Winfried Kretschmann fordert vom Bund den Bau von sechs Hauptpipelines bis zum Jahr 2032. Die rechtlichen Voraussetzungen für deren Planung will er noch 2023 schaffen.
Bis 2040 will Baden-Württemberg klimaneutral sein. Um das zu schaffen, müssen nicht nur die Effizienz des Energieeinsatzes verbessert sowie Strom vorrangig aus erneuerbaren Energien erzeugt werden. Soll das Ziel erreicht werden, braucht das Land auch jede Menge grünen Wasserstoff, also Wasserstoff, der mit Hilfe von grünem Strom erzeugt wird.
Diesem zentralen Baustein des anstehenden Transformationsprozesses hat Winfried Kretschmann am Donnerstag seine Regierungserklärung „Wasserstoffland Baden-Württemberg“ gewidmet. Für den Ministerpräsidenten steht fest, dass das Potenzial von Grünem Wasserstoff gewaltig ist, denn er sei ein „echter Alleskönner“. Kretschmann: „Mit grünem Wasserstoff und seinen Derivaten kann man Motoren in Gang setzen, Kraftwerke betreiben, Stahl produzieren oder fossile Rohstoffe ersetzen, zum Beispiel in Kunststoffen, Arznei- oder Düngemitteln – und dies alles klimaneutral.“ Wichtig sei auch, dass man Wasserstoff über große Strecken transportieren und über lange Zeiträume speichern könne.
Zunächst muss das Land selber Wasserstoff produzieren
Noch sei Wasserstoff knapp und teuer. Doch das werde sich in den kommenden Jahren weltweit ändern. Je mehr Wasserstoff produziert werde, desto günstiger werde dieser. In der ersten Entwicklungsphase – dem technischen Hochlauf des grünen Wasserstoffes – könnten die rund 90 bereits existierenden Unternehmen, die sich im Land mit Wasserstoff und Brennstoffzellen beschäftigen, mit ihrer geballten Kompetenz zu weltweit führenden Exporteuren von Wasserstofftechnik entwickeln. Um den bereits existierenden Wissensvorsprung zu verteidigen, seien zudem rund 20 universitäre und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen auf höchstem Niveau tätig.
In dieser ersten Phase müsse das Land selber grünen Wasserstoff in größeren Mengen produzieren, um die Forschung zu ermöglichen und um Wertschöpfungsketten aufbauen zu können. Klar sei aber, dass das Land in einer späteren Phase grünen Wasserstoff in größeren Mengen importieren müsse, weil er anderswo günstiger produziert werden könne. Kretschmann machte deutlich: „Wir sind ein Energieimportland und wir bleiben ein Energieimportland. Deshalb ist es unsere Aufgabe und Verantwortung, die Versorgung unseres Landes mit grünem Wasserstoff vorzubereiten.“
Vergleichbar mit dem Bau des Strom- und Gasnetzes im Land
Dabei gehe es um eine der „großen, entscheidenden Weichenstellungen für die kommenden Jahrzehnte, vergleichbar mit der Schiffbarmachung des Neckars oder dem Bau des Strom- und Gasnetzes im Land: Genauso so werde in den kommenden Jahren ein örtliches, regionales, nationales und internationales Wasserstoffnetz entstehen.
Kretschmann fordert, der Wasserstoff müsse schnell da ankommen, wo er besonders gebraucht werde, nämlich „in den industriellen Zentren der Republik, also hier bei uns in Baden-Württemberg“. Er werde nicht zulassen, dass der Süden Deutschlands benachteiligt oder abgehängt werde. Deshalb begrüßt der Regierungschef die Entscheidung der Bundesregierung, ein Wasserstoff-Startnetz bis zum Jahr 2032 aufzubauen.
Das Land fordert den Bau von sechs Hauptleitungen
Dabei müssten, so seine Forderung, in Baden-Württemberg von Beginn an sechs Leitungen berücksichtigt werden. Neben dem Ausbau der wasserstofffähigen süddeutschen Erdgasleitung SEL gehörten auch die Nord-Süd-Pipelineverbindung vom Rheintal nach Baden-Württemberg und deren Fortführung zur Schweizer Grenze dazu. Auch der Bodenseeraum müsse mit einer Pipeline ans Wasserstoffnetz angebunden und das grenzüberschreitende Projekt Rhyn Interco bei Freiburg berücksichtigt werden. Zudem seien eine Leitung zur Nord- und eine zur Ostsee notwendig.
Durch die so geschaffenen Anschlussmöglichkeiten in alle Himmelsrichtungen sei es möglich, den Wasserstoff bei vielen unterschiedlichen Anbietern einzukaufen. Wichtig sei auch, dass der Netzausbau mit einem „klaren, verlässlichen Zeitplan verbunden werden muss, um Planungssicherheit für die Abnehmerinnen und Abnehmer zu schaffen“. Bis Ende des Jahres will die Landesregierung deshalb die Rechtsgrundlage für eine umfassende Planung des Wasserstoffnetzes schaffen.
Beispiele für Wasserstoff- und Brennstoffzellenprojekte
Mobilität
An Rhein und Neckar arbeiten 13 Projektpartner in den Projekten „H2Rivers“ und „H2Rhein-Neckar“ an der Wasserstoffmobilität der Zukunft. Sie zeigen, wie die wasserstoffgestützte Mobilität der Zukunft konkret funktioniert – von der Wasserstoffproduktion mit Hilfe von Elektrolyse über Wasserstofftankstellen bis hin zu Brennstofffahrzeugen wie LKW, Bussen, Gabelstaplern oder Müllwagen.
Flugzeug
In Stuttgart wird an der Luftfahrt der Zukunft gearbeitet – an einem Wasserstoff-Passagierflugzeug, das eine Reichweit von bis zu 2000 Kilometern haben und 40 Menschen transportieren soll. Das Thema Brennstoffzelle ist eine Schlüsseltechnologie der Wasserstoffwirtschaft: Hier arbeiten das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme und das Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung gemeinsam daran, wie man Brennstoffzellenprodukte in einer Modellfabrik in Serie herstellen und skalieren kann. hol