Der frühere NFL-Profi hat im Stuttgarter ELF-Team eine tragende Rolle übernommen – zumindest bis August. Und dann wieder in den Play-offs?
Die Aufgabe von Jordan Neuman ist alles andere als einfach gewesen. Der Cheftrainer von Stuttgart Surge, der gerade erst verpflichtet worden war, musste für das dritte Jahr in der European League of Football (ELF) ein fast komplett neues Team auf die Beine stellen. Dabei half ihm sein großes Netzwerk, sein Blick für Talente, sein Wissen um die Charaktereigenschaften der Spieler. Und am Ende auch ein bisschen der Zufall.
In der vergangenen Saison wurde Neuman mit den Schwäbisch Hall Unicorns Meister in der German Football League (GFL), einer seiner wichtigsten Spieler war Moritz Böhringer (29). Danach verabschiedete sich der Passempfänger, er wollte in den USA sein Studium fortsetzen und die Karriere beenden. Mit seinem Coach machte er aus, sich zu melden, sollte sich doch noch etwas Neues ergeben. Irgendwann klingelte dann das Handy von Neuman, kurz darauf vermeldete Stuttgart Surge seinen prominentesten Neuzugang: Moritz Böhringer. „Er ist ein fantastischer Spieler“, sagt der Trainer, „mit Sicherheit einer der Besten der Liga.“ Allerdings nur für eine begrenzte Zeit.
Große Erleichterung nach dem Auftaktsieg
Moritz Böhringer studiert Maschinenbau, will in Cincinnati/Ohio den Master-Abschluss machen. Die Vorbereitungen darauf haben jedoch etwas länger gedauert, als er gedacht hatte, es geht nun erst im August weiter. Bis dahin wird er in Stuttgart spielen, die letzten vier Partien der Hauptrunde verpassen. Und dann eventuell noch einmal zurückkehren, sollte sich sein Teams für die Play-offs qualifizieren. Dass dies möglich ist, daran hegt Moritz Böhringer keine Zweifel: „Es muss unser Ziel sein. Sonst bräuchten wir ja gar nicht erst anzutreten.“
Diese Aussage zeigt eine große Qualität des 1,93-Meter-Mannes: sein Selbstvertrauen, die innere Stärke, seine Motivation, etwas erreichen zu wollen. Es spielt für ihn keine Rolle, dass Stuttgart Surge vergangene Saison alle Spiele verloren hat. Das ist abgehakt. Es zählt allein, was jetzt zu schaffen ist.
Beim 29:20-Auftaktsieg vor einer Woche in Paris spürte Böhringer zwar bei den Kollegen, die schon 2022 im Kader gestanden hatten, große Erleichterung. Vor der Heimpremiere im Gazi-Stadion an diesem Sonntag (13 Uhr) gegen die Milano Seamen sagt er aber auch: „Wir haben in der Offensive ein paar Fehler zu viel gemacht, können noch besser spielen. Wir dürfen uns mit dem einen Erfolgserlebnis nicht zufrieden geben.“
Die Zeit in den USA hat Moritz Böhringer geprägt
Was es bedeutet, seine Grenzen auszuloten, hat Moritz Böhringer in seiner Karriere gezeigt. Schon in seinem ersten GFL-Jahr bei den Unicorns machte er mit starken Leistungen die Talentspäher aus der nordamerikanischen Profiliga NFL auf sich aufmerksam. Im März 2016 flog er in die USA, mit Kleidung für zwei Wochen im Gepäck, machte ein Probetraining – und überzeugte auf ganzer Linie. Er erhielt einen Vertrag bei den Minnesota Vikings, wurde somit als erster Europäer gedraftet, der nicht zuvor für ein College-Team gespielt hatte. Letztlich sind aus zwei Wochen vier Jahre geworden, auf die zwei Spielzeiten bei den Vikings folgten zwei weitere bei den Cincinnati Bengals. „Es war“, sagt Moritz Böhringer, „eine prägende Zeit.“ Allerdings auch keine ganz einfache.
Der Tight End war einen Weg in die NFL gegangen, der zuvor als nahezu unmöglich gegolten hatte. Am Ziel seiner Hoffnungen kam er trotzdem nicht an: Moritz Böhringer blieb ohne Einsatz in einem Spiel der besten Liga der Welt. Vier Jahre hat er nur trainiert und versucht, auf sich aufmerksam zu machen, als Profi des Reserveteams den Kollegen stets das Beste gewünscht, obwohl er von der Verletzung eines Stammspieler profitiert hätte. „Ich war, vor allem bei den Bengals, knapp vor einem Einsatz, habe immer alles gegeben. Doch letztlich hat es nicht gereicht“, sagt Moritz Böhringer, „trotzdem war es eine tolle Erfahrung. Ich habe sehr viel gelernt – im Football und fürs Leben.“
Für die dreckigen Yards zuständig
Davon profitiert nun auch Stuttgart Surge. Moritz Böhringer ist der prominenteste Name im Kader und dennoch ein Spieler ohne jegliche Starallüren. „Er macht für die Mannschaft, was er kann, passt charakterlich perfekt in unseren Kader“, sagt Trainer Jordan Neuman, „wenn er den Ball hat, löst er die Situation. Aber er stellt keine Ansprüche, wie oft der Ball zu ihm muss.“ Das würde dem Naturell des Profis, der in Aalen wohnt, auch gänzlich widersprechen. „Ich habe kein Problem damit, für die dreckigen Yards im Spiel zuständig zu sein“, sagt Moritz Böhringer, „diese Rolle sagt mir zu. Ich muss nicht im Mittelpunkt stehen. Wichtig ist, dass die Mannschaft ihr großes Potenzial zeigt.“
Dass Stuttgart Surge nun über viel mehr Qualität als früher verfügt, liegt an den Jungs, die Jordan Neuman mit gutem Auge gescoutet hat. Und ein bisschen am Zufall.