsgeschäft nahe der St.-Moritz-Kirche betrieben, bis es als letztes jüdisches Geschäft durch das Naziregime geschlossen wurde. Die Rottenburger Zeitung titelte: "Geschäftswelt in der Stadt nun völlig judenfrei." Die Tochter der Inhaber, Sofie Belizheimer, starb später im KZ Riga. Ihre Mutter Rosa war zeitweise bei den Horkheimers untergebracht. Die Familie mit einer Wollputzfabrik war in Rottenburg anerkannt – jedoch wurde auch sie 1942 deportiert und im KZ ermordet. Zwei Mitglieder sind verschollen. An sie erinnern neben dem Eugen-Bolz-Gymnasium Stolpersteine, dort, wo früher das Anwesen von Albert und Rosa Horkheimer lag.

An das jüdische Leben in Rottenburg erinnert die Stehle auf dem gepflasterten Platz beim Mühlgraben, passenderweise unmittelbar neben dem "Judengäßle". Die Szenen und die drei Davidsterne sind nicht vollständig herausgearbeitet – ein Symbol dafür, dass Juden zwar in Rottenburg lebten, jedoch immer wieder fliehen mussten. Kaupp deutet auf eine Darstellung hin. Ein Mann, neben ihm eine Thoraschriftrolle, blickt fragend gen Himmel. Es zeigt die Frage: Wie geht es weiter? Drei Epochen jüdischen Lebens gab es – alle sind auf dem Schild vor der Stehle vermerkt.

Standort bleibt Rätsel

Ein Rätsel bleibt der Standort der ehemaligen Synagoge. Das Gebäude ist belegt und brannte wohl Ende des 19. Jahrhunderts ab – wo genau es sich befand, darüber streiten sich die Geister. Manche verorten es in der Judengasse, auch Stadtführer Ekkehard Kaupp hält das für wahrscheinlich. Der andere Standort bei der deutschen Schule sei sehr nah an der katholischen Kirche – es sei unwahrscheinlich, dass die jüdische Gemeinde hier ihr Gotteshaus hatte. Für das "Judengäßle" sprechen sowohl Fundamentfunde und auch der Name des Ortes.

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