An der Skelettküste gingen schon unzählige Schiffe zu Bruch Foto: imago/robertharding

An manche Ecken der Welt verirren sich Urlauber eher selten, dabei wären sie durchaus eine Reise wert. In loser Folge stellen wir solche Orte vor – wie zum Beispiel die Skelettküste in Namibia.

Zahlreiche Schiffswracks und die bleichen Gebeine Gestrandeter machen die nebelige Küste zum skurrilen Stillleben. Das freut Fotografen, die im Privatflieger über dem Gelände kreisen und die Abenteurer, die sich im Geländewagen in die lebensfeindliche Gegend wagen.

 

Wracks

Nebel, Stürme, starke Strömung, Monsterwellen: Die Seefahrt entlang der Skelettküste war schon immer gefährlich. Ungezählte Schiffswracks sammelten sich über die Jahrhunderte über und unter Wasser und erzählen Geschichten vom Scheitern. Die portugiesische „Bom Jesus“ sank 1533 samt Goldmünzen, Elfenbein, Bronzebarren und Navigationsinstrumenten. Zu den Findlingen gesellen sich Militärschiffe aus den beiden Weltkriegen, japanische Trawler, iranische Frachter, Walfänger, Schlepper und Dampfer aus aller Herren Länder. Viele rosten dekorativ vor sich hin und liefern Fotografen immer neue, spektakuläre Motive.

Nomen est Omen

„Das Land, das Gott im Zorn erschuf“, nannten die frühen Jäger und Sammler des Volkes der San den Küstenabschnitt, „Tor zur Hölle“ tauften ihn portugiesische Seefahrer. Die „Skelettküste“ erfand der südafrikanische Autor John Henry Marsh in einem Buch über die 1941 hier gesunkene „MV Dunedin Star“. Der Name schließt die Schiffsskelette ebenso ein wie die Gebeine der verdursteten Schiffbrüchigen und die Gerippe der vielen gestrandeten Wale.

Wüstenvolk

Sehr dicht besiedelt ist die Skelettküste nicht, die meisten Ecken sind nur vorübergehend „bewohnt“ von Touristen oder Anglern. Einzig im Grenzgebiet zu Angola lebt ein Wüstenstamm, die Himba. Das letzte Nomadenvolk Namibias hält Rinder, Schafe und Ziegen in der Wüste, trägt (nur) ledernen Lendenschurz und raucht ziemlich viel Pfeife. Zu den Traditionen, die das Volk pflegt, gehören neben der Verehrung des Feuers die Verbindung zu den Ahnen, spezieller Schmuck für die Frauen und ein Stock aus Mopaneholz. Mit dem schlägt man den Jungs die Schneidezähne aus, um sie zu Männern zu machen – und zwar unverkennbar zu solchen des Himba-Stammes.

Natur

Im Wasser lebt reichlich Fisch, am Wasser tummeln sich die riesigen Robbenkolonien. Doch selbst zwischen Dünen, Salzpfannen und sandigen Ebenen gedeiht Leben: Schabrackenhyänen und -schakale rennen herum, vereinzelt finden sich Wüstenlöwen, eine endemische Sandschildechse kriecht, Nebeltrinker-Käfer machen ihrem Namen alle Ehre. Dazu gibt es Giraffen, Kudus oder Spießböcke. Und den legendären Wüstenelefanten, den Einheimische zwar immer wieder beobachteten, den Wissenschaftler aber klassifizierten als „unmöglich existent unter diesen Lebensbedingungen“. Bis dem Tierfilmerehepaar Bartlett schließlich in jahrelanger Arbeit der Beweis für die Existenz der Sagengestalt gelang.

Klima

Schuld an allem ist der Benguelastrom. Er bringt aus der Antarktis eiskaltes Meerwasser. Das kann aber nicht als Wolken aufsteigen, weil der heiße Passatwind aus der Wüste die ganze Sache deckelt und die Feuchtigkeit in zähen Nebel verwandelt. Diese Küstenwüsten, an denen man sozusagen direkt am Wasser verdurstet, kommen nur an Westseiten der Kontinente vor. Die Lufttemperaturen an der Küste schwanken zwischen mehr als 40 Grad im Sommer und Nachtfrösten in den dortigen Wintermonaten Juni bis August. Das Wasser schafft es höchstens auf 18 Grad, häufiger sind etwa 12.

Anglertraum

So saukalt der Benguelastrom ist, so üppig enthält er Sauerstoff und Plankton. Das lockt allerlei hungriges Meeresgetier von der Minikrabbe bis zum Riesenwal – und natürlich die Fischer und Angler. So groß war deren Ansturm auf die Skelettküste, dass gleich mehrere Anglercamps aus dem Nichts wuchsen. Eines entwickelte sich bis zur Kleinstadt Henties Bay mit fast 5000 Einwohnern und einem Bürgermeister. Und fast zu den Einwohnern, zumindest zu den Sehenswürdigkeiten, gehören auch die bis zu 100 000 Zwergpelz- oder auch Ohrenrobben am nahen Cape Cross. Sie sammeln sich hier gerne zur Familiengründung, lautstark und nicht eben geruchsneutral.

Kurioses

Womit beginnen? Mit der Kolonie Kapkormoranen, die auf einer aufgegebenen Ölbohrstation beim Fluss Huab ihr Brutcamp eingerichtet hat? Oder mit den röhrenden Dünen von Terrace Bay, die bei entsprechender Windstärke und -richtung wie ein Flugzeuggeschwader klingen? Oder mit den Lebenden Steinen, einer Sukkulente, die sich verblüffend gut gegen Fressfeinde tarnt . . .

Anreise

Die ersten paar Tausend Kilometer sind kein Problem: Von Deutschland aus fliegt man direkt in Namibias Hauptstadt Windhuk. Dann wird es komplizierter. Weil der Flughafen in Swakopmund keinen Linienverkehr mehr bedient, fährt man dorthin mit einem Güterzug, der auch mal Passagierwagen anhängt, oder fliegt alternativ nach Walvis Bay. Dann mietet man sich einen Privatflieger (Fly-Safari) oder einen geländetauglichen Wagen und fährt auf der Schotterpiste C 34 gen Norden.