Die Retter befinden sich im Dauereinsatz – Abhilfe ist nicht leicht zu schaffen. Foto: dpa/Boris Roessler

Der Rettungsdienst in Baden-Württemberg soll besser werden. Doch dafür braucht es nicht nur große Pläne, sondern Geld und Mitarbeiter, kommentiert Jürgen Bock.

Stuttgart - Es ist ein Ritt auf der Rasierklinge. Und das seit Jahren. Wer in Baden-Württemberg schnelle Hilfe braucht, etwa bei Schlaganfall oder Herzinfarkt, muss hoffen. Oder besser gleich beten. Denn das, was viele Menschen als völlig selbstverständlich erachten, ist es gar nicht: Dass binnen kürzester Zeit medizinische Hilfe eintrifft.

 

Die Retter kommen viel zu häufig später, als gut ist. Und später, als erlaubt ist. Denn im Land müssen sie in 95 Prozent der Fälle in zehn, höchstens 15 Minuten vor Ort sein. Diese schwammige Formulierung steht im Gesetz. Im vergangenen Jahr konnten die Rettungswagen diese Hilfsfrist, die Grundlage für alle Planungen ist, nur in sechs der 35 Rettungsdienstbereiche einhalten, die Notärzte gar nur in einem. Die Werte sind seit Jahren so. Das ist ein Trauerspiel.

Retter am Limit

Der Grund liegt keinesfalls darin, dass die Retter nicht motiviert wären oder ihre Arbeit nicht verstünden. Ganz im Gegenteil arbeiten sie inzwischen oft an der Grenze der Belastbarkeit und darüber hinaus. Pausen, so hört man die Klage oft, gibt es vielerorts praktisch nicht mehr. Denn die Einsatzzahlen steigen – mit Ausnahme des Coronajahres 2020 – seit Jahren stetig. Die Leute greifen heute viel schneller zum Telefon und wählen den europaweiten Notruf 112 – selbst bei Bagatellen. Und immer öfter werden Retter behindert, beleidigt oder gar angegriffen. Auch das kostet Zeit und Nerven. Gleichzeitig schließen viele Kliniken, die Wege werden immer weiter.

Der Rettungsdienst müsste also eigentlich stetig wachsen. In jedem der 35 Bereiche müssen Hilfsorganisationen und Krankenkassen die Ausstattung mit Mensch und Material einzeln verhandeln. Das ist zäh. Und bis eine Aufstockung endlich da ist, sind die Einsatzzahlen schon wieder gestiegen. Man fährt permanent im Krisenmodus der Entwicklung hinterher.

Hilfsfrist soll sich verkürzen

Die Landesregierung hat hier und da an Stellschräubchen gedreht – ohne Erfolg. Jetzt sollen größere Schritte folgen. Zum Jahreswechsel soll die Hilfsfrist auf zwölf Minuten für Rettungswagen festgeschrieben werden. Das ist eine Verbesserung, weil heute mit 15 Minuten gerechnet wird, obwohl man eigentlich zehn ansetzen müsste. Für Notärzte soll künftig gar keine Frist mehr gelten. Kritiker sagen: Wenn man die eigenen Vorgaben nicht einhalten kann, dann streicht man sie eben. Die Luftrettung wiederum soll künftig gerade auf dem Land Löcher stopfen. Dafür braucht es mehr und andere Standorte als heute, was den bisherigen nicht gefällt. Und insgesamt ist für alle Pläne viel mehr Personal nötig.

In der Theorie ist all das sinnvoll. Doch die Praxis hat ihre Tücken. Vor einigen Jahren hat man bundesweit das neue Berufsbild des Notfallsanitäters eingeführt. Die früheren Rettungsassistenten werden seither medizinisch umfangreicher geschult als zuvor und sollen so die Notärzte entlasten. Dummerweise hat das erst einmal Chaos ausgelöst. Es gab Streit um Kompetenzen und die Finanzierung der Ausbildung, dann fiel auf, dass sie ein Jahr länger dauert als die alte – und damit ein ganzer Jahrgang wegfällt. Dieses Mitarbeiterloch besteht bis heute. Allein im Land fehlen mindestens 300 Notfallsanitäter, hat das Innenministerium jetzt auf Anfrage der Grünen mitgeteilt. Der Rettermangel ist bundesweit so groß, dass man sich gegenseitig Leute mit Kopfprämien abwirbt. Schichten fallen aus, Fahrzeuge stehen.

Am Ende braucht es Geld und Mitarbeiter

Wenn der Rettungsdienst wirklich einen Schritt machen soll, braucht es dreierlei: den gemeinsamen Willen aller Akteure, mehr Geld von den Krankenkassen und eine Ausbildungs- und Mitarbeiteroffensive. Doch selbst dann dürfte es noch Jahre dauern, bis die Maßnahmen greifen. Bis dahin bleibt jeder Notfall ein Ritt auf der Rasierklinge.