Alex und Rudi Hoffmann erfüllen sich seit zweieinhalb Jahren ihren Traum vom Profi-Boxen. Die 28-jährigen Zwillinge sind bislang jeden Schritt zusammen gegangen – der nächste soll sie zum EM-Titel führen.
Wille, Hingabe, Erfüllung, Schmerz, Enttäuschung, Teamgeist, Ziel, Traum. Diese Worte hängen in großen Lettern an den Wänden des Olymp Gyms in Villingen-Schwenningen. Neben jedem der Worte – und auch auf weiteren Plakaten – blickt man zu einigen der größten Sportler aller Zeiten auf: Michael Jordan, Serena Williams, Michael Phelps sind nur drei der bekannten Gesichter. Auch diverse Box-Legenden dürfen natürlich nicht fehlen, von Muhammad Ali bis hin zu Floyd Mayweather, von Mike Tyson bis Wladimir Klitschko.
Gym als zweites Zuhause
Zwei der Boxer, die tagtäglich in die Gesichter von Jordan, Ali und Co. blicken und Worte wie Wille und Traum wieder und wieder lesen, sind Alex und Rudi Hoffmann. Die 28-jährigen Zwillinge sind mittlerweile seit zweieinhalb Jahren Profi-Boxer. Das Olymp Gym ist schon seit mehr als fünf Jahren quasi ihr zweites Zuhause.
Anfänge im Tischtennis
Die beiden Brüder kamen 1995 gemeinsam mit ihrer Schwester als Drillinge in Stendal (Sachsen-Anhalt) zur Welt, kurz nachdem ihre Eltern aus Russland ausgewandert waren. Nach dem Umzug der Familie wuchsen sie in Rosenfeld auf. Die erste sportliche Liebe von Alex und Rudi war eigentlich das Tischtennis. „Als 14-Jähriger habe ich mit der U18 der SG Deißlingen bei den Deutschen Meisterschaften die Silbermedaille geholt und Rudi hat in Rosenfeld bei den Herren gespielt“, erzählt Alex Hoffmann. Doch der Traum von einer professionellen Karriere im Tischtennis musste schon bald für einen anderen Platz machen. Die Zwillinge entdeckten das Boxen für sich – inspiriert von Kampfsport-Legende Roy Jones Jr., der während seiner Profi-Karriere gleich in fünf Gewichtsklassen Weltmeister wurde. Schnell war klar: Auch in dieser Sportart konnte es für die „Hoffmann-Twins“ nur ein Ziel geben.
Erfolgsgeheimnis Disziplin
„Unsere Disziplin war schon immer das, was uns ausgezeichnet hat“, verrät Rudi Hoffmann das Erfolgsgeheimnis der beiden Profi-Boxer. Die ersten Jahre ihrer Amateur-Laufbahn, in denen sie unzählige Kämpfe bestritten, verbrachten die beiden beim BSV Rottweil – unter anderem trainiert von ihrem älteren Bruder. Seit 2016 arbeiten sie mit dem Coach Jurij Lukac zusammen, der ebenfalls bestätigt, was Alex und Rudi immer wieder betonen, wenn sie über sich und ihren Werdegang sprechen: „Ihre größte Stärke ist ihre Disziplin, die Zielstrebigkeit und der Ehrgeiz. Sie bringen mental alles mit, um sich ihre Träume zu verwirklichen.“ Als Lukac 2017 das Olymp Gym in Schwenningen eröffnete, verlagerten auch die Hoffmann-Twins ihren sportlichen Lebensmittelpunkt in die Doppelstadt.
Sprung zu den Profis
2020 war es dann so weit: Die Hoffmann-Brüder entschieden sich dafür, den Schritt ins Profi-Boxen zu wagen. Doch dann kam die Corona-Pandemie mit all ihren Lockdowns und Einschränkungen. Für die Hoffmanns entpuppte sich diese aber sogar als Glück im Unglück. Zum einen hatte sich Alex Anfang des Jahres die Hand gebrochen und konnte seine Verletzung rechtzeitig vor dem ersten Profi-Kampf auskurieren. Zum anderen hat die lange Wettkampfpause den beiden dabei geholfen, ihren Stil umzustellen und sich für das Profi-Dasein zu wappnen. „Amateur-Kämpfe sind kürzer und die Handschuhe sind besser gepolstert. Es geht vor allem darum, so viele Schläge wie möglich zu landen. Bei den Profis ist das ganz anders: Man hat mehr Zeit, die Lücken in der Deckung des Gegners zu finden. Und man muss viel härter zuschlagen können. Es hat Zeit gebraucht, bis wir bereit für diese Art von Kämpfen waren“, erzählt Rudi.
9-0-0 und 7-1-0
Seit ihrem jeweils ersten Profi-Kampf am 6. Dezember 2020 kann sich die Bilanz der Hoffmann-Brüder sehen lassen: Alex hat alle seine neun Kämpfe für sich entschieden, Rudi steht bei sieben Siegen und einem Unentschieden. Der achte Erfolg soll schon bald folgen: Am kommenden Samstag trifft Rudi im Eisstadion in Heilbronn auf den Tschechen Ondrej Toman. „Ich freue mich sehr auf den Fight! Ich weiß aber auch schon jetzt, dass er sehr hart werden wird.“
Doppelter Meistergürtel
Das bisherige Highlight ihrer Laufbahn erlebten die Zwillinge gemeinsam am 13. November 2021: Nach weniger als einem Jahr krönten sich Rudi und Alex jeweils zum (Internationalen) Deutschen Meister. „Dieses Ziel hatten wir uns von Beginn an gesetzt: Wir wollten nach einem Jahr um die Deutschen Meistergürtel kämpfen“, berichtet Rudi stolz. „Viele haben nicht geglaubt, dass wir das erreichen könnten, aber wir haben alles darangesetzt, diesen Traum wahrwerden zu lassen“, ergänzt sein Zwillingsbruder.
EM-Titel fest im Visier
Das nächste Ziel hatten die Brüder direkt vor Augen: Nach dem Deutschen Meistergürtel sollte nun auch der Europameister-Titel her. Darauf arbeiten sie aktuell hin, trainieren fast täglich hart, obwohl beide auch ihren normalen Berufen nachgehen. Rudi, der mit seiner Frau und seinem zweijährigen Sohn in Rosenfeld neben den Eltern lebt, arbeitet am Schwenninger Campus der Hochschule Furtwangen – sowohl als IT-Administrator als auch in der Forschung. Alex arbeitet in Schörzingen als Zerspanungsmechaniker, lebt aber inzwischen in Schwenningen. Die beiden trainieren nicht nur etwa 16 Stunden pro Woche, sondern verbringen auch ansonsten enorm viel Zeit im Olymp Gym, wo sie beispielsweise auch Trainingseinheiten mit anderen Kämpfern leiten. „Mir hat es enorm geholfen, auch mal in die Trainerrolle zu schlüpfen“, erzählt Alex.
Niemals gegeneinander
Ende 2024 wollten die Brüder um den EM-Gürtel kämpfen – vielleicht sogar gegeneinander in derselben Gewichtsklasse? „Auf keinen Fall“, sagt Rudi. „Einer von uns – vermutlich ich – würde es in einer niedrigeren Gewichtsklasse versuchen“, bestätigt Alex. Einen Kampf haben die Zwillinge tatsächlich gegeneinander bestritten, bei den Baden-Württembergischen Meisterschaften 2018. Diesen nutzten sie jedoch quasi als Sparring-Einheit, die Alex am Ende gewann. Wirklich gegeneinander zu kämpfen, ist für die beiden keine Option.
Felsenfester Glaube
Wie schon im Vorfeld der Deutschen Meisterschaften ist der Traum vom EM-Titel 2024 ambitioniert, in den Augen vieler vielleicht sogar unrealistisch. Aber das stört die Hoffmann-Twins nicht weiter. „Wir arbeiten hart und pushen uns tagtäglich gegenseitig. Wir sind fest davon überzeugt, dass wir unser Ziel erreichen können“, versichert Alex. Wer ihm dabei in die Augen schaut, sieht: Es ist kein Funken Zweifel zu erkennen.
„Du kämpfst zuerst gegen dich selbst“
Wille, Hingabe, Erfüllung, Schmerz, Enttäuschung, Teamgeist, Ziel, Traum. Wenige Menschen verkörpern diese Werte so sehr wie Alex und Rudi Hoffmann. Gerade in einem Sport wie Boxen, der mental enorm herausfordernd ist, erarbeiten sich die beiden Brüder jeden Karriereschritt mit ihrer Disziplin und Zielstrebigkeit. Bei jeder Trainingseinheit, jeder Kampfvorbereitung und jeder Diät gilt es, sich selbst zu überwinden. Bei den Kämpfen erst recht: „Du kämpfst zuerst gegen dich selbst – und dann gegen deinen Gegner“, beschreibt Alex Hoffmann seine Gefühlswelt vor Duellen.
Warum nicht?
Neunmal hat der 28-Jährige bislang seine Gegner – und sich selbst – besiegt. Für seinen Zwillingsbruder Rudi soll am kommenden Wochenende der achte Sieg im neunten Kampf her. Ein gemeinsamer EM-Titel 2024 – warum nicht?