Viele schleppen sich krank zur Arbeit – leistungsfähig sind sie dann aber in der Regel nicht. Foto: imago//Yuri Arcurs

Laut dem Gesundheitsreport Baden-Württemberg der Barmer Krankenkasse steigt die Zahl der psychisch erkrankten Menschen seit Jahren an. Eine Forscherin am Stuttgarter Fraunhofer IAO erklärt, woran das liegt und wie man ein Burn-out verhindern kann.

Frank Mercier hat 18 Monate gebraucht, bis er auf Drängen seiner Frau zu einem Arzt ging. Monatelang litt der Unternehmer an einer schweren Depression. Trotzdem ist er jeden Tag zur Arbeit gegangen. Produktiv war er dabei aber eigentlich kaum noch. „Ich bin morgens an allen vorbei in mein Büro, habe die Tür zugemacht und dann Löcher in die Luft gestarrt“, sagt der 56-jährige Wirtschaftswissenschaftler, der Geschäftsführer einer Management- und IT-Beratungsfirma und zugleich Vorstandsmitglied der Deutschen Depressionsliga ist.

 

Vor allem mit psychischen Symptomen schleppen sich viele krank zur Arbeit

Die Ursache sieht Mercier auch in dem weit verbreiteten „Präsentismus“, was das Verhalten von Menschen bezeichnet, trotz Krankheit zur Arbeit zu gehen. „Mit einem Beinbruch geht man auf der Arbeit leichter um und bleibt deshalb eher zu Hause“, sagt Mercier bei einer Pressekonferenz der Krankenkasse Barmer.

Bei einer Depression schleppten sich viele dann doch eher noch lange krank zur Arbeit. Vor allem bei psychischen Krankheiten werde Betroffenen oft ja noch eine „Charakterschwäche“ unterstellt. Hilfreich ist dies laut Mercier nicht: „Die Kosten, die dadurch entstehen, dass Beschäftigte krank zur Arbeit gehen, sind in Deutschland fast dreimal höher sind als diejenigen, die durch Fehltage verursacht werden.“

Mehr als ein Drittel – 35 Prozent – der erwerbstätigen Menschen in Baden-Württemberg war im Jahr 2021 von einer psychischen Erkrankung betroffen, wie aus dem aktuellen Gesundheitsreport der Krankenkasse Barmer hervorgeht. Seit dem Jahr 2014 steigen die Zahlen konstant an, auch die Krankheitstage aufgrund psychischer Erkrankungen. „Das ist leider die traurige Tendenz, der Langzeitverlauf zeigt eindeutig nach oben“, sagt Winfried Plötze, Landesgeschäftsführer der Barmer in Baden-Württemberg bei der Vorstellung des Gesundheitsreports in Stuttgart. „Das hat natürlich Auswirkungen auf die Produktivität eines Betriebes“, sagt Plötze.

Nach Berechnungen der Krankenkasse betraf die Diagnose im Jahr 2021 hochgerechnet mehr als zwei Millionen Männer und Frauen im Alter zwischen 15 und 64 Jahren. Bei rund 337 000 Beschäftigten (5,8 Prozent) zog die psychische Krankheit eine Arbeitsunfähigkeit nach sich. „Menschen mit psychischen Krankheiten fallen auch deutlich länger aus“, sagt Plötze. Im Schnitt sind es 51 Tage pro Jahr in Baden-Württemberg.

Baden-Württemberg liegt im mittleren Bereich

Problematisch sei zudem, dass psychische Störungen das Renteneintrittsalter senken. Bei der Deutschen Rentenversicherung Baden-Württemberg seien im letzten Jahr rund 36 Prozent der Anträge auf eine Erwerbsminderungsrente mit einer psychischen Erkrankung begründet worden. Bundesweit liege die Quote bei 42,3 Prozent. „Das ist eine fatale Entwicklung“, ergänzt er.

Insgesamt liege Baden-Württemberg aber im mittleren Bereich, in Großstädten wie Hamburg, Bremen und Berlin seien die Zahlen sehr viel höher. Trotzdem sei es für Unternehmen auch hierzulande wichtig, das psychische Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter zu stärken. So müssten Maßnahmen aus dem betrieblichen Gesundheitsmanagement ergriffen werden und ein vertrauensvolles Miteinander auf allen Hierarchieebenen aufgebaut werden. Man dürfe das Thema nicht „wegdiskutieren“, sagt Plötze.

Auslöser für psychische Belastungen seien hohe Arbeitsanforderungen auf der einen und geringe Spielräume auf der anderen Seite, ebenso wie fehlende soziale Unterstützung, Mobbing und ein negatives Arbeitsklima wie Konflikte am Arbeitsplatz, aber auch Gewalt oder sexuelle Belästigung. Aus Studien wisse man, so Plötze, dass auch häufige Arbeits- und Wohnortwechsel zu großer psychischer Belastung führen. „Die Unternehmen könnten dieses Risiko reduzieren, indem sie ortsunabhängiges Arbeiten ermöglichen und berufsbedingte Umzüge vermeiden“, sagt er.

Aber wie können Unternehmen darüber hinaus präventiv vorgehen, damit erst gar nicht so viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erkranken? Nektaria Tagalidou forscht dazu am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO). Die Psychologin hat ihre Doktorarbeit über die Behandlung von psychischen Krankheiten geschrieben.

Krankmacher rechtzeitig erkennen – und vorbeugen

Ihr Fokus liegt besonders auf psychischem Wohlbefinden und der Integration solcher sensiblen Themen in die Arbeitswelt. „Die Arbeit ist mit der größte Stressfaktor der Deutschen“, sagt Tagalidou. Um diese Probleme anzugehen, bedürfe es mehr Forschung und praktischer Austausch mit der Industrie. „Und gut, dass wir heute empfindsamer bei dem Thema sind.“

Früher sei es üblich gewesen, dass über psychisches Wohlbefinden am Arbeitsplatz überhaupt nicht gesprochen wurde. Auf seinen Körper und seine Psyche zu achten, sei eher verpönt gewesen. Das sei heute anders, man müsse sich nicht mehr zusammenreißen. „Mit meinem Team untersuche ich nun, was Menschen bei ihrer Arbeit belastet, aber auch was ihnen guttut“, sagt Tagalidou. „Wir müssen wissen, wie wir die Arbeit so gestalten können, dass sie Menschen nicht krank macht, sondern Freude bereitet.“

Dies sei aber je nach Arbeitssituation und auch der persönlichen Ausgangslage sehr individuell. Denn was einzelne Mitarbeiter stresst, sei tatsächlich sehr unterschiedlich. Häufig genannt würde aber vor allem die digitale Arbeitswelt: Überflutung mit E-Mails, ständige Teams-Konferenzen und eine ständige Erreichbarkeit. „Multitasking wird immer hochgelobt, aber Menschen können vor allem komplexe Aufgaben nicht parallel bearbeiten“, sagt sie. Es gelinge vielen, sehr schnell zu switchen. „Aber ständige Unterbrechungen ermüden uns – und überlasten auch unser Gehirn“, so Tagalidou.

Stress messen, um gesunde Arbeit zu ermöglichen

In ihrer Forschung geht es nun darum, wie man individuelle Stressoren digital messen kann. Dazu nutzen sie Methoden der Neurowissenschaften und maschinelles Lernen. Konkret bedeutet dies, dass Vitalparameter genutzt werden, um Erschöpfung, Wohlbefinden und Konzentration bei Arbeitstätigkeiten zu messen und in Relation zum Arbeitskontext zu beziehen.

Für die Messung und Analyse der Belastungszustände der teilnehmenden Personen würden sie und ihr Team verschiedene physiologische Daten wie Puls, Atmung, Herzratenvariabilität und elektrodermale Hautaktivität messen. Dazu würden die Probanden regelmäßig abgefragt, wie ihr subjektiver Eindruck in dem Moment ist. Dies wird dann über den gesamten Arbeitstag abgefragt und mit den körperlichen Zuständen verglichen.

Diese Daten könnten zum Beispiel mit einer Smartwatch gemessen werden. Wenn also ein Mitarbeiter in der Mittagspause joggen geht, ist es logisch, wenn sein Puls zu der Zeit eventuell bei 180 ist, tut er das nicht, gibt es andere Gründe. „Diese Daten müssen wir eben mittels KI mit Kontexten versehen“, sagt Tagalidou.

Wichtig sei dabei: „Das sind natürlich sehr sensible Daten“, sagt sie. Datenschutz sei deshalb in diesem Bereich wichtig, aber umgekehrt sei es natürlich sehr nützlich, diese Daten zu kennen, um präventiv zu reagieren. „Und es geht dabei auch nicht darum, die Performance zu verbessern, sondern es geht um die Gesundheit“, betont die Psychologin. Wenn sie künftig mit Unternehmen zusammenarbeiten, dann müsse die Anonymität für Mitarbeiter gewährleistet sein. „Trotzdem können Menschen so einen Überblick über ihren Tag und einzelne Stressoren bekommen“, sagt die Forscherin.

Veranstaltung

Termin
Sustainable Work and Life​ 2024: Die Forschungsteams des Fraunhofer IAO und der Universität Paderborn stellen im Rahmen des Forums innovative Ansätze aus Neurowissenschaft, Psychologie und Sportwissenschaft am 21. Februar 2024 von 10 bis 17.15 Uhr vor und diskutieren mit Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis, wie Bewegung, Gesundheit und Wohlbefinden im Arbeitsalltag nachhaltig verankert werden können.

Anmeldung
Unter folgendem Link kann man sich dafür anmelden: https://www.iao.fraunhofer.de/de/veranstaltungen/2024/sustainable-work-and-life.html (nay)