Claus Vogt hat sein Schweigen gebrochen. Einen Rücktritt schließt der Präsident des VfB Stuttgart aus, stattdessen spart er in einem nicht abgestimmten Interview nicht mit harscher Kritik – was die Risse im Club nur noch tiefer werden lässt.
Im Grunde war dieser Mittwoch ja ein guter Tag für den VfB Stuttgart. Denn alle, die es gut meinen mit dem Club aus Bad Cannstatt, hätten ausschließlich schwärmen können von Maximilian Mittelstädt und dessen Tor der Marke Weltklasse im Länderspiel der deutschen Mannschaft gegen die Niederlande (2:1). So wie man sich vor rund zwei Wochen auch ausnahmslos hätte freuen können über die vier Nominierungen der VfB-Profis für die DFB-Auswahl. Wie seinerzeit kam es aber auch diesmal anders.
Vor zwei Wochen reagierte der Vereinspräsident Claus Vogt mittels eines auf der VfB-Homepage veröffentlichen Statements auf die zuvor erfolgte eigene Abwahl als Vorsitzender des Aufsichtsrats der VfB AG. Es war eine Erklärung, die den Club erschütterte, statt die Lage zu beruhigen. Nun, am Tag nach Mittelstädts Traumtor, erhebt der Clubchef in einem Interview mit dem „Kicker“ massive Vorwürfe – und sieht beim VfB Stuttgart einen „Kampf“ toben, der angeblich zum Ziel hat, dem Mutterverein jegliche Mitbestimmung zu entziehen. Kern von Vogts explosiven Botschaften: „Die Einmischung des Kapitals geht beim VfB nun deutlich zu weit.“ Im deutschen Fußball sei das „einzigartig“.
Einen Rücktritt, wie ihn die Cannstatter Kurve als Zusammenschluss von Ultra-Gruppierungen und weiteren offiziellen Fanclubs gefordert hat, lehnt der 54-Jährige kategorisch ab. Er sieht sich als Opfer einer Kampagne, werde „den Kampf“ sowohl beim VfB als auch bei der Deutschen Fußball-Liga (DFL) weiterführen und antwortet auf die Forderungen der Anhängerschaft mit dem Hinweis auf die satzungsrelevanten Formalitäten: „Nach wie vor ist aber unsere Mitgliederversammlung das höchste Organ und Gremium unseres Vereins, diese hat uns bzw. mich auch gewählt. Nur und ausschließlich diesem bin ich verpflichtet und Rechenschaft schuldig.“ Die nächste ordentliche Mitgliederversammlung findet am 28. Juli 2024 statt.
Porsche hegt keine Gewinnabsichten
Dass Vogt gegen Ende des Interviews sagt, er sei „dafür offen, aufeinander zuzugehen“, denn es gebe „ja Kompromisse“, klingt wie Hohn, wenn man liest, wie massiv er Zustände, Rechtsform, Mitstreiter und Investoren des VfB ansonsten kritisiert. Und wenn man bedenkt, dass keiner in Club und AG von Veröffentlichung und Inhalt des Gesprächs wusste.
Auslöser des nun immer größer werdenden Konflikts beim VfB Stuttgart ist Vogts Rolle beim Einstieg von Porsche als weiterer großer Investor der VfB AG. Über 40 Millionen Euro wollte der Autobauer im Sommer 2023 investieren – ohne Gewinnabsichten, wie man in Zuffenhausen immer wieder betont. Als Voraussetzung galt jedoch, dass Vogt zwar nicht die Präsidentschaft, aber doch den Vorsitz des Aufsichtsrats der VfB AG abgibt. Vogt jedoch, das sagte er nun, war lediglich bereit, die oft kritisierte Sitzungsleitung abzugeben, nicht aber den Posten.
Zum Politikum wurde das Ganze, weil der Clubchef einer entsprechenden Vereinbarung zum Rückzug vom Posten des Chefs des Kontrollgremiums schriftlich zugestimmt hatte. Nun verweist er auf den damaligen „Zeitdruck“. Er unterzeichnete also – was er heute als „Fehler“ sieht –, machte sich aber zugleich kundig, ob seine Unterschrift rechtlich überhaupt verbindlich ist. War sie wohl nicht, weshalb sich Vogt in der Folge nicht mehr an seine Zusage halten wollte. Sogar ein Rechtsgutachten, erklärt er, gebe es mittlerweile dazu.
Im Kern bestätigt diese Version der Geschichte genau das, was Kritiker am seit Ende 2019 amtierenden VfB-Präsidenten stets kritisieren. Er mache Zusagen, danach sehe die Sache aber wieder anders aus. Seine Abkehr von der gemachten Zusage im Sommer 2023 stellte er nun in Zusammenhang mit seinem Einsatz für die Einhaltung der 50+1-Regel. Er könne „nicht tatenlos zuschauen“, wenn diese Regel „gekonnt ausgehebelt werden soll“.
Vogt kritisiert also den VfB-Investor Porsche, den er seinerzeit noch voller Stolz mit präsentierte. Er hält Tanja Gönner für nicht geeignet als Vorsitzende des Aufsichtsrats, obwohl er sie einst für das Kontrollgremium vorgeschlagen hat. Er wendet sich von seinem Präsidiumskollegen Christian Riethmüller ab und attackiert letztlich indirekt auch den Vorstand der AG. Also die Personen, die nicht nur den Porsche-Deal eingefädelt und die Absichtserklärung haben aufsetzen lassen, die er selbst unterschrieben hat. Sondern eben auch jenes Trio aus Alexander Wehrle, Rouven Kasper und Thomas Ignatzi, das er selbst als Aufsichtsratschef zu Vorständen der VfB AG gemacht hat. Und deren Kurs er ja mitbestimmt und kontrolliert hat. Nun sagt er: „Ich bin nur den Mitgliedern und der Vereinssatzung verpflichtet.“
Der VfB als „investorengeführter Verein“?
Immerhin betont Claus Vogt auch, dass der VfB im vergangenen Sommer noch massive wirtschaftliche Probleme hatte, die die zugesagten Porsche-Millionen deutlich gelindert haben. Dennoch stellt er den Einstieg der Zuffenhausener nun als Beginn einer Art feindlicher Übernahme dar. Vogt sagt: „Wir müssen als VfB aufpassen, dass wir nicht ein investorengeführter Verein werden.“ Und: Gerade in Stuttgart müsse „der Mutterverein konfliktbereiter“ sein als anderswo. Sowohl Porsche und Mercedes als auch der AG-Vorstand des VfB hatten sich allerdings stets zur 50+1-Regel bekannt.
Als „Deal-Breaker“ wollte der Clubchef damals nicht gelten. Dass später nur seine Zusage an die einst versprochene Trennung von Präsidentschaft und Aufsichtsratsvorsitz öffentlich kritisiert worden sei und nicht jene der anderen im Kontrollorgan, habe mit der „Demontage meiner Person“ zu tun gehabt. Allerdings stellte ja auch nur er die Zusage nachträglich infrage. So ähnlich, wie er nach dem erfolgten und mit allen Gremien abgestimmten „Ja“ des VfB zum Investoren-Deal der DFL als einer der ersten Vereinsvertreter eine Neuabstimmung befürwortete.
Schon mit dieser nicht abgestimmten Aktion sorgte Claus Vogt intern für Kopfschütteln. Wie es nun weitergehen soll, ist mehr denn je unklar. Die Cannstatter Kurve hatte am vergangenen Freitag den sofortigen Rücktritt von allen drei Präsidiumsmitgliedern (Vogt, Riethmüller, Adrion) gefordert. Die Cannstatter Kurve hat dazu aufgerufen, am Sonntag zum Spiel gegen den 1. FC Heidenheim „alle in schwarz“ ins Stadion zu kommen. Das Motto: „Es reicht!“
Ganz so einhellig ist das Bild im Fanlager aber nicht. Viele stehen zwar hinter der im Kurven-Statement formulierten Kritik, sind aber gegen die komplette Auflösung des Vereinspräsidiums. Deren Wunsch: Nach einem sofortigen Rücktritt Vogts sollen Adrion und Riethmüller die Geschäfte führen, ehe sich dieses Duo auf der nächsten Mitgliederversammlung deren Votum stellt. Mittlerweile gibt es dazu gar eine Petition.
Der Riss, der sich durch den Verein und seine Gremien zieht, ist am Mittwoch eher riesengroß denn kleiner geworden. Auch tut sich nun wieder ein Graben zwischen Club und AG auf. Claus Vogt sagt via „Kicker“-Interview: „Wir sind im Sport, da können schon mal auf dem Platz harte Worte fallen, die darf man später nicht auf die Goldwaage legen, da muss man sportlich drüber stehen und vergessen können.“ Ob das in der aktuellen Konstellation beim VfB noch gelingen kann, ist allerdings nahezu unmöglich.