An deutschen Hochschulen wächst der Widerstand gegen die abnehmende innere Freiheit, behauptet Sandra Kostner. Die Historikerin will Forschung und Lehre vor ideologisch motivierten Denkverboten schützen.
Stuttgart - Die Historikerin Sandra Kostner hat jüngst gemeinsam mit anderen Forschern das „Netzwerk Wissenschaftsfreiheit“ gestartet. Die Forschungsfreiheit sei durch ein immer intoleranteres Meinungsklima an der Uni in Gefahr, kritisiert sie.
Frau Kostner, bei bedrohter Forschungsfreiheit denkt man an China oder Ungarn. Inwieweit ist sie an hiesigen Hochschulen in Gefahr?
In China oder Ungarn gehen die Einschränkungen vom Staat aus. Das Problem hierzulande sind die Akteure im Wissenschaftsbetrieb selbst. Und es gibt Shitstorms im Internet. In den letzten Jahren ist ein neues Zeitalter der Ideologien heraufgezogen. Und Ideologie ist die natürliche Feindin der Freiheit. Zuerst in den USA, aber jetzt immer mehr auch bei uns.
Wie wird Ihrer Meinung nach das Meinungsklima an Hochschulen konkret eingeschränkt?
Wenn Wissenschaftler Argumente vorbringen, die Ideologen missfallen, versuchen diese, den Preis dafür hochzutreiben – und zwar bis zu dem Punkt, an dem Menschen zum Schluss kommen, dass der Nutzen, selbstbestimmt Fragen zu stellen, geringer ist als der Preis. 83 Prozent der Wissenschaftler sind befristet beschäftigt. Für sie lautet der Preis schnell, dass ihre Verträge nicht verlängert werden oder sie keine Chance auf eine Professur haben. Für beides braucht man Veröffentlichungen. Wenn aber Ideologen in den Gutachtergremien sitzen, bekommt man seine Publikation nicht durch. Und wenn sie in den Kommissionen für die Vergabe von Drittmitteln sitzen, gibt es keine Drittmittel. All die Dinge, die man für Erfolg im System braucht, sind viel schwerer zu erreichen.
Was bedeutet diese Entwicklung an den Hochschulen für die Gesellschaft?
Die Funktion der Universität ist nicht das Wiederkäuen von Ideologie, sondern neue ergebnisoffene Erkenntnisse zu liefern. Wenn dies in den Hochschulen nicht mehr möglich ist, leidet früher oder später auch die Gesellschaft, weil ihr wichtige Impulse fehlen. Das ist schlecht für den Wissenschaftsstandort Deutschland.
Welches Echo hat Ihr Vorstoß ausgelöst?
Es gab große Resonanz. Wir haben 450 Mitgliedsanfragen bekommen. Erfreulicherweise haben sich auch mehrere Studierendengruppen gemeldet. Sie hätten lange auf eine derartige Initiative gewartet, so der Tenor. Auch sie erleben Einengungen: Dass man sich in Seminaren nicht frei äußern könne, dass man Angst vor einer schlechten Note habe, wenn man nicht korrekt gendere, das falsche Forschungsthema wähle oder die falschen Autoren zitiere.
Was ist falsch daran, wenn Dozenten und Studenten einen Schutzraum, den Safe Space, vor unliebsamen Meinungen fordern?
An Hochschulen kann es nur einen Schutzraum geben, nämlich für freies Denken. Grenzen setzen allein Verfassung und Gesetz. Eine Hochschule kann kein Schutzraum vor Gefühlsverletzungen sein. Wer das durchsetzen will, macht aus Hochschulen Therapiezentren. Unsere Funktion ist es, die Gesellschaft weiterzubringen durch Innovation und Erkenntnisgewinn.
Kritiker halten Ihnen vor, Sie wollten nur die „bürgerliche, männlich dominierte Wissenschaft“ schützen. Wie sehen Sie das?
Da muss ich natürlich schmunzeln, denn dieses Netzwerk wurde von mir angestoßen. Und in unserer fünfköpfigen Steuerungsgruppe sind wir drei Frauen.
Und was bedeutet diese Argumentation der Kritiker für wissenschaftliche Fragestellungen?
Gerade die Sozial- und Geisteswissenschaften werden zunehmend von der Identitätspolitik bestimmt. Da interessiert nicht mehr die Vielfalt der Argumente, sondern nur noch die Vielfalt biologischer Merkmale. Es geht also nicht mehr darum, was gesagt wird, sondern wer etwas sagt. Einem weißen Mann wird abgesprochen, „authentisch“ zu Themen forschen zu können, die Frauen oder Nichtweiße betreffen.
Ein weiterer Einwand lautet: Für das rigide Klima fehlen die Beweise? Stimmt das?
Es gibt genug bekannte Fälle von Rücktrittsforderungen, Auftritts- und Sprechverboten. In einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach von 2020 fühlte sich ein knappes Drittel der Dozenten durch die Vorgaben der Political Correctness eingeschränkt. Eine weitere Befragung an der Uni Frankfurt ergab, dass bis zur Hälfte der Studierenden dagegen sind, Redner mit abweichenden Meinungen zu den Themen Islam, Frauen und Zuwanderung auch nur anzuhören. Die meisten Einengungen bleiben der Öffentlichkeit aber verborgen, weil die Betroffenen aus Angst vor Repressalien nicht an die Öffentlichkeit gehen.
Der Philosoph und SPD-Politiker Julian Nida-Rümelin sieht in der Zensur der Cancel-Culture das Ende der Aufklärung und die Demokratie in Gefahr. Hat er recht?
Das kann demokratiegefährdend werden, wenn der Trend noch stärker wird. Denn durch die dahinterstehende Identitätspolitik werden die Menschen in einen voraufklärerischen Zustand zurückgeworfen. Man legt sie auf ein Kollektivmerkmal fest, auf Hautfarbe oder Geschlecht. Und entsprechend „dürfen“ sie die Stimme erheben. So funktioniert aber ein liberaler Verfassungsstaat nicht.
Netzwerk Wissenschaftsfreiheit
Forscherin
Sandra Kostner ist Historikerin und Migrationsforscherin an der Pädagogischen Hochschule in Schwäbisch Gmünd.
Anliegen
Das „Netzwerk Wissenschaftsfreiheit“ will die Forschungsfreiheit gegen „ideologisch motivierte Einschränkungen“ verteidigen. Von Kostner angestoßen waren beim Start vor vier Wochen 70 Wissenschaftler mit von der Partie. Zum Vorstand gehören der Historiker Andreas Rödder, die Politologin Ulrike Ackermann, die Philosophin Maria-Sibylla Lotter und der Jurist Martin Nettesheim.