Einladung an afrikanische Staatschefs, Ministerbesuch in Nordkorea: Präsident Wladimir Putin rüttelt an seiner Isolation. Und erhöht doch nur die Risiken für Russland, schreibt StN-Chefredakteur Christoph Reisinger in diesem Kommentar.
Hunger als Waffe – das hat in Kriegen eine sehr lange, sehr üble Tradition. Russlands Präsident Wladimir Putin greift erneut danach. Sein Nein zu einer Verlängerung des Abkommens über den Export von ukrainischem Getreide über das Schwarze Meer und die Verdichtung russischer Luftangriffe auf Lebensmittellager und Hafenanlagen in ukrainischen Küstenstädten fügen sich nahtlos in die russische Kriegführung seit 2014.
Wovor Putin nicht zurückschreckt
Ausgerechnet vor dem Afrika-Gipfel an diesem Donnerstag, zu dem Putin Staats- und Regierungschefs nach Sankt Petersburg eingeladen hat, macht das Ende des Getreideabkommens deutlich: Der russische Präsident schreckt nicht einmal davor zurück Hunger global als Waffe einzusetzen, wenn er meint, das diene seinen verbrecherischen Zielen in der Ukraine.
Die Richtung ist klar: Die Regierungen der vielen afrikanischen Staaten, die auf die Einfuhr von Grundnahrungsmitteln angewiesen sind, sollen es sich bloß nicht verderben mit Russland, dem weltgrößten Exporteur von Weizen. Müssen also brav dagegen stimmen oder sich enthalten, wenn die UN Russland wegen seiner Aggression gegen das Nachbarland verurteilen. Und sollen es – westliche Sanktionsdrohungen hin oder her – nicht wagen, Rohstofflieferungen an Russland einzuschränken.
Großmäulige Ankündigungen
Das Gipfel-Gepränge im goldglänzenden Petersburg wird diese Regierungen allerdings kaum darüber hinwegtäuschen, was Putin tut. Auch nicht dessen großmäulige Ankündigung, Russland werde alle Getreide-Liefer-Ausfälle aus der Ukraine leicht ersetzen. Denn alle wissen: Für einen dermaßen isolierten Staat ist es keineswegs so einfach wie behauptet, Handelsströme umzuleiten.
Wehe, der Weltmarkt erhitzt sich wieder
Noch schwerer wiegt: Die 725 000 Tonnen ukrainisches Getreide, die seit Beginn des Abkommens im Juni 2022 allein über das UN-Welternährungsprogramm an arme Länder gingen, sind wertvoll. Viel wichtiger aber ist gerade für diese Länder, dass sich der Weltmarkt für Lebensmittel nicht wieder erhitzt. Aber genau das ist es, was Putin macht. Nach seiner ersten Seeblockade erreichte der Weizenpreis im Mai 2022 den höchsten Stand seit 1990.
Risiken für den Machterhalt
Die wegen des russischen Überfalls hohen Energiekosten, die wegen der noch größeren Unsicherheit im Schwarzen Meer steigenden Versicherungsraten – all das schlägt sich auf der Kostenseite nieder. Besonders heftig für jene, die ohnehin schon wenig haben. Viele der in Afrika Regierenden wissen, was das für die Stabilität ihrer Gesellschaften bedeutet – und für ihren Machterhalt bedeuten kann.
Putin wird also viel zu erklären haben. Zumal das zweite Standbein seiner Afrika-Politik – die Sicherheitsagentur Wagner – seinen Zwecken nur noch eingeschränkt zur Verfügung steht. Da werden selbst wenig skrupelbelastete Führungen wie die in Mali oder in der Zentralafrikanischen Republik, die Wagner-Truppen als ihre Garde nutzen, Fragen stellen.
Die Risiken wachsen
Mit seinen Erpressungsversuchen, mit der Globalisierung seiner Kriegspolitik wird Putin nur eines erreichen: Er treibt den Vertrauensverlust und damit die Risiken für sein Land weiter hoch.
Wo der Kampf schon entschieden ist
Um die Falltiefe der russischen Außenpolitik zu ermessen, genügt ein Blick auf den aktuellen Besuch des Verteidigungsministers in Nordkorea. Im isoliertesten Land der Welt feiert Sergej Schoigu mit einer der finstersten Diktaturen der Welt den „Sieg“ des kommunistischen Nordens im Korea-Krieg vor 70 Jahren. Einen Sieg, der keiner war.
Mag die russische Feuerkraft auf den ukrainischen Schlachtfeldern auch drückend überlegen bleiben – den Kampf um internationales Ansehen und Vertrauen, um Verbündete gar hat Putin längst verloren.