Allez, allez – der lange Weg nach Paris (IX): Die Sommerspiele 2024 beginnen in fünf Monaten. In unserer Serie stellen wir Athletinnen und Athleten vor, die in Frankreich erfolgreich sein wollen. Zu ihnen gehört Luftpistolenschütze Robin Walter, der seine Ziele in aller Ruhe verfolgt.
Für viele Sportlerinnen und Sportler sind Olympische Spiele das Ereignis, von dem sie ein Leben lang träumen, auf das sie Jahr um Jahr hinarbeiten, das sie während harter Trainingsqualen motiviert. Entsprechend groß ist der Druck, den sie sich machen. Auch Robin Walter (24) kennt solche Athleten. Er selbst? Ist anders. 2021 war er nahe dran, sich für Tokio zu qualifizieren, was letztlich aber doch nicht klappte. „Das war für mich kein Drama“, sagt der Luftpistolenschütze aus Reichenbach/Fils, „Olympische Spiele sind nie wirklich mein Ziel gewesen.“ Trotzdem nimmt er nun Paris 2024 ins Visier: „Wenn das Ganze schon mal vor der Haustüre stattfindet, will ich auch hin.“ Allerdings auf seinem ganz eigenen Weg.
In der französischen Hauptstadt werden zahlreiche Sportler dabei sein, die bereit sind, für ihre Profession alles zu geben. Radfahrer, die pro Jahr 50 000 Kilometer im Sattel sitzen. Schwimmer, die täglich sechs Stunden im Wasser und Kraftraum verbringen. Leichtathleten, die bis zu 14 Einheiten pro Woche abspulen. In vielen Sportarten gilt: Je härter trainiert wird, umso größer sind die Erfolgsaussichten. Doch es gibt Ausnahmen.
Kein Trainingsweltmeister
Sollte Robin Walter sich für die Spiele qualifizieren, wäre er in Paris vermutlich der Teilnehmer mit dem geringsten Trainingsaufwand. „Schießen ist für mich ein Hobby“, sagt er, „und so betreibe ich es auch.“ Mit Spaß. Mit Leidenschaft. Mit Ehrgeiz. Aber eben nicht mit riesigem Aufwand.
In der Regel schießt Robin Walter zweimal in der Woche zwei Stunden. Dazu kommen Lehrgänge mit dem Nationalteam, meist zwei im Monat. „Ich bin eher ein Naturtalent als ein Trainingsweltmeister“, sagt der Mann, der in sich selbst ruht. Und: „Ich bin mit mir absolut im Reinen.“ Schließlich mangelt es ihm nicht an Erfolgen.
Robin Walter gewann bei der EM 2022, seinem ersten großen Wettkampf bei den Erwachsenen, mit der Luftpistole (Distanz: zehn Meter) gleich drei Medaillen – Gold im Einzel und Mixed sowie Bronze mit dem Team. Im Jahr darauf siegte er beim Weltcup-Finale in Doha und holte bei den European Games in Breslau Silber. Durch seinen Finaleinzug bei der WM in Baku sicherte er dem Deutschen Schützen-Bund zudem einen Startplatz in Paris, prompt wurde er zu Deutschlands „Schütze des Jahres 2023“ gekürt („Das war eine schöne Überraschung“). Bei der EM in dieser Woche in Györ will Walter durch den Einzug ins Finale der besten acht die Olympia-Norm vollends erfüllen und das Ticket nach Paris lösen: „Ich hätte schon Lust, im Sommer zu zeigen, was ich kann.“ Und dafür eventuell sogar ein bisschen mehr Zeit zu investieren.
Robin Walter denkt über ein Urlaubssemester nach
Schießen wird nie der alleinige Lebensinhalt von Robin Walter werden, und auch nicht sein Beruf. Ganz bewusst hat er sich entschieden, die Fördermöglichkeiten bei Bundeswehr, Polizei oder Zoll nicht zu nutzen, er wohnt weiter daheim bei seinen Eltern. „Ich bin Vollzeitstudent“, sagt Walter, der nach einer Fachinformatiker-Ausbildung bei Bosch im sechsten Semester in Esslingen Informatik studiert. „Die technische Seite der Informatik ist genau mein Ding“, erklärt er, „es ist faszinierend, dass ein Klotz voller Metall solche Dinge machen kann.“
Trotz der Begeisterung für sein Studium überlegt er, etwas kürzerzutreten – und wegen der Sommerspiele ein Urlaubssemester einzulegen. Dann wäre eine dritte Einheit mit der Pistole möglich, dazu ein bisschen Krafttraining. „Arm und Schulter werden beim Schießen stark beansprucht, da habe ich Defizite“, sagt Walter, „allerdings liegt mir eben nicht viel an Sport und Bewegung, ich bin nicht gerne im Kraftraum. Und ich weiß, dass zu viel Training für mich nichts wäre, da würde ich schnell die Lust verlieren. Manche können nicht verstehen, warum ich nicht mehr tue. Aber das ist eben meine Art.“
Die Schützen tragen ihre Wettkämpfe nicht in Paris aus
Robin Walter, der im Alter von elf Jahren in Ebersbach angefangen hat zu schießen, macht viel mit Intuition, mit Konzentrationsstärke, mit seiner analytischen Denkweise, mit einem kühlen Kopf. Und natürlich mit einer ruhigen Hand. „Im Finale eines Wettkampfs kann jeder Millimeter entscheidend sein“, sagt er, „da hilft es, nicht nervös zu sein.“ Ob es ihm auch bei den Olympischen Spielen gelingen würde, cool zu bleiben? Er selbst hat keine Zweifel. „Das ist schon ein krasses Großereignis“, sagt er, „aber letztlich nur ein internationaler Wettkampf mehr.“
Der nicht mal in Paris stattfinden wird, sondern 270 Kilometer südlich in Chateauroux. „Wir sind nicht im olympischen Dorf, wo der Puls der Spiele schlägt, sondern geografisch außen vor“, sagt Robin Walter, „trotzdem hoffe ich, dass auch bei uns das Flair entsteht, von dem immer alle schwärmen.“ Und auf das er jetzt, fünf Monate vor der Eröffnungsfeier, schon ein bisschen gespannt ist – auch wenn Olympische Spiele in seinen Träumen noch nie eine Rolle gespielt haben.
Unsere Serie im Überblick
Genau ein Jahr vor der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Paris haben wir damit begonnen, Sportlerinnen und Sportler aus der Region Stuttgart vorzustellen. Sie alle verbindet ein Ziel – sie wollen im Sommer 2024 im Zeichen der Ringe starten. Bisher erschienen:
Der Schorndorfer Ringer Jello Krahmer
Der Ingersheimer BMX-Fahrer Philip Schaub
Die Fellbacher Sportgymnastin Darja Varfolomeev
Der Bogenschütze Jonathan Vetter aus Deufringen
Der Nürtinger Mountainbiker Luca Schwarzbauer
Die Metzinger Handballerin Maren Weigel
Die Turnerin Elisabeth Seitz aus Stuttgart
Die Mountainbikerin Elisabeth Brandau aus Schönaich
In den kommenden Wochen und Monaten stellen wir weitere Athletinnen und Athleten in großen Porträts vor.