Stuttgart ist keine Steueroase, wie bei dieser Protestaktion im Jahr 2017 deutlich gemacht werden sollte. Foto: dpa/Silas Stein

Fast 95 Tage müssen Arbeitnehmer beim langsamsten Finanzamt im Land auf ihre Steuerrückzahlung warten. Anderswo geht es doppelt so schnell. Wo die lahmsten und schnellsten Finanzbeamten arbeiten, zeigt jetzt ein bundes- und landesweiter Vergleich.

Natürlich kann man es nicht allen recht machen. „Das war das längste Gitarrensolo, das ich je gehört habe“, schimpft ein Kommentator auf einer Bewertungsplattform im Internet, nachdem er 25 Minuten in der Telefonwarteschleife des Sinsheimer Finanzamtes verbracht hat. Die meisten sind aber des Lobes voll über das „kundenfreundlichste (!) Finanzamt“ des Landes, wie vor einigen Jahren eine Onlineumfrage ergeben hat. Jetzt haben die Sinsheimer, die in einem fünfgeschossigen Flachdachbau unweit des Sinsheimer Bahnhofs residieren, einen weiteren Titel errungen: Sie sind das schnellste Finanzamt von Baden-Württemberg.

 

Exakt 40,2 Tage musste ein Steuerzahler im Kraichgau im vergangenen Jahr im Schnitt nach Abgabe seiner Steuererklärung warten, dann flatterte schon der endgültige Bescheid ins Haus – und damit vielleicht eine kleine Steuererstattung. Das geht aus Zahlen der Steuererklärungsplattform Lohnsteuer-kompakt.de hervor. Demnach brauchten die Sinsheimer 2023 für die Bearbeitung zwar fast zwei Tage länger als noch im Jahr zuvor, doch weil sich die Kollegen aus Titisee-Neustadt, dem bisherigen Spitzenreiter, durchschnittlich sogar 14 Tage mehr gönnten, stehen jetzt die Sinsheimer vorne.

Ganz im Süden dauert es am längsten

„Wir wissen, dass wir gut sind“, sagte eine Sprecherin in Sinsheim. Denn tatsächlich decken sich die Erkenntnisse, die Lohnsteuer-kompakt auf der Grundlage von mehr als 400 000 digital eingereichten Lohnsteuererklärungen bundesweit ermittelt hat, weitgehend mit den internen Erkenntnissen der Oberfinanzdirektion in Karlsruhe. Insofern ist auch der Leiter des Waldshuter Finanzamts Markus Lutz nicht überrascht, dass seine Außenstelle in Bad Säckingen knapp hinter den Kollegen von Mannheim-Neckarstadt die rote Laterne erhalten hat.

94,9 Tage verstrichen in Bad Säckingen im Durchschnitt zwischen dem Eingang der Steuererklärung und dem Versand des Bescheides. Seit 2019 hat sich die Bearbeitungsdauer in dem kleinen Amt damit verdoppelt. „Wir hatten Personalabgänge, das ist gerade in unserer Grenzlage schwierig zu kompensieren“, sagte Lutz. Zudem beschere die Grenzgängerproblematik den Finanzbeamten einen zusätzlichen Aufwand. „Wir sind aber positiv gestimmt, dass es jetzt wieder besser wird“, sagte Lutz.

Baden-Württemberg liegt weit hinten

Bei den meisten Finanzämtern in Bund wie Land mussten die Steuerzahler im vergangenen Jahr länger auf ihre Bescheide warten. „Der Grund ist die hohe Arbeitsbelastung in den Finanzämtern wegen der Grundsteuererklärung“, sagte Felix Bodeewes, Geschäftsführer von Lohnsteuer-kompakt. In Baden-Württemberg stieg die durchschnittliche Bearbeitungszeit von 60,5 auf 63,9 Tage. Es ist der zweite Anstieg hintereinander. 2021 hatte der Wert noch bei 54,2 Tagen gelegen.

Im Vergleich der Bundesländer schmückt Baden-Württemberg seit Jahren die hinteren Ränge. Diesmal waren nur Bremen (68,8) und Brandenburg (68,9) langsamer. Die schnellsten Finanzämter stehen nach den Erkenntnissen von Lohnsteuer-kompakt in Rheinland-Pfalz (49,97), Hamburg (50,01) und Nordrhein-Westfalen (50,06). Auch dass Berlin mit 51,4 Tagen schon auf Platz vier folgt, dürfte am Selbstverständnis manches schwäbischen Finanzbeamten nagen. Der bundesweite Mittelwert lag im vergangenen Jahr bei 56,9 Tagen.

In Stuttgart kommt es auf den Nachnamen an

Als wirtschaftsstarke Region habe Baden-Württemberg einen höheren Anteil komplizierter Steuerfälle, vermutet der Leiter des Finanzamts Stuttgart I, Lothar Knaus. Zudem steige die Zahl der Steuerpflichtigen Jahr für Jahr an. „Wir haben immer mehr Rentner, die wir veranlagen müssen“, sagte Knaus. Auch die Zahl der Erwerbstätigen sei zuletzt gestiegen. Durch die fortschreitende Digitalisierung könne dieser Zuwachs nur zum Teil kompensiert werden. Zudem werde das Steuerrecht immer komplizierter. Im vergangenen Jahr habe man noch Rückstände aus der Coronazeit aufarbeiten müssen, als viele Steuerpflichtige von Fristverlängerungen profitierten. Immerhin sei man hier ein ganzes Stück weitergekommen.

In Stuttgart hängt es übrigens vom Anfangsbuchstaben des Nachnamens ab, wie rasch die Steuererklärung geprüft wird. Am längsten braucht mit 62,8 Tagen das Finanzamt Stuttgart I, das für die Buchstaben A-H zuständig ist. Am schnellsten geht es am Ende des Alphabets (S-Z). Beim hier zuständigen Finanzamt Stuttgart III gehen die Bescheide schon nach 53,9 Tagen raus.

Dass ein Steuerbescheid auch innerhalb eines Monats ergehen kann, bewies der deutschlandweite Spitzenreiter. Die Beamtinnen und Beamten in Herne in Westfalen brauchten statistisch nur 29,8 Tage. Fast viermal so lang dauerte es in Hameln in Niedersachsen. Geschlagene 114,7 Tage mussten die Steuerpflichtigen dort warten.

Finanzministerium nennt andere Zahl

Datenerhebung
 In die Statistik von Lohnsteuer-kompakt.de sind mehr als 400 000 Steuererklärungen eingegangen, die über das Portal abgewickelt worden waren. Berücksichtigt wurden 488 Finanzämter, wo mindestens 50 Bescheide ergingen.

Kritik
 Das Finanzministerium erklärte, die Stichprobe sei bei vier Millionen Steuerfällen allein in Baden-Württemberg nicht repräsentativ. Es nennt eine durchschnittliche Bearbeitungszeit im Land von 54 Tagen. Das wäre zehn Tage schneller. Nach dieser Auflistung schnitt ebenfalls Sinsheim am besten ab mit 34,4 Tagen. Den schlechtesten Wert erreichte Mannheim-Neckarstadt mit 75,2 Tagen. Außenstellen werden nicht einzeln erfasst. Insofern ist die Reihenfolge weitgehend deckungsgleich mit derjenigen von Lohnsteuer-kompakt.